Von Netzwerken profitieren

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Text von: redaktion

Der neue Wirtschaftsminister Philipp Rösler erzählt im faktor-Interview, wie das Land über die Initiative Nano- und Materialinnovationen Niedersachsen Produktentwicklungen stärkt.

Herr Dr. Rösler, Sie haben am 18. Februar das Amt desWirtschaftsministers für Niedersachsen übernommen und stehen damit vor derspannenden Aufgabe, die wirtschaftlichen und politischen Ziele des Landes entscheidend mitzugestalten. Wie fühlen Sie sich in Ihrem neuen Amt?

Es waren sehr spannende erste Wochen – das muss ich wirklich sagen. Zunächst habe ich zugesehen, so schnell wie möglich meine neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennenzulernen und mich mit den Kernthemen sowie den Arbeitsweisen hier im Wirtschaftsministerium vertraut zu machen. Die Arbeitsweisen in einem Ministerium sind doch ganz andere, als sie es noch etwa in der Fraktion waren. Da hatte ich ein gutes dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, jetzt sind es über 250. Das bietet aber auch ganz andere Möglichkeiten zur politischen Gestaltung. Außerdem stand unmittelbar zwei Tage nach meinem Amtsantritt die Abstimmung über das 50 Milliarden Euro schwere Konjunkturpaket II im Bundesrat an.

Wo liegen Ihrer Ansicht nach die größten wirtschaftlichen Potenziale des Landes?

Niedersachsen hat sich aufgrund seiner zentralen Lage und der herausragenden Infrastruktur zu einem sehr attraktiven Wirtschaftsstandort entwickelt. Davon profitieren die hier ansässigen Unternehmen. Die Stärken des Landes sehe ich ganz klar in den Zukunftsmärkten, die uns auch im internationalen Standortwettbewerb Vorteile sichern. Niedersachsen gehört zu den wichtigsten europäischen Zentren der Automobilindustrie.

Große Wachstumschancen zeichnen sich zudem in der Luftfahrtbranche ab. Mit den EADS-Airbus-Werken in Stade, Varel und Nordenham oder dem Forschungsflughafen in Braunschweig haben wir alle Möglichkeiten, Niedersachsen international als Mobilitätsstandort zu etablieren. Mit insgesamt gut ausgebauten Seehäfen und künftig dem JadeWeserPort, der Lage in der Mitte Europas und einer modernen Infrastruktur kann sich Niedersachsen außerdem als starker Logistikstandort mit einer kraftvollen „Wirtschaftsachse Küste“ etablieren.

Im Bereich der Medizintechnik haben wir mit der Medizinischen Hochschule Hannover oder dem Kompetenzzentrum Rebirth beste Voraussetzungen geschaffen, um wettbewerbsfähig zu sein. Doch auch hier sehe ich – wie im IT-Sektor – große Chancen, den Industriestandort zu stärken. Entscheidend für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes wird sein, die technologischen Entwicklungspotenziale frühzeitig zu erkennen und jederzeit in der Lage zu sein, neue Märkte zu erobern.

Niedersachsen wird insbesondere durch die Imagekampagne Innovatives Niedersachsen aktiv als Innovationsland bundesweit kommuniziert.Wie unterstützen Sie die Innovationsprozesse im Land?

Ich bin davon überzeugt, dass wir den Wachstumsprozess der niedersächsischen Wirtschaft nur aufrechterhalten können, wenn wir weiterhin in die Forschung und Entwicklung investieren. In einer globalisierten Welt entscheiden Innovationen den Wettbewerbsvorsprung.

Innovationsförderung heißt damit auch, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, da wir hierdurch den nachfolgenden Generationen Chancen und Perspektiven bieten. Wir brauchen zündende Ideen und Forschergeist, um neue Wege zu gehen. Deshalb hat Niedersachsen in ausgewählten Technologiefeldern Landesinitiativen aufgebaut, die ein wichtiges Instrument zur Stärkung der Innovationskraft und zur Förderung innovativer Entwicklungen sind. Sie verknüpfen alle relevanten wissenschaftlichen Einrichtungen und Unternehmen eines Technologiebereichs.

Eine wesentliche Aufgabe ist dabei die Unterstützung der Netzwerkpartner bei Förderprojekten, die über das niedersächsische Innovationsförderprogramm mitfinanziert werden. Darüber hinaus sind die Landesinitiativen wichtige Plattformen, um beispielsweise Produktentwicklungen zu beschleunigen, die Energie- und Materialeffizienz zu steigern sowie Normen und Standards zu setzen.

Das Land Niedersachsen hat in Göttingen u. a. die Geschäftsstelle der Landesinitiative Nano- und Materialinnovationen Niedersachsen eingerichtet. Welche Bedeutung haben Werkstoffe und insbesondere Nanomaterialien?

Einen Großteil aller technischen Innovationen haben wir unseren Experten aus der Werkstoffentwicklung zu verdanken. Ungefähr zwei Drittel aller Produktinnovationen werden von den verwendeten Materialien und deren Eigenschaften geprägt. Die Werkstofftechnologien nehmen damit eine Schlüsselposition für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der wichtigsten deutschen Industriebranchen ein. Beispielsweise tragen Leichtbaumaterialien in der Fahrzeugtechnik oder der Luftfahrtbranche erheblich dazu bei, den Kraftstoffverbrauch zu reduzieren.

