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Text von: redaktion

Das Unternehmen WILVORST ist deutscher Marktführer für festliche Herrenmode, produziert am Stammsitz in Northeim und sieht seine Zukunft weiter in Deutschland.

Hand auf die Hemdtasche: Karl-Wilhelm Vordemfelde trägt auch schon mal feinen Zwirn von der Konkurrenz. „Aber höchstens im privaten Kreis und um die Produkte der Mitbewerber mit den eigenen Kollektionen zu vergleichen“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter von Herrenmodehersteller WILVORST aus Northeim, der nur ausnahmsweise italienische Sakkos statt maßgefertigte Garderobe aus dem eigenen Hause an sich heran lässt.

Der Chef, der das Unternehmen in dritter Generation führt, geht mit gutem Beispiel voran. Neben seiner Überzeugung vertraut er aber auf weitere Aushängeschilder: Die großen Orchester dieser Welt, von den Berliner Philharmonikern bis zum Griechischen Staatsorchester, tragen Anzüge von WILVORST. Für den König des Pazifik-Inselstaates Tonga fertigten die Northeimer einen Frack. Auch Marius Müller-Westernhagen und Stefan Raab hat der Modespezialist schon einmal ausgestattet. In nahezu keinem Geschäft, das hierzulande festliche Bekleidung anbietet, fehlt WILVORST-Mode. Häufig bieten auch Brautmodengeschäfte und Herrenausstatter Produkte der Northeimer an. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei so mancher der bundesweit jährlich 200.000 festlichen Hochzeiten der Bräutigam WILVORST-Zwirn trägt, ist recht hoch.

Ob Frack, Smoking oder andere Anzüge für feierliche Anlässe: Der Mittelständler ist eigenen Angaben nach mit einem Anteil von 50 Prozent Marktführer für festliche Herrenmode in Deutschland, exportiert zudem in rund 35 Länder von Westeuropa über Russland bis zur arabischen Halbinsel und setzte damit 2007 rund 22 Millionen Euro um – sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Angaben zur Rentabilität bleiben Betriebsgeheimnis. „Wir sind ertrags- und finanzstark“, sagt Vordemfelde. Konjunkturschwankungen beeindrucken das Unternehmen kaum. „Geheiratet wird fast immer“, sagt Karl- Wilhelm Vordemfelde. Nur bei extremen Krisen droht ein Einbruch, wie etwa beim Beginn des Irakkrieges 2003. „Da wurden monatelang alle Bälle abgesagt.“

Der Hersteller spricht weder eine „Geizist- geil“-Kundschaft noch eine Luxus-Klientel an, in der „gehobenen Mittelklasse“ sieht sich WILVORST positioniert. Ab 350 Euro ist ein zweiteiliger Anzug oder Smoking zu haben. Dass sich diese Art von Konsumgütern noch rentabel innerhalb hiesiger Landesgrenzen produzieren lassen, beweist der Hersteller als einer der letzten deutschen Marktteilnehmer. In der bundesweit größten Anzugfertigung überhaupt werden am Stammsitz pro Tag rund 200 Sakkos und Hosen sowie 80 Westen gefertigt. Werten wie Qualitätsarbeit und Heimatverbundenheit misst der 55-jährige Familienunternehmer noch großen Wert bei – ebenso wie der eigenen Tradition.

Sein Großonkel, Wilhelm Vordemfelde, gründete das Unternehmen 1916 in Stettin und wählte für den Firmentitel WILVORST die Anfangsbuchstaben des eigenen Namens sowie des Gründungsstandortes. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde WILVORST in Northeim wieder aufgebaut und fertigt dort seit 1946. Das so genannte Wirtschaftswunder bescherte dem Unternehmen prächtige Zeiten. Neben der „Fresswelle“ rollte die „Bekleidungswelle“ – die Nachkriegsgeneration wollte wieder schick aussehen. Der Neffe des Firmengründers, Friedrich-Wilhelm Vordemfelde, baute WILVORST zu einem führenden „Haka“-Unternehmen aus. Die Abkürzung ist Branchen-Chinesisch und steht für „Herren-Anzüge/Knaben-Anzüge“, inklusive der Herstellung von Mänteln, Krawatten, Gürteln und anderen Accessoires.

