“Vernetzung ja – aber mit offenen Grenzen“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sebastian König

Unternehmer Gerhard Hahn und Wirtschaftsförderer Jörg Hartung sprachen mit faktor über Vorteile und Schwierigkeiten des Standorts Hann. Münden.

Herr Hahn, Ihr Unternehmen hat erst kürzlich in Hann. Münden neue Gebäude errichtet. Was hat Sie
überzeugt, weiter hier zu investieren?

Hahn: Natürlich haben wir überlegt, ob es sinnvoller ist, in eine mehr industriell geprägte Gegend zu wechseln. Aber unsere Zentrale ist hier, und die Standortfaktoren überzeugen. Wir finden hier genügend Mitarbeiter mit passenden Qualifikationen sowie eine sehr gute Infrastruktur mit Anbindung an den Fernverkehr. Zu guter Letzt haben wir genügend Fläche vorgefunden, um die Produktions- und Lagerfläche wie geplant zu vergrößern.

Herr Hartung, wie stellt sich die Stadt aus Sicht des Wirtschaftsförderers dar?
Hartung: Wir sind in der glücklichen Lage, keine Monostrukturen in der Wirtschaft zu haben. Für ein Mittelzentrum sind wir sehr breit aufgestellt und weitestgehend unabhängig von Großbetrieben. Hier sorgen 25 Unternehmen für circa 85 Prozent des Gewerbesteueraufkommens. Dazu verteilen sich die Betriebe auf verschiedene Branchen. Schwerpunkte finden sich in der Verpackungsindustrie, dem Automotive-Bereich, der gummiverarbeitenden Industrie und in der Logistik. Dazu kommen einige „Exoten“ wie zum Beispiel der Pflanzenzüchter Benary.

Wie bewerten Sie die spezielle Lage zwischen den Zentren Göttingen und Kassel?
Hahn: Für Knüppel Verpackungen hat das direkt keine Auswirkungen. Persönlich finde ich es vorteilhaft, nicht in einem der Oberzentren zu wohnen, aber dennoch durch die geringe Entfernung deren Vorzüge nutzen zu können.

Hartung: Natürlich gibt es Bereiche, in denen die Oberzentren Druck auf uns ausüben – zum Beispiel im Einzelhandel. Während in Hann. Münden insgesamt Verkaufsflächen von 35.000 Quadratmetern zur Verfügung stehen, bietet ein City Point in Kassel schon allein 20.000 Quadratmeter. Dabei schränkt die Lage zwischen den Flüssen und das Flächendenkmal „Altstadt“ unseren Handlungsspielraum deutlich ein. Dennoch überwiegen, mit Blick auf die Nähe zu zwei Oberzentren, die Vorteile von Hann. Münden als attraktiver Wohn- und Arbeitsstandort.

Wie sieht die Lage bei den Gewerbegebieten aus?
Hahn: Für unser Unternehmen stehen in direkter Umgebung genügend Flächen bereit, um die nächsten zehn Jahre gut überstehen zu können. Hier hat die Stadt sehr gut vorgesorgt. Ohnehin haben wir als Unternehmen an der Stadtverwaltung nichts auszusetzen. In den vergangenen Jahrzehnten ist sie sehr viel flexibler geworden. So wurden wir bei der Bewerbung um Fördermittel für unsere aktuellste Investition tatkräftig und erfolgreich unterstützt.

Hartung: Als Stadt haben wir die Verpflichtung, eine Gewerbegebietsentwick- lung voranzutreiben. Am Standort Volkmarshausen sind zum Beispiel die meisten unbebauten Flächen als Optionsflächen für Expansionsvorhaben der ansässigen Unternehmen vorgesehen. Aktuell plant hier die Firma Nordfrost ein weiteres Kühllager. Die Optionszeiten haben wir bewusst sehr lang gewählt, damit die Unternehmen eine gewisse Investitionssicherheit haben.

Mit „Hedemünden 2“ steht ein neues Gewerbegebiet bereit, wie sieht hier die Auslastung aus?
Hartung: Eigentlich sind wir davon ausgegangen, dass dieses Gebiet vor allem überregionale Bedeutung haben und Unternehmen aus ganz Deutschland und Europa anziehen würde. Aber wir mussten uns eines Besseren belehren lassen. Denn die konkreten Anfragen kommen überwiegend von örtlichen Firmen. Wir rechnen schon bald mit den ersten Ansiedlungen.

Hahn: Ein Grund, warum die Fernansiedlungen hier ausbleiben, liegt aus meiner Sicht in der Nähe zu den neuen Bundesländern. Denn wer hier einen Standort plant, kann auch ein paar Kilometer weiter nach Thüringen gehen und bekommt dort ganz andere Fördermittel bereitgestellt. Das ist für grenznahe Gebiete wie Hann. Münden ein immenser Nachteil.

Hartung: Es besteht eine deutliche Schieflage nicht nur bei den Fördermitteln, sondern auch in der Tarifstruktur. Dazu können durch die Infrastrukturförderungen Gewerbeflächen viel günstiger angeboten werden. Wir hoffen, dass sich hier in den kommenden Jahren etwas ändert. Es können nicht in 20 Kilometern Entfernung gänzlich andere Rahmenbedingungen herrschen. Bis sich etwas ändert, wird wohl noch einige Zeit vergehen.

