Wald als Wert

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Text von: redaktion

Forstexperte Bernhard Möhring über die Kapitalanlage Wald, ihre enorme volkswirtschaftliche Bedeutung und absurde Stilllegungspläne.

Herr Professor Möhring, Sie haben die große wirtschaftliche Bedeutung von Forst und Holz in Niedersachsen unter die Lupe genommen und neben der Forstbranche auch die vor- und nachgelagerten Bereiche untersucht. Wie wichtig ist die Branche? Die Branche hat 2005 in Niedersachsen 15 Milliarden Euro Umsatz erzielt und damit 3,4 Prozent der Gesamtumsätze. In über 10.000 Unternehmen arbeiten landesweit mehr als 77.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte. Die Urproduktion – die Forstwirtschaft – hat aber nur einen sehr bescheidenen Anteil daran. Hier kommt zwar der Rohstoff her, die Umsätze werden aber vorrangig an anderer Stelle getätigt, etwa im Holzhandel, der Holzbe und -verarbeitung, dem Holzbau und dem Papier und Druckgewerbe.

Gibt es Ergebnisse, die Sie überrascht haben? Unsere Studie zeigt beispielsweise in Niedersachsen einen Anstieg von 500 zusätzlichen Unternehmen im Zimmereibereich im Jahr 2005. Hintergrund ist, dass sich seitdem Gesellen auch ohne Meisterprüfung selbständig machen können. Wir konnten außerdem – im Gegensatz zum Ruf der Branche als eine sehr regionale – die enorme Bedeutung der Holzexporte in die benachbarten Bundesländer und darüber hinaus deutlich machen. Dort sind in den vergangenen Jahren große Holzverarbeitungskapazitäten entstanden.

Haben denn diese Ansiedlungen Auswirkungen auf die hiesige Holzindustrie?Natürlich wird der Strukturwandel auch dadurch verstärkt. Kleinere und weniger konkurrenzfähige Holzverarbeiter mit einer teilweise sehr langen Tradition in unserer Region sind in den vergangenen Jahren vom Markt verschwunden. Man darf aber nicht vergessen, dass die Branchengrößen mit ihren modernen Technologien auch gewaltige Innovationsschritte gemacht und dadurch wichtige Exportmärkte erschlossen haben, die es früher in der Form nicht gegeben hat.

Was hat Ihre Studie denn bislang bewirkt? Es ist schwierig, die aktuellen Entwicklungen an einer Studie festzumachen. Ich bin mir aber sicher, dass die Studie dabei geholfen hat, die große wirtschaftliche Bedeutung des Bereiches Forst und Holz zu kommunizieren. Sie hat dazu geführt, klarzumachen, dass der Rohstoff Holz ein ganz wichtiger ist – denn er ist erneuerbar. Das Flächenland Niedersachsen verfügt dabei über relevante Potenziale – sowohl auf der Rohstoffseite als auch auf der Seite der weiterverarbeitenden Industrie. Weil die Studie die Forst- und Holzbranche gemeinsam darstellt, entsteht dabei auch so etwas wie eine gemeinsame Identität und eine gemeinsame Verantwortung für den Rohstoff Holz. In der Vergangenheit wurde der Wald von der Öffentlichkeit und der Politik überwiegend als Raum für Naturschutz und Erholung wahrgenommen. Frei nach dem Motto: „Ein nicht genutzter Wald ist ein guter Wald.“ Vielleicht hilft die Studie ja auch, dass die verantwortungsvolle Nutzung unserer Wälder, also die nachhaltige Forstwirtschaft, positiver belegt wird. Denn dahinter steht ein sehr intelligentes Konzept, das die Naturschutz- und Erholungsziele integriert.

Gibt es denn Bestrebungen, den Wald stillzulegen? Ja, gerade im Rahmen der letzten Biodiversitätskonferenz in Bonn und zwar sowohl von politischer als auch verbandspolitischer Seite. Dem Unter-Schutz-Stellen von Wald stimme ich generell zu, aber nur dort, wo es auch einem konkreten übergeordneten Erhaltungsziel dient. Im Rahmen einer pauschalen Stilllegung von zehn Prozent unserer Waldfläche wäre dieser Schritt nicht sinnvoll. Dies erscheint mir – auch vor dem Hintergrund des knappen Rohstoffes Holz und der Klimadiskussion – als wenig intelligent. Wir dürfen dabei auch nicht vergessen, dass unsere Wälder heute so artenreich sind, weil sie über 200 Jahre nachhaltig bewirtschaftet wurden. Naturschutz ist bei uns schon lange integraler Bestandteil einer multifunktionalen Forstwirtschaft, das funktioniert auch ohne zusätzlichen Schutzstatus.

