Verwurzelte Unternehmen

© Stiebel Eltron GmbH & Co. KG
Text von: Stefan Liebig

faktor porträtiert den Wirtschaftsstandort Holzminden - die Vielfalt der Produkte lockt qualifizierten Nachwuchs an.

Eine Kombination aus Standortmarketing, Technologieförderung und Ausbildung ist das Geheimrezept, mit dem der Landkreis Holzminden gegen seine infrastrukturellen und demografischen Probleme angeht.

Die Leiterin der Wirtschaftsförderung Holzminden, Angela Schürzeberg, verweist insbesondere auf die Förderung des Landes Niedersachsen, die dem Landkreis bis zum Jahr 2013 zu 2,5 Millionen Euro Fördergeldern verhilft. „Mit unserer Pro-Invest- Förderung helfen wir vielen Unternehmen bei wichtigen Zukunftsinvestitionen“, so Schürzeberg. Zudem unterstreicht sie die Wichtigkeit der Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft. Auch hier hilft die Wirtschaftsförderung tatkräftig mit.

Im Rahmen des Technologieförderprogramms entsendet der Landkreis Wirtschaftsexperten in kleine und mittlere Unternehmen. Sie geben dort wichtige Hilfestellungen in den Bereichen Marketing, Buchhaltung und Management. „Gerade kleine Unternehmen verfügen häufig nicht über ausreichende Ressourcen auf diesen Gebieten“, erklärt Schürzeberg den Einsatz von externen Fachleuten. Wichtig ist dem Landkreis dabei die enge Zusammenarbeit mit der Holzmindener Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK). Denn deren Zusammenarbeit mit der Wirtschaft vor Ort ist ein wichtiger Zukunftsbaustein für die ländliche Region.

Genau an diesem Punkt setzen auch die Institute Dr. Schrader an. Das Holzmindener Familienunternehmen ist marktführend in der Forschung, Entwicklung, Prüfung sowie Analytik für die kosmetische und pharmazeutische Industrie. „Diese einzigartige Synergie können wir aufgrund unseres guten Rufes an den Universitäten anbieten“, erklärt Präsident Andreas Schrader. „So gelingt es uns, qualifiziertes Personal zu akquirieren und an uns zu binden.“ Beleg für die gute Qualifikation der Mitarbeiter sind Kunden in der ganzen Welt – sei es Skandinavien, Benelux oder Südamerika. Für den asiatischen Markt gibt es ein neun Mitarbeiter zählendes Labor in Peking.

Doch der Standort Holzminden bedeutet dem 1973 von Karl-Heinz Schrader gegründeten und inzwischen 60 Mitarbeiter zählenden Unternehmen besonders viel. So wurde 2007 ein neuer Gebäudekomplex eröffnet und weitere vier Arbeitsplätze geschaffen. Für Andreas Schrader ein weiterer Motivationsfaktor, um die Wirtschaftskrise entschlossen anzugehen.

Pioniergeist und unternehmerischer Mut waren auch charakteristisch fürTheodor Stiebel. Seine Idee, in allen Produkten Sicherheit, Komfort und geringen Energieverbrauch zu vereinen, war 1924 die Initialzündung für Stiebel Eltron. Und so bietet das inhabergeführte Unternehmen bis heute technische Lösungen rund um erneuerbare Energien, Warmwasser, Klima und Raumheizung. Stiebel Eltron gehört noch heute jeweils zur Hälfte den beiden Söhnen des Firmengründers. 2008 erwirtschaftete der Gesamtkonzern einen Umsatz von ca. 450 Millionen Euro.

