Von Superfrüchten und Neuropushern

Text von: Sebastian Günther, redaktion

Sensorikforscher Dag Piper von der Symrise AG in Holzminden über Trends und Visionen moderner Ernährung.

Herr Piper, Ihr Arbeitgeber, die Symrise AG, hat an der Zukunftsstudie „Future Living 2030“ des Netzwerks „future-bizz“ mitgewirkt. Diese stellt fünf Szenarien vor, wie sich das Leben der Menschen bis zum Jahr 2030 verändern kann.

Warum beschäftigt sich Symrise mit dem Thema „Zukunft“?

Dag Piper: Symrise ist unter anderem in der Markt- und Konsumentenforschung tätig. Dabei ist es immer wichtig, die zukünftigen Entwicklungen im Blick zu behalten.

Deshalb betreibt Symrise intensive Trendforschung, um herauszufinden, was in den nächsten zehn Jahren und darüber hinaus passiert. In diesem Rahmen sind wir auch in verschiedenen Beiräten wie dem Trendforum, forward2business oder dem Netzwerk future-bizz vertreten.

Welchen Beitrag haben Symrise und insbesondere Sie persönlich zur Studie „Future Living 2030“ geleistet?

Gemeinsam mit meinen Mitarbeitern haben wir die Studie mit Inhalten versorgt. Dabei habe ich mich auf mein Schwerpunktthema, die Konsumentenforschung im Bereich Lebensmittel, konzentriert. Hier sind vor allem unsere Ergebnisse aus der Trendforschung in die Studie eingeflossen.

Was wird sich demnach in Sachen Lebensmittelkonsum in den kommenden 20 Jahren grundsätzlich verändern?

Abgesehen davon, dass außer der Fernsehzeitung niemand sagen kann, was in der nächsten Woche passiert, existieren doch schwache Signale, die sich deuten lassen.

Alles überlagern wird ein „hybrider“ Konsument. Dieser wird je nach Situation bis zu fünf Zielgruppen in sich vereinen. Das kann jeder schon heute bei sich selbst feststellen. Wir reagieren anders auf Produkte, wenn wir uns im familiären Umfeld, im Büro oder am Wochenende mit Freunden im Fußballstadion bewegen.

Besondere Bedeutung werden darüber hinaus der faktor Zeit, das Thema Energie und Ruhe sowie das von mir so genannte „magische Dreieck“ erlangen.

Was ist unter dem „magischen Dreieck“ zu verstehen?

Es umfasst Convenience (Bequemlichkeit), Indulgence (Selbstverwöhnung) und Health (Gesundheit). Rein Convenience wäre ein Latte Macchiato to Go, rein Indulgence ein Magnum-Eis und Health eine Vitamin-C-Pille.

Erfolg in der Lebensmittelbranche wird in Zukunft von der richtigen Positionierung in diesem Dreieck abhängen. Ein Produkt sollte daher möglichst alle Seiten des Dreiecks vereinen. Der Idealfall wäre zum Beispiel ein Gesundheitsprodukt, das zugleich genussvoll und mobil ist.

Darüber hinaus soll die Zeit eine wichtige Rolle spielen. Wie viel Zeit werden wir überhaupt noch für das Essen verwenden?

Insgesamt weniger. Der Erfolgsdruck wird noch weiter steigen und dazu die Angst vor sozialem Abstieg. Um mithalten zu können, steht die körperliche und mentale Fitness im Mittelpunkt.

Dabei ist Zeit ganz entscheidend. Denn wer ständig unter Zeitdruck steht, leidet unter Stress. Ein Beispiel aus dem Alltag: In Fahrstühlen ist schon heute der am meisten gedrückte Knopf nicht der für das Erdgeschoss, sondern die Taste zum Schließen der Tür.

Die Leute wollen Zeit sparen – auch beim Essen. Deshalb werden in der Lebensmittelbranche zeitsparende Produkte weiter an Bedeutung gewinnen. An die Stelle der klassischen drei Mahlzeiten wird in Zukunft vermehrt das „Snacking“ treten, mit zehn bis zwölf kleinen Snacks pro Tag.

