Wege aus der Klinik-Krise

Krankenhäuser und Kliniken in der Region kämpfen seit Jahren mit Problemen und immer neuen Herausforderungen. Einige sind dabei schon auf der Strecke geblieben – andere setzen auf neue Ideen und Konzepte. Aber reicht das?

» Die jährlichen Gesundheitsaufwendungen in Deutschland liegen mittlerweile bei mehr als 500 Milliarden Euro ... «

Das deutsche Gesundheitssystem zählt seit Jahrzehnten zu den besten der Welt. Ein tragendes Element der flächendeckenden medizinischen Daseinsvorsorge waren hierzulande immer die Krankenhäuser und Kliniken, gerade auch in ländlicheren Regionen. Doch vielerorts stehen diese Einrichtungen zumindest vor einer ungewissen Zukunft – der politische Wille der jeweils aktuellen Landes- und Bundesregierungen trifft auf den Zwang zur wirtschaftlichen Rentabilität. Und das manchmal mit ziemlicher Wucht.

Die jährlichen Gesundheitsaufwendungen in Deutschland liegen mittlerweile bei mehr als 500 Milliarden Euro, der Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt rund zwölf Prozent, Tendenz steigend. Heißt also: Eine gute medizinische Versorgung kostet viel Geld – und das muss am Ende des Tages auch verdient werden. Einige Häuser sind dadurch derart in Schieflage geraten, dass sie ganz oder teilweise schließen mussten. Steigende Kosten bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen, dazu der Fachkräftemangel, das oft nicht tragfähige Fallpauschalen-System – die Gründe sind vielschichtig.

Die strukturellen Veränderungen der vergangenen drei Jahrzehnte haben bei vielen Krankenhäusern und Kliniken mindestens sichtbare Spuren hinterlassen, speziell in der jüngeren Vergangenheit. Schließungen wichtiger Abteilungen oder sogar ganzer Häuser – beispielsweise in Holzminden, Seesen, Bad Gandersheim oder Alfeld – waren die Folge. Im Internet gibt es inzwischen Seiten, die nichts anderes tun, als Berichte über bevorstehende oder bereits erfolgte Krankenhausschließungen aus ganz Deutschland zusammenzutragen. Tatsächlich ist die Anzahl der Krankenhäuser in den vergangenen 25 Jahren deutlich gesunken. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab es im Jahr 2000 noch 2242 Krankenhäuser in Deutschland; 2023 waren es demnach nur noch 1874. 

Und: Die neue Krankenhausreform, die eher auf ­Spezialisierungen setzt statt auf flächendeckende „All-inclusive“-Angebote, könnte dazu führen, dass in der Fläche weitere Häuser der Grund- und Regelversorgung verlorengehen. Spannend ist dabei nun vor allem die Frage, wie die Häuser selbst dieser häufig nicht selbst verschuldeten Unsicherheit begegnen. 

Das Bürgerspital in Einbeck hat zum Beispiel turbulente Jahre hinter sich – ist aber immer noch da. Und das ist keineswegs selbstverständlich. Bereits 2013 wären dort fast schon die Lichter ausgegangen, wenn nicht einige Einbecker Familien und Privatinvestoren mit frischem Kapital den Betrieb des Hauses gerettet hätten. Seitdem heißt das Krankenhaus Bürgerspital, auch wenn das damalige Konzept nur für etwa fünf Jahre aufging und in einer Insolvenz endete. Heute gehört das Haus zum Ergéa-Verbund, zu dem auch die Praxis Strahlentherapie Südniedersachsen am Waldweg in Göttingen gehört. Dessen Standortleiter­ Fabian Schlaich fungiert neuerdings zusätzlich als Ärztlicher Direktor im Einbecker Krankenhaus – und unterstützt in dieser Funktion auch den Bürgerspital-Geschäftsführer Michael Abert. Der wiederum hat eine kleine Vision: „Wir beide wollen in diesem Haus alt werden“, sagt Abert. Und macht damit direkt klar, dass er auf Konti­nuität setzen will. „Dass wir mit Herrn Schlaich einen Mediziner neu ins Team holen, unterstreicht dabei auch den Anspruch, den wir haben.“ 

