Vom Weserbergland nach Shanghai

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Seit 1747 entsteht in Fürstenberg handgemachtes Porzellan – die neuen Entwürfe sollen noch mehr Freunde im Ausland finden.

Hinweis: Beachten Sie auch den faktor-Link mit weiteren Informationen zum Thema aus unserer Sommer-Ausgabe 2012.

Goldränder, Rosenmuster und verzierte Henkel – so stellen sich viele Menschen handgemachtes Porzellan vor.

Das gibt es in der zweitältesten deutschen Manufaktur in Fürstenberg an der Weser tatsächlich: Die Form Alt Fürstenberg gehört seit 262 Jahren zu den Klassikern – doppelt geschwungene Henkel und auf dem Deckel der Kaffeekanne prangt eine Porzellan-Rose.

Sie wird schon auf der Kaffeetafel des Unternehmensgründers, Herzog Carl I. von Braunschweig, gestanden haben. Noch heute hat sie Freunde: Fürstenbergs Geschäftsführerin Stephanie Saalfeld war erst vor Kurzem mit dem Zug unterwegs.

Sie fragte ein junges Mädchen, ob ihm das Porzellan aus dem Weserbergland bekannt sei. Die Antwort: „Ich kenne Lottine, das Service habe ich von meiner Großmutter geerbt.“

Lottine heißt das blaue Rosendekor auf der Form Alt Fürstenberg. Herzog Carl I. soll es einst seiner geliebten Herzogin Philippine Charlotte gewidmet haben.

Zwischen Tradition und Mission

An der Mischung aus Kaolin, Quarz und Feldspat hat sich seit dem 18. Jahrhundert nichts geändert. „Für uns ist Tradition enorm wichtig“, betont Saalfeld. In ihrem Büro steht jedoch vor allem modernes Porzellandesign.

Die 46-Jährige weiß, dass sich junge Menschen selten für Großmutters Rosen-Geschirr begeistern. Ihre Mission: „Die Marke musste jünger – damit meine ich moderner und innovativer – werden.“

Und deshalb denkt ihr Produktionsleiter Stephan Hofmann in diesen Tagen nur an Tassen ohne Henkel, millimeterdünnes und doppelwandiges Porzellan.

Seine Hände tasten über die mattpolierte Oberfläche des neuen Bechers der Serie Touché. Der Produktionsleiter zeigt ein zerschnittenes Gefäß: So sieht der Betrachter, wie dünn die beiden Körper tatsächlich sind, die die Porzelliner mit viel Sorgfalt ineinander setzen müssen.

Zwischen den millimeterdicken Wänden entsteht beim Brand ein Vakuum. Die Gefäße sollen Getränke länger kühl oder auch warm halten – und somit einen Thermoeffekt haben. Leicht sind sie außerdem; ein herkömmlicher Becher wiegt doppelt so viel.

Auf Hofmanns Gesicht zeichnen sich Freude und Stolz ab. Touché ist ein werkseigener Entwurf, der einen internationalen Design-Preis, den ,red dot‘, gewonnen hat.

Viele Kniffe waren nötig, verrät er, bis Gestalt und Technik passten. Wobei niemand auf die Idee käme, darin seinen morgendlichen Kaffee zum Mitnehmen in der U-Bahn zu transportieren. Nicht nur, weil es keinen passenden Plastikdeckel gibt. Das Porzellan wäre zu teuer und empfindlich.

Die Schwierigkeiten der Branche

„Wir sind eine Premiummarke“, sagt Saalfeld. Das Wort ,Luxus‘ meide sie, erst recht nach der Wirtschaftskrise.

Seit zwei Jahren leitet die 46-Jährige das Unternehmen, an dem die Norddeutsche Landesbank 98 Prozent hält. Ein Blick auf die Branche verrät, dass die Zeiten für Porzellanmanufakturen schwierig sind.

Selbst renommierte Unternehmen müssen um ihr Überleben kämpfen: Meißen sah sich 2010 gezwungen, unverkäufliches Porzellan zu vernichten. Rosenthal meldete 2009 Insolvenz an und gehört nun der italienischen Gruppe Sambonet Paderno Industrie. Auch Fürstenbergs Mitarbeiterzahl schrumpfte – vor 20 Jahren arbeiteten hier drei Mal so viele Porzelliner.

Die Tischkultur, erzählt Saalfeld, verändere sich seit Jahren. Große Tafeln mit Terrinen und Saucieren in der Mitte – das sei fast Geschichte. Und selten kaufe jemand ein 24-teiliges Service.

Zudem nagt die weltweite Wirtschaftskrise am Gewinn der Branche. Zwischen 20 und 30 Prozent des Umsatzes macht Fürstenberg im Ausland.

Die Geschäftsführerin stellt fest: „Wir bewegen uns langsam wieder auf dem ursprünglichen Niveau vor der Krise.“

Den Sprung in die große Welt geschafft

Anspruchsvolle Kunden sind das Ziel: Sie können Inhaber eines Luxushotels sein, Besitzer einer Jacht oder im Berliner Kaufhaus des Westens nach Designerstücken suchen. Oder in New York, Moskau und Shanghai wohnen.

