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Text von: Anneke Fasterding

Anneke Fasterding, Fachanwältin für Medizinrecht, über die Notwendigkeit einer informierten Zustimmung vor jedem (!) ärztlichen Eingriff und die Selbstbestimmung des Patienten

Es klingt bizarr: Jeder ärztliche Heileingriff verwirklicht den Tat­bestand einer Körperverletzung. Er ist nur dann nicht strafbar, wenn der Pa­tient zuvor wirksam in die Behandlung eingewilligt hat. Voraussetzung für die Wirksamkeit der Einwilligung ist eine Aufklärung des Patienten über die mit dem Eingriff verbundenen Risiken und mögliche Alternativen. Nur im Falle einer solchen Aufklärung kann der Patient eine ,informierte Zustimmung‘ (informed consent) zu der geplanten Behandlung erteilen. Fehlt diese, begeht der Arzt eine strafbare Körperverletzung, auch wenn die Behandlung an sich fehlerfrei und indiziert war.

Zweck dieser Regelung ist die Wahrung des Selbstbestimmungsrechts des Patienten. Der Patient soll durch die ärztliche Aufklärung in die Lage versetzt werden, selbst kompetent über seine Behandlung zu entscheiden. Eine Aufklärungspflicht besteht dabei nicht nur bei Operationen, sondern auch bei Injektionen, Medikamentenverordnungen, chiropraktischen Behandlungen usw. Anders als früher sind Patienten heute durch Internet und sonstige Medien nicht mehr ausschließlich auf die Information durch den Arzt angewiesen, allerdings sind Qualität und Seriosität der Informationen für medizinische Laien oft schwer beurteilbar.

Auch für Ärzte – zum Beispiel im Bereich Onkologie und Immunologie – wird es durch die zunehmende Komplexität und den rasanten Fortschritt der Medizin schwieriger, den Überblick über verschiedenste neue Behandlungsmöglichkeiten und -alternativen zu behalten und diese dem Patienten verständlich zu erklären. Hier stellt sich mitunter die Frage, ob eine ,informierte Zustimmung‘, die bei dem Patienten ein gewisses Verständnis der medizinischen Zusammenhänge voraussetzt, nicht als Utopie bezeichnet werden muss. Doch wie weit geht die Informationspflicht des Arztes, wenn verschiedene Behandlungsarten möglich sind?

Die Alternativaufklärungspflicht erfordert es, Patienten über Behandlungsalternativen, die eine ähnliche Erfolgschance bieten, aber ein anderes Risikoprofil beinhalten, zu informieren. So muss zum Beispiel vor ­relativ indizierten orthopädischen Operationen mit dem Patienten die Möglichkeit einer konservativen Behandlung durch Physio- und Schmerztherapie statt einer Operation erörtert werden. Unterbleibt dieses, ist die Operation rechtswidrig. Der Behandler muss den Patienten aber nicht von sich aus auf sogenannte Neuland- oder Außenseitermethoden hinweisen. Hier ist es Aufgabe des Patienten, sich selbst zu informieren und bei seinem Arzt nachzufragen, sofern er eine solche Behandlung wünscht. Ob ein Arzt mit dem Patienten diesen Weg gehen will, entscheidet er selbst – das Selbstbestimmungsrecht des Patienten wird hier durch die Therapiefreiheit des Arztes begrenzt. ƒ