Das Bürgerspital genießt bei Patienten wie auch beim eigenen Personal einen guten Ruf: „Wir sind hier tatsächlich personell – abgesehen vom Bereich der Pflege – sehr gut aufgestellt. Und es ist auch gar nicht so schwer, medizinisches Fachpersonal für dieses Haus zu begeistern“, verrät Abert. Das Erfolgsrezept: „Man hält hier wirklich zusammen, es geht sehr familiär zu. Und deshalb arbeiten die Menschen hier gern.“ 

Natürlich braucht es für einen erfolgreichen Betrieb auch die entsprechende medizinische Expertise. Die Unfallchirurgie etwa genießt großes Vertrauen in der Bevölkerung, ebenso wie andere Abteilungen. Und für die neue Endoskopie wurde zum Beispiel zuletzt sogar noch „viel Geld in die Hand genommen“, um die Einrichtung auf modernste Standards zu bringen und konkurrenzfähig zu halten. „Natürlich hat aber auch unser Haus seine Probleme. Unser größtes ist hier sicherlich die Bausubstanz. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1970, und das merkt man an vielen Stellen“, weiß Abert. Etwa bei der Energieeffizienz. Dazu komme die planerische Unsicherheit: „Wir sind hier bewusst ein Grund- und Regelversorger, und das wollen wir sehr gern auch bleiben. Es liegt aber nicht in unseren Händen, wenn die Politik etwas anderes vorgibt.“

Fabian Schlaich jedenfalls ist von dem Haus angetan und will es gern mit weiterentwickeln: „Zu meinen Aufgaben gehört es auch, zwischen wirtschaftlichen Notwendigkeiten und medizinischem Anspruch Brücken zu bauen. Ich will vor allem aber auch Ansprechpartner für die Kolleginnen und Kollegen sein.“  

In Einbeck hält man also die Fahne der Grund- und Regelversorgung hoch; andernorts wurden hingegen andere Entscheidungen nötig. In Bad Gandersheim setzt man etwa nach der Schließung der Helios-Klinik vor knapp zweieinhalb Jahren auf eine Neuausrichtung als „BürgerGesundheitsPark“ – ein regionales Gesundheitszentrum, das von der Universitätsmedizin Göttingen betrieben wird (welche durch den milliardenschweren Neubau selbst vor großen Herausforderungen steht) und als eine Art „Mini-Krankenhaus“ mit kurzstationären Behandlungen punktet. Aktuellen Medienberichten zufolge steht dieses derzeit allerdings gerade wieder auf der Kippe; bestätigt ist das jedoch noch nicht.

Auch im Johanniter-Krankenhaus in Gronau (Landkreis Hildesheim) arbeitet man lieber an der Zukunftsfähigkeit, statt über die Vergangenheit zu klagen oder anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Zur Wahrheit gehört hier allerdings auch, dass man von den Schließungen und Teilschließungen anderer Häuser in der Umgebung profitieren kann: „Mit dem Wegfall verschiedener Grund- und Regelversorger in der Region änderte sich für die Klinik die Gesamtsituation“, beschreibt eine Sprecherin auf faktor-Anfrage. Speziell die Entwicklungen im benachbarten Alfeld dürften hier eine wesentliche Rolle gespielt haben.

Das Ameos-Klinikum Alfeld hatte zum 1. Mai 2024 sein Angebot erheblich reduziert und dabei nicht nur die Bettenanzahl mehr als halbiert (von 125 auf 50), sondern unter anderem die Notaufnahme geschlossen. Die Orthopädie und die Schmerztherapie blieben dort zwar erhalten, das Krankenhaus fiel aber aus der Grund- und Regelversorgung heraus. Stattdessen setzt Ameos in Alfeld – Stichwort Spezialisierung – auf eine neue, geschützte Eingliederungseinrichtung mit 60 zusätzlichen Betten für Menschen mit seelischen Erkrankungen. Hier bestehe gerade in Niedersachsen ein besonders hoher Bedarf an Behandlungsplätzen, ließ das Unternehmen verlauten.

Die Geschäftsleitung des Gronauer Krankenhauses, das seit Jahrzehnten in direkter Konkurrenz zum Alfelder Krankenhaus gestanden hatte, stellte nach den Entscheidungen des Ameos-Konzerns beim Sozialministerium für ihr eigenes Haus einen Förderantrag, der im Sommer 2024 im Krankenhaus-Planungsausschuss erörtert wurde. Der Planungsausschuss ist dem Sozial­ministerium zugeordnet und spielt eine wichtige Rolle bei der strategischen Planung von Krankenhaus- }

-strukturen. Er dient der Sicherung der stationären Versorgung – und er hat entschieden, dass das Johanniter-Krankenhaus in Gronau für eine sogenannte ­„baufachliche Prüfung“ zugelassen wird. Das ist keine Förderzusage, jedoch ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Modernisierung des Hauses.

