Weg des Wissens

Text von: Stefan Liebig

Gäste aus Fernost treffen sich in Göttingen zur China-Woche mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zum Gedankenaustausch.

Ökonomen sind sich sicher: Die chinesische Wirtschaft wird schon in wenigen Jahren die stärkste der Welt sein.

Einer Prognose der Weltbank zufolge erobert die Volksrepublik die Führungsposition im Jahr 2020. Grund genug für andere Wirtschaftsnationen, gute Kontakte nach Fernost zu pflegen.

Mit den bereits vor einem Vierteljahrhundert aufgenommenen intensiven Kontakten zu herausragenden chinesischen Hochschulen erarbeitete sich die Georg-August-Universität auf dem Gebiet der Wissenschaftskooperation eine hervorragende Ausgangsposition. Gemeinsam mit der südniedersächsischen Wirtschaft besteht großes Interesse, die bereits vielfältig bestehenden Verflechtungen weiter zu intensivieren.

Die Ausrichtung der China-Woche vom 6. bis 9. Juli 2010 untermauert diesen Ansatz. Unter dem Titel „China: Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur“ wird die Volksrepublik als Bildungsstandort, Wirtschaftspartner und Kulturnation vorgestellt. Bundesweit finden 2010 im Rahmen des deutsch-chinesischen Jahres der Wissenschaft und Bildung 45 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte China-Wochen an deutschen Universitäten statt.

„Wir sind stolz darauf, dass unsere Veranstaltung zu den attraktivsten gehört“, sagt Hiltraud Casper-Hehne, die als Universitäts-Vizepräsidentin für die Organisation zuständig ist. Beleg dafür sei die außerordentlich hohe Zahl von über 130 hochrangigen chinesischen Delegierten, die in den vier Tagen in der Leinestadt erwartet werden.

In Podiumsdiskussionen, Workshops und bei kulturellen Veranstaltungen erhalten sie die Gelegenheit, sich mit ihren deutschen Kollegen auszutauschen. „Dabei bietet sich beiden Seiten die Möglichkeit, gegenseitige Erwartungshaltungen und auch kritische Fragen zur gemeinsamen Zukunft zu erörtern“, erklärt Casper-Hehne, die Leiterin der Abteilung Interkulturelle Germanistik und des deutsch-chinesischen Instituts für Interkulturelle Germanistik und Kulturvergleich an der Georg-August-Universität ist.

Mit der Eröffnung des Centre for Modern East Asian Studies (CeMEAS) steht gleich nach den Grußworten und der Eröffnungsrede des chinesischen Botschafters Wu Hongbo einer der Veranstaltungshöhepunkte auf der Tagesordnung.

Das Zentrum steht für eine Neuausrichtung der Göttinger Ostasienwissenschaften sowie die Förderung des Chinesischen als Fremdsprache bei deutschen Schülern und Studenten durch die Einrichtung eines Studiengangs zur Ausbildung von Lehrern und Dozenten.

Der künftige kommissarische Vorstandsvorsitzende und Inhaber der Stiftungsprofessur Ostasienwissenschaften Axel Schneider sieht Nachholbedarf in der fernöstlichen Forschungslandschaft: „China ist drei Mal so groß wie Europa. Trotzdem haben wir an den meisten deutschen Universitäten 600 oder 700 Leute, die sich mit Europa beschäftigen und nur eine Handvoll, die sich mit China befassen.“

Mehr Pluralität in der Forschung soll durch China-Experten in allen wichtigen Fachbereichen erreicht werden. Ein zukunftsgerichtetes Projekt, mit dem die Universität im Rahmen der Exzellenzinitiative ihre Internationalisierungsstrategie in Forschung und Lehre vorantreibt.

So konnte mit Hilfe der neu gegründeten Auslandsrepräsentanz an der Universität Nanjing die Zusammenarbeit weiterentwickelt werden. Vor allem in den Rechts- und Naturwissenschaften sowie der Germanistik, aber auch in den Forst-, Agrarund Geowissenschaften ergaben sich überaus fruchtbare Kooperationen.

Für eine gute internationale Zusammenarbeit stellt auch das interkulturelle Verständnis eine wesentliche Grundlage dar. Daher achteten die Programmgestalter der China-Woche sehr darauf, die Göttinger Region und Bevölkerung einzubinden. Insbesondere gilt dies für den zweiten, von der Universität Nanjing durchgeführten Veranstaltungstag.

Auf dem Campus und in der Innenstadt gewähren die asiatischen Gäste Einblicke in traditionelle Musik, Kalligraphie sowie Papierschneidekunst. Sie stehen zum Gespräch bereit und repräsentieren ihre Universität als Studien- und Forschungsstandort. Den Abschluss des Kulturprogrammes an diesem Tag gestaltet das 20-köpfige Chinese Folk Music Orchestra mit einem öffentlichen Konzert im Alten Rathaus.

An allen Abenden des Events finden Musikveranstaltungen und Filmvorführungen statt und bieten einen abwechslungsreichen Rahmen für die Veranstaltung. Ein Programm, das neben hohem Engagement der Universität Göttingen selbstverständlich auch finanzielle Förderung benötigt.

Ohne nachhaltige Unterstützung aus der regionalen Wirtschaft gäbe es etwa die Stiftungsprofessur „Ostasienwissenschaft“ an der Universität Göttingen nicht. Neben der Sparkasse Göttingen engagierten sich die KWS Saat, Thimm Verpackung, Sievert (Osnabrück) und die Nord LB.

Und ohne dieses Initiativ- Sponsoring hätte auch das Erziehungsministerium der VR China nicht zwei weitere Professuren für 18 Jahre gefördert. Rainer Hald, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Göttingen, zum Engagement seines Unternehmens: „Die Universität ist ein wesentlicher faktor für unternehmerische Standortentscheidungen und ermöglicht zum Beispiel über Ausgründungen die Ansiedlung zukunftsträchtiger Branchen und Unternehmen vor Ort. Die Förderung von Bildung und Wissenschaft mit seinen vielen sehr unterschiedlichen Facetten ist für unser Haus ein bedeutender Bestandteil unseres gesellschaftlichen Engagements.“

Auch eine Veranstaltung wie die China- Woche, die ebenfalls von der Sparkasse gefördert wird, wäre ohne ein solches Sponsoring unmöglich. „Wir sind diesen Unternehmen sehr dankbar für ihr bemerkenswertes Engagement, ohne das unsere Forschung und unsere guten partnerschaftlichen Beziehungen zu den chinesischen Universitäten nicht in diesem Umfang realisierbar wären“, so Casper-Hehne, die im April von der Göttinger Partnerhochschule, der Beijing Foreign Studies University, mit einer Ehrenprofessur ausgezeichnet wurde.

Mit der Bereitschaft, in die guten Verbindungen zum aufstrebenden China zu investieren, und mit vielen gemeinsamen Forschungsprojekten kann die Region Südniedersachsen hoffnungsvoll in eine erfolgreiche Zukunft mit China als Partner blicken.