Als immer mehr Jeans statt Anzüge getragen wurden und die deutsche Bekleidungsindustrie zudem den Kostendruck aus den Billiglohnländern spürte, begann WILVORST das Sortiment schrittweise auszudünnen und sich auf festliche Herrenmode zu spezialisieren – was sich bis heute als lukrative Nische erweist. Dennoch übernahm Karl-Wilhelm Vordemfelde das Familienunternehmen 1983 in einer kritischen Phase. Um das Geschäft auf eine breitere Basis zu stellen, trieb er die Internationalisierung des Unternehmens voran und nahm dabei auch keine Rücksicht auf verknöcherte Prinzipien, die vielen Mittelständlern schon zum Verhängnis geworden sind. Der Northeimer entschloss sich, finanzstarke, strategische Partner ins Boot zu holen.

Die teilweise Auslagerung Ende der achtziger Jahre ließ sich nicht mehr verhindern.

Seit 1993 gehört WILVORST mehrheitlich zur Brinkmann-Gruppe in Herford, zu deren Markenportfolio unter anderem auch Bugatti zählt. „Was Synergieeffekte und unsere Kapitaldecke betrifft, ist die Partnerschaft eindeutig von Vorteil“, begründet Vordemfelde den Schritt, einen Teil der Unabhängigkeit aufzugeben. Obwohl lange an dem heimischen Produktionsstandort festgehalten wurde, worauf der Vater des derzeitigen Chefs bestand, ließ sich deren teilweise Auslagerung nach Osteuropa Ende der achtziger Jahre nicht mehr verhindern. Lohnfertiger in Tschechien und Rumänien übernehmen inzwischen den größeren Teil der Serienfertigung – wie bei vielen Mitbewerbern auch.

Manchen Marktregeln musste sich also auch WILVORST beugen. Was das Unternehmen vom Branchendurchschnitt unterscheidet, ist aber unter anderem die verbliebene Fertigung in Northeim. Rund 40 Prozent der gesamten Produktion erfolgt noch in Südniedersachsen. Daran soll auch nicht gerüttelt werden. Vor allem Maßgeschneidertes und Express-Bestellungen werden im Stammhaus geschnitten, genäht, gebügelt und verschickt. Dank eines im Marktvergleich ungewöhnlich großen Lagers mit 40.000 Teilen kann WILVORST Kundenwünsche schnell bedienen. Vier Monate Wartezeit bis zur Auslieferung ganzer Kollektionen seien woanders üblich, die Niedersachsen benötigen die Hälfte, auf kleine Bestellmengen müssen Händler sogar nur eine Nacht warten. „Nur nach Aserbaidschan dauert es ein paar Tage länger „, sagt Vordemfelde scherzend.

Neben Produktion und Lager haben auch Einkauf, Vertrieb, Kundenbetreuung und Design ihren Sitz in Northeim – insgesamt knapp 200 Beschäftigte arbeiten im Stammhaus. Die meisten Kräfte werden vom Unternehmen selbst ausgebildet. Fachleute sind auf dem regionalen Arbeitsmarkt Mangelware, denn Südniedersachsen war und ist nicht gerade das Zentrum der Textilindustrie. Um das Personal zu halten, legt der Chef großen Wert auf das Betriebsklima. Über die Führung eines mittelständischen Unternehmens hat Vordemfelde einen Ratgeber für Manager veröffentlicht (siehe Kasten).

„Deutsche Wertarbeit von hiesigen Fachkräften als zentraler Punkt eines „deutschen Unternehmens“ – das ist ein Argument, das in unserer Werbestrategie eine große Rolle spielt“, bestätigt Marketing- Chefin Nicola Zimmermann. Angesichts des heiß umkämpften Marktumfeldes begann der Mittelständler früh, auf die Vorteile öffentlichkeitswirksamer Vermarktung zu vertrauen. Die Stars der Fernsehserie „Denver Clan“ dienten Mitte der achtziger Jahre als Zugpferde der „Denver Collection“. In den neunziger Jahren stattete das Unternehmen Moderatoren mit der „SAT.1-Collection“ aus. Die Bräutigame der „RTL-Traumhochzeit“ heirateten ebenfalls umhüllt von WILVORST. Selbst James Bond könnte einmal in Mode aus Northeim vor den Traualtar treten, das passende Outfit läge bereit. Bei einem in jüngerer Zeit vorgestellten Hightech- Galaanzug schützen spezielle Nano- Fasern vor Flecken jeder Art.