„In der Zwischenzeit haben wir uns beim Niedersächsischen Amt für Bau und Liegenschaften vorgestellt“, erläutert die Sprecherin weiter. Aktuell werde schrittweise die vorhandene Grobskizzierung für das Vorhaben noch­mals überarbeitet, im engen Austausch mit der Behörde. Wann die tatsächliche Förderung erfolgt und in welcher Höhe, steht derzeit noch nicht fest. Die jetzige Planungsphase soll jedenfalls etwa bis Anfang 2027 dauern.

Geplant ist der Bau von neuen OP-Sälen, eine moderne Zentrale Notaufnahme und die Neustrukturierung der Stationsbereiche. Hier sollen künftig nur noch Ein-  und Zweibettzimmer angeboten werden. Zudem ist geplant, die Bettenzahl des Gronauer Krankenhauses von 111 auf 136 zu erhöhen.

In den etwas größeren Städten gibt es ebenfalls Positiv-Beispiele für erfolgreiche Neuausrichtungen. In Northeim haben die Neubauten des Helios-Klinikums und des direkt benachbarten Ärztehauses, beides unmittelbar an der A7-Abfahrt Northeim-Nord gelegen, erheblich zur Zukunftssicherung des Standorts beitragen können. In Holzminden ist in den Räumlichkeiten des ehemaligen Krankenhauses mittlerweile ein medizinisches Versorgungszentrum mit neun Facharztpraxen und einem ambulanten Operationszentrum entstanden.

Und im Oberzentrum Göttingen wäre exemplarisch etwa das Krankenhaus Neu-Mariahilf zu nennen, das noch im Jahr 2013 nach fast 150-jähriger Geschichte vor einer ungewissen Zukunft gestanden hatte – zumindest stellte der damalige Träger die langfristige Überlebensfähigkeit seinerzeit infrage. 

Das Evangelische Krankenhaus Göttingen-Weende übernahm schließlich im Frühjahr 2014 Neu-Mariahilf, modernisierte das Haus schrittweise und gliederte ein medizinisches Versorgungszentrum an, dessen Ärztinnen und Ärzte die Infrastruktur des Krankenhauses etwa für Operationen mit nutzen können. Zudem setzte man auf Synergien mit dem eigenen Haupthaus und lagerte einige Abteilungen und Einrichtungen von dort ins Krankenhaus Neu-Mariahilf aus, darunter die Krankenpflegeschule, das Hospiz an der Lutter, die Endoprothetik und die Gynäkologie.

Eine Geburtshilfe gibt es hier seit September 2024 allerdings auch nicht mehr – sie musste wegen personeller Engpässe schließen. „Wir alle hätten uns eine andere Lösung gewünscht und bedauern diese Entscheidung sehr“, erklärte Michael Karaus, medizinischer Geschäftsführer am Weender Krankenhaus, damals in einer Pressemitteilung. Die Personalsituation in der Abteilung habe – aus Verantwortung den werdenden Müttern und ihren Babys gegenüber – einen Weiterbetrieb nicht zugelassen. Auch Häuser, die erfolgreich neue Wege einschlagen, stehen also manchmal doch vor praktisch unlösbaren Problemen. In diesem Fall hatte der Fachkräftemangel schmerzvoll zugeschlagen.

Wer in Duderstadt, Hann. Münden, Witzenhausen oder Heilbad Heiligenstadt nachfragt, wird vermutlich ebenfalls nicht nur rosarote Zukunftsaussichten skizziert bekommen. Dennoch zeigt sich: Es gibt Wege aus der Krankenhaus- und Klinik-Krise, auch in Südniedersachsen und in den angrenzenden Regionen. Den Verantwortlichen ist bewusst, dass diese Wege steinig werden können und vielleicht auch mal größere Baustellen erfordern. Aber wenn all das am Ende zur nachhaltigen Stabilität des deutschen Gesundheitssystems beiträgt, ist es die Mühen wert. Damit es auch in Zukunft weiter zu den besten der Welt zählt. ƒ

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