Von alten Zöpfen trennen

© Entscheider Medien GmbH
Text von: redaktion

Der Kampf gegen die Insolvenz erfordert viel Engagement und Durchhaltevermögen - faktor zeigt, wie sich betroffene Unternehmen retten können.

Rote Zahlen, schlechte Bilanzen, Mahnungen, Zukunftsangst – wenn es erst einmal soweit gekommen ist, ist es für viele Unternehmer schon zu spät. Die Insolvenz ist kaum noch abzuwenden. Schnell beschleicht den Verantwortlichen das Gefühl, versagt zu haben, und leider sehen dies in unserem Lande nach wie vor viele Menschen und Entscheidungsträger genauso. Die menschlichen Schicksale, die sich häufig hinter einem Bankrott verstecken, werden aber kaum beachtet. Viele würden gerne wieder von vorne anfangen und ihre Erfahrungen einbringen.

Doch die zweite Chance zu bekommen, erfordert in Deutschland eine unheimliche Kampfkraft und viel Unterstützung von außen. Auf beides kann die Göttinger Unternehmerin Angelika Hesse bauen. Sie hat vor zwei Jahren den damals insolventen Orgelbauer Giesecke übernommen (siehe faktor 3/2006). „Wir müssen direkt auf den sich schnell ändernden Markt reagieren, uns von alten Zöpfen trennen und unsere Nischen finden“, so die frühere technische Leiterin. Da sie sich bewusst ist, nicht mit der ausländischen Massenware konkurrieren zu können, setzt Hesse stets auf die hohe Qualität ihres Kunsthandwerks. Um diese zu garantieren, beschäftigt sie inzwischen sogar 26 statt der ehemals 19 Mitarbeiter. Für einen günstigen Einkauf von Rohstoff, behält sie den Weltmarkt permanent im Auge. „Wenn mir aber doch mal etwas entgeht, gibt es immer wieder Geschäftspartner, die mich anrufen und mir Kauftipps geben“, freut sich die seit 30 Jahren bei Giesecke tätige Unternehmensretterin über die externen Hilfestellungen. Anfangs konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen, „ihr“ Unternehmen aus der Krise zu führen. Doch Zusagen von Banken, Kunden und Lieferanten, helfend zur Seite zu stehen, gaben den Ausschlag, es zu versuchen. Rechtsanwalt Jan-M. Müller begrüßt das Modell der Fortführung von Betrieben. „Eine Sanierung ist grundsätzlich besser als eine Zerschlagung“, sagt der Insolvenzexperte. Er fordert aber auch eine genaue Überprüfung der Wirtschaftssituation, um sich der kommenden Schwierigkeiten bewusst zu sein. Angelika Hesse hatte sich vorbereitet und nimmt Rückschläge deshalb gelassener hin: „Schlechte Nachrichten gehören einfach zum Leben. Schief gehen kann immer etwas, aufgeben darf man aber nicht.“ Eine Philosophie, die auch Axel Mehner, der Gründer des Göttinger Franchise-Konzeptes Traum Station, teilt. Die Traum Station entwickelte Matratzen aus umweltschonenden Materialien, die auf die individuellen Bedürfnisse des Schläfers zugeschnitten sind. Doch im Juli 2007 führten Umsatzeinbrüche zur Insolvenzanmeldung. Kein Grund für Mehner, den Kopf in den Sand zu stecken. Gemeinsam mit Geschäftsführer Holger Henn, dem früheren Produktentwickler der Traum Station, startete er als Marketingleiter die Biosign GmbH. Beide präsentierten ihre neuen Produkte der Betten- und Matratzenmarke Traum Station/Dreamfields, die durch Betten Heller bereits auf dem Göttinger Markt vertrieben wird, auf der Kölner Möbelmesse. Aufgrund vieler juristischer Fallstricke ist das neue Projekt kein leichtes Unterfangen.

Insolvenzrechtler Jan-M. Müller empfiehlt Wiedereinsteigern deshalb eine genaue wirtschaftliche wie auch juristische Planung des Vorhabens. „Gegenüber dem Insolvenzverwalter ist es wichtig, seine Pflichten, aber auch seine Rechte und Möglichkeiten zu kennen.“ Mehner hielt sich an den Rat: „Ich versuche mir immer wieder was aufzubauen. Es ist so schwierig, mit anzusehen, wie das frühere Unternehmen bei der Zwangsversteigerung für einen Appel und ein Ei unter den Hammer kommt. Aber das motiviert, es jetzt besser zu machen.“ Diese Einstellung ist aber das, was Insolvenzverwalter Burghard Wegener aus Göttingen bei vielen krisengeschüttelten Unternehmen vermisst. Viele sähen die Probleme, handelten aber nicht. Wenn bereits Rückstände bei Lohn- und Gehaltszahlungen entstanden sind, sei es bereits meistens zu spät, und je länger gewartet werde, desto teurer werde es. „Aus dem Teufelskreis von Zinsen und Gebühren gibt es dann keinen Ausweg mehr.“ So empfiehlt der Fachanwalt für Insolvenzrecht den schnellen Weg zur professionellen Beratung. Viele scheuen diesen Weg aus Angst vor dem Ansehensverlust. Ein Argument, das Wegener mit einem Blick auf andere Länder bedauert. So sei es inzwischen keine Seltenheit, wenn deutsche Unternehmen ihren Sitz nach Großbritannien verlagern, um sich dort unbürokratischer zu entschulden. Darüber hinaus sei dort eine Insolvenz keine Schande, sondern einfach eine Art, das Unternehmen zu sanieren. Natürlich kann nicht jeder seinen Betrieb im Ausland auf Vordermann bringen, deshalb rät Wegener vor allem „Gas“ zu geben, damit große Zahlungsrückstände nicht erst entstehen.

Genau an dieser Stelle setzt auch das Beratungsangebot der Industrie und Handelskammer (IHK) Hannover an. Seit 2000 bietet die Kammer gemeinsam mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Krisenmanagement für in Schieflage geratene Unternehmer an. Dazu stellt das betroffene Unternehmen der IHK seine betriebswirtschaftlichen Eckdaten dar. Die IHK recherchiert, sendet möglichst ortsnahe Unternehmensberater, die den Problemfall bis zu zehn Tage durchleuchten, und lädt die wichtigen Geschäftspartner zu einem runden Tisch mit der KfW Mittelstandsbank ein. Hier werden dann gemeinsame Lösungen erarbeitet. „Doch meistens ist dieser runde Tisch gar nicht mehr nötig“, verweist IHK-Abteilungsleiter Christian Bebek auf eine gute Erfolgsbilanz, „weil wir bereits durch die gezielten Vorgespräche wichtige Probleme lösen können.“ Außer den Fahrtkosten fallen für die Unternehmen keine Betreuungskosten an. Bis zu 100 Unternehmen jährlich nahmen seit dem Jahr 2000 an dem Programm teil. Etwa 60 Prozent der betreuten Unternehmen konnten so den schweren Gang in die Insolvenz vermeiden. Beispiele, die Hoffnung machen.

Text: Stefan Liebig