Jürgen Daul und Michael Schünemann ©Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Holzmindens Bürgermeister Jürgen Daul und der neue Landrat Michael Schünemann im Gespräch über die Perspektiven des Landkreises und der Stadt, an der die Weser einen großen Bogen macht.

Am 1. November trat Michael Schünemann als neuer Landrat in Holzminden die Nachfolge von Angela Schürzeberg an. Gemeinsam mit Bürgermeister Jürgen Daul hinterfragt er die Perspektiven ihrer Heimat. Die beiden parteilosen Amtsträger sind sich einig und unterstreichen, wie sehr ihnen die gemeinsame, aktive Gestaltung der Zukunftspolitik des Landkreises und der Kreisstadt am Herzen liegen.

Herr Schünemann, Herr Daul, welche Rolle spielen Stadt und Landkreis bei der Zukunftsplanung der Wirtschaft im bevölkerungsarmen Landkreis Holzminden?

Jürgen Daul: Wir sollten – durchaus selbstbewusst – unsere Vorzüge stärker kommunizieren. Weltweit agierende Arbeitgeber mit fantastischen Karrierechancen, eine attraktive Daseinsvorsorge, verbunden mit akzeptablen Immobilienpreisen, einer sehr niedrige Kriminalitätsrate sowie der Lage inmitten des herrlichen Naturparks Solling-Vogler.

Michael Schünemann: Dennoch sind wir gefordert, gemeinsam die Infrastruktur zu schaffen, damit Unternehmen hierbleiben, sich neu ansiedeln und die nötigen Fachkräfte hier ausgebildet werden oder herziehen. Deshalb müssen wir für eine gute medizinische Versorgung, moderne Bildungs- und Betreuungsangebote sowie eine schnelle digitale und verkehrstechnische Vernetzung sorgen. Da ist was dran. Denn es gibt ja durchaus Problembereiche wie beispielsweise die Internetversorgung oder die Verkehrsplanung …

Daul: In der Tat gilt es dort noch vieles zu verbessern. Dies gilt aber weniger für die Kreisstadt Holzminden, sondern eher für die kleineren Mitgliedsgemeinden im Landkreis.

Schünemann: Auf uns als Landkreis kommt da eine Menge zu. Allein bei der Breitbandversorgung müssen wir bis 2029 jährlich rund zweieinhalb Millionen Euro in die Hand nehmen. Das dauert alles noch viel zu lange. Wie wichtig das ist, merken wir an diesbezüglichen Anfragen potenzieller Investoren. Wir sind da zwar schon auf einem guten Weg, aber wir brauchen in diesem Bereich noch mehr Unterstützung von Land und Bund.

Daul: Und zur örtlichen Verkehrsplanung kann ich aus städtischer Sicht nur auf unsere extrem günstigen Bustickets mit Einheitspreisen unabhängig von der Fahrtstrecke verweisen.

Schünemann: Eine schnellere Anbindung nach Kreiensen auf der Schiene, um Oberzentren wie Hannover und Göttingen zu erreichen, ist extrem wichtig. Ansonsten haben wir mit dem Beitritt zum Zweckverband Verkehrsverbund Süd-Niedersachsen ab 2020 einen wichtigen Schritt getan. Das hilft uns für ein einheitliches Tarifsystem in ganz Südniedersachsen, aber auch, wenn es um weitere Unterstützung durch das Land geht. Bei den Straßen steht die möglichst schnelle Öffnung der B83 natürlich im Vordergrund. Was die Anbindung an Hannover über die B64 bzw. B240 angeht, ist da schon viel in Bewegung.

Das wäre sicher auch für die Wirtschaft von enormem Vorteil, die ja in Holzminden durchaus vielfältig ist. Wo liegen hier ihre Stärken?

Daul: Wir besitzen bei etwas über 20.000 Einwohnern 15.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze – das ist im Verhältnis deutschlandweit ein Spitzenwert! Die gesunde Mischung vom Weltkonzern bis zum Einmannbetrieb macht den Reiz unserer Wirtschaft aus. Neben den bereits genannten positiven Standortfaktoren sind wir in der Pflicht, alles zu tun, um als Wirtschaftsstandort attraktiv zu sein. Ein Beispiel: Die effektiven Abläufe in der Verwaltung von Landkreis und Stadt führen zu schnelleren Bewilligungen als anderswo.