„Fürstenberg hat den Sprung in die große Welt geschafft“, sagt Michael Sieger. Zusammen mit seinem Bruder führt er die Agentur Sieger Design, die ihren Sitz auf dem münsterländischen Schloss Harkotten hat.

Seit 2005 gibt es die eigene Marke ,Sieger‘, in Kooperation entstand so auch ,Sieger by Fürstenberg‘. Der Designer entwarf die Serie ,My China‘. Die Manufaktur produziert sie seitdem.

„Die Menschen suchen heute nach dem Luxus für jeden Tag, dafür ist man auch bereit, mehr Geld auszugeben“, betont Sieger. Die Dinge müssten so beschaffen sein, dass man sie täglich nutze.

Anspruchsvolle Qualität

Auf die Frage, warum er sich für Fürstenberg entschieden habe, antwortet der Designer: „Es ist das beste und feinste Porzellan, das wir in Deutschland bekommen.“ Die Qualität zeige sich an der Dünne des Porzellans.

Modern und gleichzeitig klassisch, so möchte Sieger seinen Entwurf verstanden wissen und wünscht sich, dass Kunden sein Porzellan wie vor Jahrzehnten sammeln und vererben. „,My China‘ hat das Zeug zum Klassiker.“

„Wir sind eine Manufaktur, wir wollen nichts Schnelllebiges, aber Trends vorab spüren“, erklärt Saalfeld. Die Idee mit dem Thermo-Effekt sei entstanden, als sie mit den Sterneköchen Sven Elverfeld, Nils Henkel und Tim Raue die Tellerserie Blanc entwickelt hätten.

Das Geschirr verfügt über glänzende wie mattierte Oberflächen, eckige und ovale Formen, oft in einem Teller vereint. Manches Geschirr ist sogar ganz plan. „In der Qualität können nur wir das. Es ist extrem aufwändig“, so Saalfeld.

Die Schritte zum Ergebnis

Ohne die zwei Wände, erklärt sie, würde die Sauce in der ovalen Sauciere zu schnell abkühlen. Doch wie lässt sich solches Porzellan herstellen? Produktionsleiter Hofmann führt den Besucher an der Formgießerei vorbei zum Herzstück der Produktion. In einem riesigen Raum stehen die Brennöfen. Um sie herum modellieren, säubern und glasieren Mitarbeiter das Porzellan.

1. An einer hellen Fensterfront arbeitet an diesem Tag Modelleurin Kati Hillig an den neuen Tee-Bechern von Touché. Vor ihr steht eine Reihe weißer Gipsformen. In die füllt sie über einen Schlauch den Gießschlicker ein – das ist die Porzellan-Rohmasse. Der Gips zieht die Feuchtigkeit an, am Rand der Form bildet sich eine Porzellanschicht.

2. Ein Kurzzeitwecker mahnt die Modelleurin, wann sie die Formen kopfüber in eine Rinne entleeren muss. Bleibt die Masse zu lange oder zu kurz stehen, kann Hillig den so genannten Grünling wegwerfen. Doch auch, wenn die Zeit passt: Jede Unachtsamkeit hinterlässt Dellen. Dann lagert die Porzellinerin den Rohling in einer Frischhaltebox. Später hebt sie ihn auf einer Gipsscheibe stehend an, um den Garnierschlicker – quasi den Klebstoff aus Porzellan – aufzutragen. Dann wird er mit seinem passenden Pendant zusammengefügt. Wie genau dies geschieht, das muss Betriebsgeheimnis bleiben.

3. Auf Holzbrettern muss die Form mehrere Tage trocknen. Noch sieht sie wie ein Schaumkuss ohne Schokolade und Waffel aus.

4. Eine Kollegin nimmt sich die Form Tage später wieder vor. Sie poliert mal mit einem Metallteil, mal mit einem Schwamm jede Unebenheit weg. „Glasur mag keine Staubreste“, erklärt Hofmann. Dann ist die Tasse fertig für den ersten Brand. In fünf Reihen übereinander gestapelt, fahren die Becher zusammen mit Porzellanpferden und Vasen in den Ofen. Bei 1.000 Grad Celsius bleiben sie einen halben Tag in der Hitze. Danach ist das Porzellan fest und kann glasiert werden.

5. Ein Mitarbeiter taucht das Porzellan je nach Form mal schneller, mal kürzer in eine rosafarbene Flüssigkeit. Die Farbe zeigt, wo noch Glasur fehlt, verschwindet aber nach dem nächsten Brand. Auf die matten Becher und Teller wartet zuvor eine Spezial-Behandlung: Ein Mitarbeiter bearbeitet sie mit einem Diamantschleifer so lange, bis die Oberfläche ganz ebenmäßig ist. Nun wartet der zweite Brand bei 1.400 Grad Celsius – dann ist der Becher fertig. Hofmann wiegt einen von ihnen vorsichtig in der Hand.

6. Auf der Außenseite prangt ein Drachenrelief. Mit dem Fabeltier kennt sich der Produktionsleiter mittlerweile bestens aus. Er weiß, wie viele Zehen und Schuppen er haben muss. Modelleur ist ein koreanischer Steinschnitzer. Der entwarf ein Wachsmodell passend zum Jahr des Drachens.

Wer Hofmann nach seinen Zukunftsplänen fragt, den verweist er auf das nächste Jahr: Das steht im Zeichen der Schlange.