Welche Rolle spielen Energie und Ruhe?

Dabei ist erneut zu sagen, dass der Druck durch die multiplen Erwartungen enorm steigen wird. Dies verlangt von den Menschen eine ständige Leistungsbereitschaft. Schon heute gibt es viele Produkte, die auf eine erhöhte Leistungsfähigkeit abzielen, wie zum Beispiel Energydrinks.

In Zukunft wird der Weg allerdings mehr in Richtung natürliche Energie gehen. Es wird weniger über Wirkstoffe wie Taurin oder Koffein gehen, sondern mehr über Superfrüchte.

Was kann sich der Konsument darunter vorstellen?

Superfrüchte sind zum Beispiel Granatäpfel oder die chinesischen Goji-Beeren, deren natürliche Extrakte zur Energiegewinnung beitragen. Der Markt für Produkte als natürliche Energielieferanten wird sich extrem ausdehnen und ausdifferenzieren.

In zehn bis zwanzig Jahren wird Energy völlig normal sein wie heutzutage Autofahren. Dabei wird nicht nur die Energie für die körperliche, sondern auch für die mentale Leistungsfähigkeit an Bedeutung gewinnen.

Für eine bessere Gehirnleistung existieren bereits Produkte, die „Neuropusher“ genannt werden. Diese nutzen schon heute 20 Prozent der amerikanischen Studenten.

Werden diese Produkte denn gesund sein?

Sicher, denn die Energie wird aus natürlichen Stoffen gewonnen, wie zum Beispiel aus dem sibirischen Ginseng. Dabei handelt es sich um Neuropusher auf rein pflanzlicher Basis, die keinerlei negative Nebeneffekte haben.

Im Gegensatz zu den leistungsfördernden Lebensmitteln werden in Zukunft aber auch Produkte nachgefragt, die den Körper und Geist wieder runter bringen und eine Ruhezone schaffen. Andere Produkte werden Inhaltsstoffe direkt gegen Krankheiten, wie Alzheimer oder Demenz, enthalten.

Wie sieht es mit Lebensmittelprodukten für Beauty-Anwendungen aus?

Hier wird es zunehmend Produkte geben, die nicht von außen, sondern von innen wirken. Schon heute gibt es Drinks in Asien, die wie Sonnenmilch wirken oder die Haut aufhellen.

Auch Collagen-Drinks, welche die Haut straffen, sind bereits auf dem Markt. Gleiches gilt für Schlankheitsprodukte. In den USA existiert ein Getränk, das während des Konsums 200 Kalorien verbrennt.

In 20 Jahren werden solche Lebensmittel, vor allem in flüssiger Form, für uns völlig normal sein.

Wird sich denn die gesamte Bevölkerung die modernen und gesunden Produkte leisten können?

Auch in Zukunft wird es nach wie vor soziale Unterschiede geben, die sich auch im Lebensmittelkonsum niederschlagen. Die ärmere Bevölkerungsschicht wird vermutlich auch in 20 Jahren zu den Tafeln gehen, um dort ihren Kalorienbedarf zu decken.

Dann wird auch die Bevölkerungsschicht weiter existieren, die bei den Lebensmitteln nur über den Preis geht. Diese Menschen decken sich beim Discounter ein, um ihre Familie satt zu bekommen.

Zuletzt gibt es natürlich diejenigen, die es sich leisten können, ihren Alltag mit vielen gesunden Snacks auszustatten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dag Piper (41) arbeitet seit rund zehn Jahren für die Symrise AG in Holzminden. Innerhalb des Unternehmens, das vor allem Duft- und
Geschmacksstoffe anbietet, beschäftigt sich der promovierte Sensorikforscher mit der Optimierung von Lebensmitteln in Verbindung mit
Konsumenten-, Markt- und Trendforschung.