In Holzminden liegen neben dem Hauptsitz auch die größten Produktionsstätten, um so das Gütesiegel „Made in Germany“ als bestimmenden faktor beizubehalten. Als Beweis dient der Ausbau der Unternehmenszentrale, mit dem Stiebel Eltron sich klar zum Standort Deutschland bekennt. Geschäftsführer Rudolf Sonnemann unterstreicht dies: „Mit fast 6.000 Quadratmetern Produktionsfläche und einer Investitionssumme von über zehn Millionen Euro entstand 2007 die modernste und größte Fabrikation für Wärmepumpen in Mitteleuropa.“ Aktuell baut Stiebel Eltron für weitere acht Millionen Euro ein zweites Wärmepumpenwerk. Die Fertigstellung ist für Mai geplant.

Auf modernste Technik setzt auch die Symrise AG. Selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten legt das Duft- und Geschmackstoffunternehmen am Holzmindener Stammsitz laut Pressesprecherin Katja Derow großen Wert auf neueste Anlagen und Produktionsverfahren. „Unsere innovativen Produkte sind sehr erfolgreich und sorgen für eine Top-Positionierung am internationalen Markt“, so Derow.

Alleinstellungsmerkmale bei Symrise sind vor allem die „And“-Produkte, die Entwicklungen mit mehreren Eigenschaften bezeichnen, wie etwa Geschmackstoffe, die Lebensmittel gesünder machen, oder Düfte, die gleichzeitig die Haut pflegen. Diese spannenden Entwicklungen sind es auch, die immer wieder hoch qualifizierte Fachkräfte zu Symrise locken und das Unternehmen auf dem Weltmarkt etabliert haben. Über 80 Prozent des Umsatzes werden im Ausland gemacht.

„Wir setzen auf zwei Absatzsäulen. Zum einen haben wir ein gewachsenes Geschäft mit internationalen Großkunden, und zum anderen generieren wir zunehmend Umsatz in Schwellenländern wie China, Indien oder im Nahen Osten“, erklärt Derow die Wachstumsstrategie des Unternehmens.

Für die nationale Logistik ist mit Symotion seit Juni 2006 eine hundertprozentige Tochtergesellschaft von Symrise zuständig. Logistische Prozesse, die Symotion erbringt, umfassen Wareneingang, Warenausgang, Lagerung und Transport bis zum Kunden. Symotion beschäftigt an den Standorten Holzminden und Bevern 121 Mitarbeiter. Diese sind hoch qualifiziert und besonders geschult im Umgang mit Lebensmitteln, Gefahrstoffen und Gefahrgut. Die Gründung der Logistiktochter Symotion zeigt die Wichtigkeit des Standortes Deutschland für das Gesamtunternehmen. Und so können sich, so Pressesprecherin Derow, die 2.000 Symrise-Beschäftigten in Deutschland auf die Treue zum Standort Holzminden verlassen, da das Werk hier historisch verwurzelt sei.

Der Beweis, um eine solche historische Verwurzelung zu belegen, ist natürlich ein Museum. Das dachte sich 1979 auch Axel Bruchhäuser, Geschäftsführer der Tecta Axel und Werner Bruchhäuser OHG, und eröffnete das „Stuhlmuseum Burg Beverungen“. 2003 zog das Museum auf das „Tecta Landscape“-Firmengelände und wurde „Kragstuhlmuseum Unternehmen: Tecta-Archiv Lauenförde“ getauft. Stolz präsentiert Tecta hier lebendige Möbelgeschichte mit über 500 Exponaten. Zu den über 1.000 Besuchern im Jahr gehören sogar japanische Besuchergruppen. „“Kein Wunder, denn wir exportieren 20 Prozent unserer hochwertigen und modernen Möbel nach Japan“, erklärt Geschäftsführer Christian Drescher.

Mit 75 Prozent Absatz in Deutschland produzieren die 40 Tecta-Mitarbeiter in Lauenförde aber vor allem für den hiesigen Markt, insbesondere für exklusive Möbelhäuser in Großstädten. Seinen guten Ruf verdankt Tecta vor allem seinen originalgetreuen Reeditionen von Bauhaus-Modellen. Die werkgetreuen und lizenzierten Produkte werden vom Bauhaus-Archiv in Berlin genehmigt und tragen das Signet nach dem von Oskar Schlemmer 1922 am Staatlichen Bauhaus Weimar entworfenen Bauhaus-Zeichen.