Was muss denn in der nächsten Zeit passieren, damit möglichst alle, sich teils widersprechende, Nutzungsinteressen an den Wald befriedigt werden können?Wir haben herausgefunden, dass es große, neue Herausforderungen gibt, wir stehen an einer Zeitenwende. Schwachholz etwa ist heute ein rares Produkt, das vor 20 Jahren noch verpönt war. Auch der Klimawandel und die zunehmende Nachfrage nach Brennholz spielen eine Rolle. Die Forst- und Holzbranche muss noch enger zusammenrücken und gemeinsame Strategien im Sinne der nachhaltigen und effizienten Produktion sowie Nutzung von Holz entwickeln. Ich denke zum Beispiel an eine so genannte Kaskadennutzung: Der wertvolle Rohstoff Holz wird in mehreren Stufen von der höchstmöglichen Verwendung – also Balken oder Furnier – bis letztendlich zur energetischen Verwendung genutzt. Heute wird leider noch ein Großteil des Altholzes deponiert und wird noch nicht energetisch genutzt.

Welche Rolle spielt die Holzverarbeitung in Südniedersachsen? Mit dem hohen Waldanteil einher geht auch eine relativ große Bedeutung der Holzverarbeitung, die bei uns traditionell eine wichtige Rolle spielt. Leider haben wir es den Verarbeitern in der Region nicht immer leicht gemacht. Ich denke da beispielsweise an die Firma Glunz, die in Göttingen ein Spanplattenwerk hatte. Die zahlen jetzt ihre Steuern woanders.

Probleme gibt es ja derzeit auch woanders, nämlich bei Klausner in Adelebsen… Das Unternehmen hat dort ein hoch innovatives Sägewerk aufgebaut, Adelebsen ist auch aus europäischer Sicht ein wichtiger Holzverarbeitungsstandort. Modernste Technologie in einer waldreichen Gegend – eine Zerschlagung des Werkes halte ich auch deshalb für extrem unwahrscheinlich. Trotz derzeitiger Probleme, da bin ich mir recht sicher, wird in Adelebsen auch in Zukunft mit modernster Technik Nadelschnittholz produziert.

… auch künftig von Klausner? Von wem auch immer. Aber da möchte ich mich ungern an Spekulationen beteiligen.

Sie arbeiten maßgeblich zusammen mit dem Betriebswirtschaftlichen Büro Göttingen an forstlichen Betriebsvergleichen. Was machen die besten Forstbetriebe besser? Wir vergleichen 71 Forstbetriebe mit 110.000 Hektar aus ganz Deutschland. Wir nennen das Benchmarking. Die Besten sind interessiert an einem stetigen Austausch mit anderen, sind offen für Innovationen, informieren sich ständig über Marktpartner und -entwicklungen und kooperieren im Einkauf wie im Verkauf mit anderen. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis ist: Betriebe sind dann erfolgreich, wenn sie erkannt haben, dass nicht der Waldbau im Zentrum ihrer Arbeit steht, sondern der Kundennutzen. Ich sage nur: schnelle Lieferung, bedarfsgerechte Holzaushaltung und ein hohes Maß an Flexibilität. Außerdem haben wir Waldbesitzer, die mit Nebennutzungen und Dienstleistungen sehr erfolgreich sind, etwa mit Jagd- und Schmuckgrünverkauf oder aber ihren Wald für Tourismus und Events nutzen – also kundennah gesellschaftliche Bedürfnisse aufgreifen.

Wenn Holz so sehr begehrt ist – lohnt sich Wald als Kapitalanlage? Die langfristige Wahrnehmung der Waldbesitzer ist, dass es sich im Prinzip gelohnt hat, Wald zu besitzen. Zwar über viele Jahre und Jahrzehnte mit sehr bescheidenen Ergebnissen, aber in den seltensten Fällen so, dass man Einkommen zuschießen musste. Und das, obwohl der Forst wesentlich weniger öffentliche Förderung als beispielsweise die Landwirtschaft erfährt – obgleich die Forstbranche deutlich höhere gesellschaftliche Leistungen erbringt. Wald ist als Wert sehr stabil. Er wird jedoch kaum gehandelt, nur ein Prozent pro Jahrzehnt kommt überhaupt auf den Markt. Die Leute halten ganz überwiegend an ihrem Wald fest und sind damit auch ganz glücklich. Die Kapitalrentabilität ist aber niedrig: Bei Renditen um die ein bis zwei Prozent lohnt Wald in Deutschland – zumindest derzeit – noch nicht als Spekulationsobjekt für institutionelle Anleger.

Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: Bernhard Möhring

Interview & Fotograf: Christian Mühlhausen