Das Unternehmen ist nach wie vor ein gefragter Ausstatter von TV- und Kino- Produktionen. Doch vor zwei Jahren erfolgte ein Strategiewechsel. Vor allem Promis aus der Kulturszene werben jetzt für WILVORST-Anzüge, die „German Tenors“ etwa oder die Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg. Ein weiterer Marketing-Baustein ist der eigene Internetauftritt, der zu den beliebtesten Anlaufstellen zum Thema „Hochzeit und Heiraten“ im Netz zähle.

Die künftigen Aussichten beurteilt der Bekleidungsproduzent positiv, er will sowohl im In- als auch Ausland wachsen. Um der Konkurrenz hierzulande weitere Anteile abzunehmen, gehen die Northeimer neue Wege und haben ein einheitliches Standkonzept für den Einzelhandel eingeführt, das im Geschäft separat vom restlichen Sortiment die WILVORST-Kollektion exponiert präsentiert. Dem Trend, etwa wie Moderiese Esprit, die Vertriebskette um eigenständige Ladengeschäfte zu erweitern, will WILVORST sich dagegen nicht anschließen. „Wir sehen uns weiter

als Partner des gehobenen Fachhandels“, sagt Nicola Zimmermann. Das Unternehmen will vielmehr seine Schokoladenseite noch intensiver ausspielen und prüfen, inwiefern sich das Prädikat „made in germany“ stärker nutzen

lässt. Viel Potenzial sieht WILVORST in Ost- und Südeuropa, wo der Vertrieb gerade massiv ausgebaut werde. Als Kernmarkt sieht Vordemfelde auch langfristig Deutschland, wo 58 Prozent des Umsatzes erzielt werden: „Man muss auf dem Boden bleiben können. Wir sind kein Weltunternehmen.“

Zur Person

Der 55-jährige Karl-Wilhelm Vordemfelde kennt sich mit Paragraphen ebensogut aus wie mit edlem Zwirn. Der gebürtige Northeimer studierte Jura in Marburg und Freiburg im Breisgau, entschied sich über einen Umweg dann aber doch für die Bekleidungsbranche. 1982 stieg Vordemfelde zunächst als Exportleiter bei WILVORST ein. Kurz darauf wurde er Geschäftsführer des Northeimer Anzugherstellers, der heute immer noch buchstäblich ein Familienunternehmen ist. Seine Frau ist für das Stoffdesign zuständig, zwei seiner drei Töchter modeln gelegentlich bei Brautfotoaufnahmen. In seiner Freizeit spielt der Unternehmer Jazzpiano und Golf. Zudem bekleidet er Ehrenämter bei der Industrie- und Handelskammer.

Zum Unternehmen

Der Bekleidungsproduzent wurde von Wilhelm Vordemfelde 1916 in Stettin gegründet. WILVORST steht für die Anfangsbuchstaben des Gründers und Gründungsstandortes. 30 Jahre später folgte der Neubeginn in Northeim. In der Nachkriegszeit blühte das Unternehmen unter dem Neffen Friedrich- Wilhelm Vordemfelde zu einem erfolgreichen Herrenausstatter mit Vollsortiment auf. Als die Branche kriselte, spezialisierte sich WILVORST auf festliche Herrenmode. Sohn Karl-Wilhelm Vordemfelde, seit 1983 Geschäftsführender Gesellschafter, setzte

mehr auf Marketing, den Export, lagerte die Produktion teilweise aus und holte mit der Herforder Brinkmann-Gruppe finanzstarke Partner ins Boot, zu der das Unternehmen nun mehrheitlich gehört. In seiner Nische führt WILVORST den deutschen Markt heute mit einem Anteil von 50 Prozent an, exportiert zudem in 35 Länder mit einem Umsatz von 22 Millionen Euro im Jahr.

Weitere Infos im Internet

Literatur: Vordemfelde, Karl-Wilhelm:

Unternehmensführung. Wie leite ich ein

mittelständisches Unternehmen,

V&R unipress, Göttingen 2004.