Darüber hinaus können multifunktionale Beschichtungen die Leistungsfähigkeit von Werkstoffsystemen um ein Vielfaches erhöhen. Bestes Beispiel hierfür sind die energiesparenden Gläser der niedersächsischen Firma Interpane, die einen wesentlichen Beitrag zur Energiebilanz von Gebäuden leisten können. Dass die Nanotechnologie aus zukunftsweisenden Produktentwicklungen nicht mehr wegzudenken ist, beweist die Auszeichnung der Novelis Deutschland GmbH in Göttingen mit dem Innovationspreis2008 für selbstreinigende Oberflächen.

Wir fördern die Material- und Werkstoffentwicklung in der Landesinitiative Nano- und Materialinnovationen, um die Potenziale und Trends in der Werkstofftechnik in Niedersachsen nutzbar zu machen. Hierfür werden insbesondere Kooperationsprojekte zwischen Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft initiiert, um neue Produktideen zu generieren. Dies geschieht auch in Zusammenarbeit mit anderen Landesinitiativen wie beispielsweise der Adaptronik und der Brennstoffzellentechnologie.

In der Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft sehe ich das Erfolgsrezept, um Entwicklungen insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen zu realisieren und den Wirtschaftsstandort Niedersachsen zu sichern. Dazu gehört auch die Mitarbeit in Fachgremien, in denen die Landesinitiative das Land Niedersachsen im Bereich der Materialien und der Nanotechnologie auf Bundesebene vertritt.

Wie können vor allem kleine und mittlere Unternehmen von den Leistungsangeboten profitieren?

Deutschland und vor allem Niedersachsen wird durch den innovativen Mittelstand geprägt. Deshalb müssen wir alles daran setzen, die Unternehmen bei ihren Produktvorhaben und der Gestaltung zukunftsfähiger Unternehmenskonzepte zu unterstützen. Entscheidend hierbei ist, eine Entbürokratisierung zu erreichen, um dem Mittelstand mehr Handlungsspielraum zu ermöglichen.

Dadurch können Entscheidungsprozesse und Entwicklungszyklen verkürzt und neue Technologien schneller in den Markt überführt werden. Darüber hinaus können kleine und mittlere Unternehmen besonders von den Netzwerken der Landesinitiativen profitieren.Sie erhalten damit Zugang zu spezifischem Wissen und komplementären Ressourcen, die lokal und regional nicht verfügbar sind. Kooperationen spielen auch eine besondere Rolle beim Export und der Erschließung internationaler Märkte.

Infolge der fortschreitenden Globalisierung spielt die internationale Wettbewerbsfähigkeit eine größere Rolle denn je. Wie schafft es Niedersachsen, seine Spitzenposition gegenüber den anderen Ländern zu behaupten?

Für kleine und mittlere Unternehmen als auch für Großunternehmen sind international ausgerichtete Messen ideal, um globale Märkte zu erschließen. Mit der Hannover Messe hat sich in Niedersachsen seit 60 Jahren eine internationale Präsentationsbühne für zukunftsweisende Werkstoffe und Ideen etabliert, die zu einem der wichtigsten Technologieereignisse zählt.

Führende Unternehmen wie beispielsweise Volkswagen, die Salzgitter AG, Continental oder Novelis, aber auch viele Mittelständler u. a. GXC Coatings und Invent präsentieren hier ihre technologische Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig bildet die Messe ein wichtiges Forum, um mit der Industrie, der Forschung und der Politik zentrale Zukunftsfragen zu diskutieren. Besonders innovative Lösungsansätze und Technologien werden jedes Jahr vor Ort mit dem Hermes Award – dem höchst dotierten internationalen Industrie- und Technologiepreis – prämiert.

Beispiele sind hier Entwicklungen im Bereich von Hochtemperatur-Supraleitern, die verlustfrei den Strom leiten können, oder Sensoren, die Effekte ausnutzen, die ausschließlich im Nanobereich existieren. Den Messeauftritt von kleinen und mittleren Unternehmen unterstützt das Land insbesondere durch die Beteiligung an Gemeinschaftsständen.

In diesem Jahr werden im Bereich der Nano- und Materialinnovationen und dem Energiesektor technologische Neuheiten aus dem Mittelstand präsentiert. Ich freue mich sehr darüber, dass dieses Angebot so große Resonanz erfahren hat und wünsche allen Beteiligten eine erfolgreiche Messe.

Vielen Dank für das Gespräch!

Philipp Rösler (FDP) ist der Überflieger unter denJungpolitikern in Deutschland. Der 36-Jährige, der in Vietnam geboren wurde unddurch eine Adoption in Deutschland aufwuchs, gilt als Ziehsohn seines VorgängersWalter Hirche. Rösler ist seit 2006 Vorsitzender der FDP Niedersachsen und seitdem 18. Februar 2009 Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr. Philipp Röslerist seit 2002 mit Wiebke Rösler verheiratet und hat zwei Töchter. Zur Person Schwungvoll:Der neue Wirtschaftsminister ist seit 1992 Mitglied der FDP und seit 2006Landesvorsitzender der FDP Niedersachsen.