Welche Überlegungen existieren, um die wirtschaftliche Attraktivität Hann. Mündens zu erhalten oder sogar zu steigern?
Hartung: Ein sehr interessantes Projekt ist die Weserumschlagstelle. Diese ist auf Initiative der Richter Maschinenfabrik AG aus Hessisch Lichtenau wiederbelebt worden, die hier ihre Schwergutprodukte auf Schiffe verlädt. Die Stadt möchte die Hafenanlage weiter ausbauen und lässt momentan in einer Marktanalyse die Wirtschaftlichkeit prüfen. Daneben sind wir bereits mit potenziellen Kunden und Betreibern in Gesprächen.

Besteht trotz ausreichender Gewerbe- flächen und der Weserumschlagstelle dennoch die Gefahr, dass irgendwann auch örtliche Unternehmen den Absprung Richtung neue Bundesländer wagen und damit den Standort schwächen?
Hartung: Noch ist das in Hann. Münden nicht passiert. Dazu ist die Entfernung wohl doch zu groß, und auch die Förderungsvorteile alleine reichen nicht aus. Denn das Hauptpotenzial liegt Gott sei Dank immer noch bei den Mitarbei- tern, die meist nicht bereit sind, mit dem Unternehmen umzuziehen.

Hahn: Das ist tatsächlich ein wichtiger faktor. Bei uns kommen die meisten Mitarbeiter direkt aus Hann. Münden oder den umliegenden Gemeinden. Das war bei unserer Entscheidung, hier in Hann. Münden zu investieren, unter anderem ein wichtiges Kriterium. Wir waren uns sicher, dass wir nicht alle Führungskräfte zu einem Umzug hätten überreden können. Die Folge wäre eine örtlich getrennte Führungsspitze gewesen.

Wie attraktiv ist Hann. Münden insgesamt für Arbeitnehmer?
Hartung: Offensichtlich arbeiten die Menschen gern hier. So pendeln mehr Menschen nach Hann. Münden ein als aus. Dabei kommen die Mitarbeiter nicht mehr nur aus Kassel und Göttingen, sondern sogar aus Thüringen zu uns. Und auch von Unternehmerseite habe ich keine Klagen gehört, dass sie Stellen nicht besetzen konnten. Ausnahmen bilden hier aber sicher wie überall die Ingenieurberufe.

Hahn: Wir selbst haben schon mehrfach bundesweit Stellen ausgeschrieben und waren mit dem Rücklauf immer sehr zufrieden. Das Interesse hierher zu kommen, ist durch alle Altersschichten groß. Dass Arbeitgeber rund um Göttingen größere Schwierigkeiten haben, Personal zu finden, muss nicht nur an der Attraktivität des Standorts liegen. Mir ist aufgefallen, dass Unternehmen häufig zu speziell suchen, da sie offenbar nicht bereit sind, Arbeitnehmer längerfristig einzuarbeiten. Wir investieren viel in die hausinterne Aus- und Weiterbildung und nutzen darüber hinaus die Weiterbildungsangebote des Verpackungsclusters Südniedersachsen.

Was bietet das Verpackungscluster in diesem Bereich?
Hahn: Neben Trainings für den Umgang mit Kunden, Business-Englisch oder Staplerscheinen für Mitarbeiter werden auch Seminare für Führungskräfte angeboten. Erst kürzlich gab es eine sehr gut besuchte Veranstaltung zum Thema Controlling und der Beurteilung von Bilanzen. Wir werden in Zukunft durch die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Verpackungsinstitut noch mehr namhafte Referenten in die Region holen. Für mich als Vorsitzender des Verpackungsclusters ist das ein hervorragendes Instrument der Netzwerkarbeit.

Vernetzung ist ein ausgezeichnetes Stichwort. Sie wird allerorts rund um Göttingen gefordert. Wie ist Ihre Meinung zu einer gemeinsamen Region Südniedersachsen?
Hahn: Mit dem Verpackungscluster betreiben wir diese Vernetzung bereits seit Längerem aktiv. Wir gehen dabei auch über die regionalen Grenzen hinaus. So unterhalten wir eine Kooperation mit dem Metallcluster Nordhessen, in dessen Rahmen sich die Unternehmen beider Netzwerke treffen und gegenseitig vorstellen. Wir wollen damit initiieren, dass die Unternehmen überregional zusammenarbeiten und nach Synergien suchen.

Hartung: Eine Vernetzung Südniedersachsens ist gut. Aber sie darf nicht an der Grenze, wie bei uns zu Hessen, halt- machen. In Bezug auf die Hafenanlage zeigt unsere Potenzialanalyse, dass wir zukünftig insbesondere mit den nordhessischen Unternehmen zusammenarbeiten werden. Denn dort werden die Produkte hergestellt, die sich zum Transport auf dem Wasser eignen. Das ist nur ein Beispiel, warum die Durchlässigkeit an den Grenzen einer solchen gemeinsamen Wirtschaftsregion stets gegeben sein muss.

Vielen Dank für das Gespräch!