Von Popcorn und anderen Ideen

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Tobias Kintzel

Seit zehn Jahren unterstützt die MBM ScienceBridge Hochschulen und Forschungseinrichtungen erfolgreich bei der Vermarktung von Erfindungen – das wurde nun im November in der Aula der Universität Göttingen gefeiert.

Der entscheidende Durchbruch für die Entwicklung des Verbundwerkstoffs ‚BalanceBoard‘ gelang mir nicht bei der Arbeit, sondern zu Hause auf dem Sofa“, erzählt Alireza Kharazipour von der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie an der Georg-August-Universität Göttingen. „Beim Popcorn-Essen kam mir die Idee, dass man die aufgepoppten Maiskörner zerkleinern und mit Holzspänen gemischt zu Platten verarbeiten könnte.“ Da er seit Jahren an Verbundwerkstoffen forsche, sei er gedanklich vorbereitet gewesen und habe schon am Tag nach dieser Eingebung im Labor mit der systematischen Forschung begonnen. Schon die ersten Versuche hätten gezeigt, dass sich das Popcorn-Granulat und die Holzspäne gut mischen und verleimen ließen. „Auch die Festigkeit war vielversprechend.“

Nach Abschluss der Entwicklungsarbeiten im Labor- und Pilotmaßstab hat ein europäischer Holzwerkstoffhersteller das entsprechende Verfahren auf eine großtechnische Anlage übertragen und die Produktion dieses Plattenwerkstoffes unter der Bezeichnung ‚BalanceBoard‘ realisiert. Es handelt sich hierbei um Spanplatten mit einer Mittelschicht aus einer Mischung aus Popcorngranulat und Holzspänen. Dieser innovative Werkstoff erreicht gleiche Festigkeiten wie herkömmliche Spanplatten mit etwa 35 Prozent weniger Gewicht. Außerdem lassen sie sich für die Herstellung und Weiterverarbeitung herkömmliche Anlagen nutzen. „Unser Werkstoff ist obendrein vollständig recycel- beziehungsweise biologisch abbaubar“, ergänzt der Professor. Bis heute wurden u.a. in Europa, in den USA, Kanada, Argentinien und in Brasilien Patente für Kharazipours Idee erteilt, und damit ist sie „im Grunde genommen ein Weltpatent“.

Und das ist gelungen, weil sich Kharazipour an die richtige Reihenfolge gehalten und rechtzeitig Carlos Güntner, Patentmanager der MBM ScienceBridge, ins Boot geholt hat. „Forscher müssen uns vor der Veröffentlichung der Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit einbinden, denn wird zuerst publiziert, kann kein Patent mehr angemeldet werden“, erklärt Jens-Peter Horst, Geschäftsführer der MBM ScienceBridge. „Für die eigene kommerzielle Nutzung ist es dann zu spät.“ Der Molekularbiologe und ehemalige Berater der Management- und Strategieberatung Accenture weiß, wovon er spricht.

Seit die MBM ScienceBridge im Jahr 2004 als 100-prozentige Tochtergesellschaft der Universität Göttingen gegründet worden ist, bewertet, schützt und vermarktet er mit seinem achtköpfigen Team Erfindungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Hat sich ein Forscher an die Patent- und Vermarktungsexperten gewandt, beginnen diese mit ihrer Arbeit. „Wir müssen in jedem Einzelfall bewerten, ob die Idee wirklich neu und patentierbar ist. Für eine wirtschaftliche Nutzung müssen wir herausfinden, welches Produkt aus der Idee entwickelt werden kann und ob es dafür einen Markt gibt“, beschreibt Horst das Vorgehen. Danach könne mit der Hilfe von spezialisierten Anwälten ein Patent angemeldet werden.

Die Unwägbarkeiten sind mit diesem Schritt allerdings noch nicht zu Ende: Zum einen bleibt abzuwarten, ob das Patent auch erteilt wird, zum anderen müssen Horst und seine Mitarbeiter Unternehmen davon überzeugen, es kommerziell zu nutzen. Diesen gesamten Prozess hat Alireza Kharazipour mehrfach durchlebt. Er arbeitet mit der MBM seit deren Gründung zusammen. „Acht Patente habe ich im Lauf der Zeit mithilfe von Herrn Horst und seinen Kollegen angemeldet, sechs wurden erteilt. Für alle haben wir im Anschluss Lizenznehmer gefunden.“ Für den Verbundwerkstoff ‚BalanceBoard‘ sogar gleich zwei: Neben dem Unternehmen, das seit 2011 die leichten Spanplatten herstellt, soll demnächst ein weiteres Unternehmen ultraleichte Dämmstoffe auf Basis dieser Lizenz entwickeln.

„Solch ein Erfolg ist nicht selbstverständlich, der Weg dahin ist weit“, spricht Jens-Peter Horst aus Erfahrung. „Unabhängig davon, ob Sie mit einem Unternehmen ein Lizenzmodell mit umsatzabhängiger Entlohnung aushandeln oder vielleicht sogar auf Basis des Patents ein Unternehmen gründen wollen, ist eines immer gleich. Sie müssen Geldgeber finden, damit ein marktfähiges Produkt entsteht.“ Um das Ziel der Lizensierung für möglichst viele Patente zu erreichen, versendet die MBM jedes Jahr etwa 1.000 individuell auf die Empfänger zugeschnittene Projektangebote. Erfolgskritisch sei dabei, jemanden dazu zu bringen, sich mit dem Angebot zu beschäftigen. „Das ist wie bei einem Elevator-Pitch, bei dem Sie vom Erdgeschoss bis in die zehnte Etage Zeit haben, mit einer Idee zu begeistern“, zieht der MBM-Geschäftsführer einen Vergleich. „Man muss den Zugang zum Adressaten schnell finden.“ Ist der Anfang gemacht, handelt die MBM die Verträge im Namen der Universität aus und übernimmt nach dem Abschluss auch das Vertragscontrolling und die Abrechnung.

30 Prozent der eingenommenen Gelder erhalten die Erfinder, der Rest geht an die Universität. „Das ist ein beachtlicher Anreiz, über die Vermarktungsmöglichkeiten wissenschaftlicher Forschungsergebnisse rechtzeitig nachzudenken“, sagt Kharazipour aus Überzeugung. „Der faktor Zeit ist in unserem Geschäft immer entscheidend. Sogar noch, nachdem Lizenz-Verträge unterschrieben sind“, betont Horst. „Wenn ein anderes Unternehmen mit einem konkurrierenden Patent schneller ein marktfähiges Produkt entwickelt, ist immer noch ein Flop für die eigene Lizenz möglich.“ Mehr als 400 Erfindungen haben seine Mitarbeiter und er in den letzten Jahren bewertet, mehr als 200 Patentanmeldungen angeschoben und über 200 Verwertungsverträge abgeschlossen. Und so wundert es nicht, dass sie seit 2007 acht weitere Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Niedersachsen betreuen, aus Göttingen auch das Laser Laboratorium und die HAWK. „Damit der Strom der guten Ideen und tatsächlich kommerziell verwertbaren Forschungsergebnisse nicht abreißt, gehen wir vor allem auf die naturwissenschaftlichen Fachbereiche der von uns betreuten Einrichtungen zu und sensibilisieren für das Thema Patentanmeldung und -verwertung“, beschreibt Horst eine seiner wichtigsten Aufgaben. „Auch bei uns finden solche Veranstaltungen statt“, so Kharazipour. „Die Studenten werden von der MBM frühzeitig geschult und gut informiert. Das ist von Anfang an unheimlich wichtig.“