Die ebenfalls in erster Linie auf dem deutschen Markt tätige webcss GbR in Eschershausen steht mit dem Motto „e-communicate your business“ für den konsequenten Einsatz aller elektronischen Medien und Möglichkeiten rund um das Internet zur Verwirklichung von Geschäftsideen. „Wir helfen Unternehmern, deren echtes Interesse es ist, das Medium Internet als Marketing- und Vertriebsinstrument einzusetzen“, so Geschäftsführer Sven Pohl. Die oft nicht erkannten großen Einsatz- und Wachstumsmöglichkeiten arbeitet das siebenköpfige webcss-Team in einem speziellen Interview-Analyse-Verfahren per Workshop für die Kundenanforderungen eindeutig heraus.

So bietet das bundesweit und international tätige Unternehmen z. B. die Erstellung von Homepages und Internetshops an. Unterstützung erhalten sie von Freelancern und ihrem Partnernetzwerk. Durch gezielte interne Ausbildung verfügt das Team über die nötigen marktgerechten Qualifikationen. „Glücklicherweise ist auch Personalfluktuation kein Thema bei uns, da einfach die Chemie stimmt“, hebt Geschäftsführer Hans Runge das gute Arbeitsklima hervor.

Auch wenn die Rekrutierung qualifizierten Personals für die porträtierten Unternehmen im Landkreis offenbar keine zentrale Problematik darstellt, verursacht sie großen Aufwand für die Unternehmen in der Wirtschaftsregion Holzminden. Um dem entgegenzuwirken, bieten die Wirtschaftsjunioren Holzminden die Business-Academy für Auszubildende sowie die Holzmindener Berufsinformationstage (HOLBit) für Schüler, um Jugendlichen bei Berufsorientierung und dem Üben von Vorstellungsgesprächen wichtige Hilfestellungen zu geben.

Gemeinsam mit dem Bildungsträger ESTA bieten die Wirtschaftsjunioren außerdem ein Wiedereinstiegsprojekt für Berufsrückkehrerinnen. Führungskräfte erhalten Weiterbildungsmöglichkeiten zu den Themen Erwachsenenbildung, Mitarbeiterführung und Motivation, Moderation und Organisation von Projekten, Rhetorik sowie Präsentationstechniken. So können sich die Topleute der Region rüsten, um schwierige Zeiten zu überstehen.

Laut einer Umfrage innerhalb der Mitgliedsunternehmen der 59 Wirtschaftsjunioren Holzminden sehen ohnehin alle das Jahr 2009 positiv und sprechen sich gegen die extreme Schwarzmalerei der Medien aus. Als äußerst ungerecht wird jedoch empfunden, dass „selbst Großunternehmen nun nach staatlicher Unterstützung schreien und die KMU sehr viele Auflagen zu erfüllen haben, um kleine Kredite oder Förderungen zu erhalten“,so Kirsten Schaar, Sprecherin der Wirtschaftsjunioren Holzminden und Unternehmerin. „Wichtig ist jetzt, dass für KMU Steuerentlastungen und mehr Flexibilität geschaffen werden, um mögliche Auftragsrückgänge und die zu erwartenden Mehrbelastungen durch die Subventionierung der Großunternehmen aufzufangen.“

Der Landkreis Holzminden ist also gut gerüstet, um Herausforderungen wie Wirtschaftskrise und Nachwuchskräftemangel zu bestehen. Mit unterschiedlichen Instrumenten gelingt es, Topkräfte in die Region zu holen und dort zu halten. Netzwerke wie Weserpulsar und Wirtschaftsjunioren stärken zudem den Zusammenhalt in der Region. Und zu Recht ist man stolz auf die erfolgreichen Unternehmen und deren Verwurzelung mit dem Standort.