Schünemann: Zudem haben wir auch außerhalb des Holzmindener Stadtgebietes in Bodenwerder, Stadtoldendorf, Lauenförde oder Delligsen attraktive Gewerbegebiete. Da können sich Unternehmen verschiedener Branchen ansiedeln. Unsere Wirtschaftsförderung hilft bei der schnellen Umsetzung von Bauvorhaben.

Umwelt- und Klimaschutz nehmen in der öffentlichen Diskussion eine zunehmend wichtige Rolle ein. Welchen Stellenwert messen Sie diesem Themenkomplex bei?

Schünemann: Wir haben mit der landkreisübergreifend agierenden Klimaschutzagentur und der Klimaschutzmanagerin des Landkreises schon eine Menge zukunftsorientierter Projekte umgesetzt. Sei es durch umfassende Energieberatungen für Haushalte und Betriebe, die eine hohe Anzahl von Investitionen ausgelöst haben, oder durch die Umstellung unserer Fuhrparks auf Elektrobeziehungsweise CNG-Antrieb. Bei allen landkreiseigenen Gebäuden haben wir immer auch die Möglichkeit von mitzuplanenden Fotovoltaikanlagen im Blick. Wir als Landkreis nehmen beim Klimaschutz bundesweit eine Vorreiterrolle ein. Das soll auch künftig so bleiben.

Daul: Auch der Stadt ist dieses Thema sehr wichtig. Ziel ist die klimaneutrale Verwaltung im Jahr 2030. Dafür sind, wie auch in der Wirtschaft, massive Einschnitte und verantwortungsvolles Handeln nötig. Wir müssen dabei aber immer die Verhältnismäßigkeit berücksichtigen und dürfen niemanden überlasten. Klimaschonende Alternativen wie Elektroantriebe und Windkraft müssen von der Produktion über den Betrieb bis zum Recycling gedacht und beurteilt werden. Ansonsten gefährden wir unnötigerweise wichtige Arbeitsplätze in der Region.

Und welche Rolle spielt die Kommunikation für einen kleinen Landkreis wie Holzminden?

Daul: Wir setzen auf kurze Kommunikationswege. Herr Schünemann und ich hatten gleich nach seinem Amtsantritt intensive Gespräche. Wir möchten die Zusammenarbeit von Stadt und Landkreis noch weiter vorantreiben. Nur so können wir uns erfolgreich für die Zukunft aufstellen.

Schünemann: Neben dieser Kommunikation auf Verwaltungsebene setzen wir auch auf die gut funktionierenden Netzwerke der Region: Zwischen der Wirtschaftsförderung und Weserpulsar, mit den Wirtschaftsjunioren sowie der REK Weserbergland plus und nicht zuletzt auch dem Südniedersachsenprogramm gibt es hier auf allen Ebenen regen Austausch und gemeinsame Projekte. Wir arbeiten eng mit Nachbarlandkreisen und -bundesländern zusammen, damit decken wir eine riesige Fläche ab und schaffen viele Synergien. Alle haben erkannt, dass wir mit Kirchturmdenken in der sich immer schneller drehenden Welt nicht weiterkommen.

Zu guter Letzt: Was wünschen Sie sich für Ihren Standort Holzminden im kommenden Jahrzehnt?

Schünemann: Wir müssen zum Wohle des Landkreises alle in Bewegung bleiben und uns den Herausforderungen stellen. Der Landkreis ist gefordert, den wirtschaftlichen Rahmen dafür zu schaffen. Dabei können wir auf unsere Vorteile setzen: Mit unserer gut aufgestellten Wirtschaft und einer herausragenden Hochschule wie der HAWK sowie unserer lebenswerten Region verfügen wir über viele wertvolle Pluspunkte.

Daul: Wir sollten in erster Linie weiterhin auf Kooperation setzen. Künftigen Herausforderungen im Bereich der Digitalisierung, des Fachkräftemangels und des Klimaschutzes können wir nur gemeinsam gegenübertreten. So werden wir unsere innovative, zukunftsorientierte und liebenswerte Kreisstadt weiterentwickeln und Menschen vom Hierbleiben beziehungsweise Hierherziehen überzeugen.

Herr Daul, Herr Schünemann, vielen Dank für das Gespräch.