©Luka Gorjup
Text von: Stefan Liebig

Nazret Afworki lebt erst seit etwas mehr als drei Jahren in Deutschland. Doch ihre Sprachbarriere hindert sie nicht im Geringsten daran, eine Ausbildungsstelle mit viel Kundenkontakt anzunehmen.

Nazret Afworki vermisst ihre Familie, ihre Freunde und die Wärme in ihrer Heimat Eritrea. Mit dem afrikanischen Klima kann Hann. Münden leider nicht mithalten, doch eine Heimat hat die 19-Jährige, die 2016 nach Deutschland geflohen ist, hier dennoch gefunden. Geholfen haben ihr dabei zunächst die Berufsbildenden Schulen Hann. Münden, in die sie nach einer dreimonatigen Übergangszeit in Göttingen eingeschult wurde. Neben einem intensiven Deutschkurs absolvierte Nazret hier innerhalb von zwei Jahren den Hauptschulabschluss. Wenn man bedenkt, dass sie bei ihrer Ankunft kein einziges Wort Deutsch sprach und sich in einem völlig fremden Kulturkreis zurechtfinden musste – eine bewundernswerte Leistung. Aufgrund von Perspektivlosigkeit verließ sie ihr Heimatland und ließ ihre gesamte Familie in Eritrea zurück. „Auf die Details möchte ich nicht weiter eingehen“, sagt Nazret, während sie sich offensichtlich traurig an alles Zurückgelassene erinnert.

Doch spricht man mit ihr über ihre Ausbildung, die sie im vergangenen Sommer begonnen hat, beginnen ihre Augen zu funkeln: Sie ist froh, diese Chance zu erhalten, obwohl sie noch nicht fließend Deutsch spricht. Zwei Jahre dauert ihr Weg zur fertigen Kassiererin und Verkäuferin im Hann. Mündener Penny-Markt in der Wilhelmshäuser Straße. Wenn alles gut läuft, hängt sie noch ein Jahr dran und ist dann ausgebildete Einzelhandelskauffrau. „Ich hatte im Nachbarmarkt ein vierwöchiges Praktikum absolviert. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht“, erzählt Nazret. „Darum habe ich mich nach dem Schulabschluss auch direkt auf eine Ausbildungsstelle beworben.“

Hier lernt sie nun seit einigen Monaten die innerbetrieblichen Abläufe kennen. Lernt, wie die Lagerhaltung funktioniert, wie und wann Regale bestückt werden und wie das Bestellwesen funktioniert. Anstrengend sind für sie vor allem die Wechselschichten. „Ich mag die erste Schicht und bin lieber schon um 14 Uhr fertig“, sagt die Frühaufsteherin fröhlich. Spannend wird es, wenn Nazret demnächst an ihren eigentlichen Ausbildungsplatz kommt und an der Kasse arbeitet – denn die angehende Verkäuferin hat trotz ihrer beeindruckenden Sprachkenntnisse noch gehörigen Respekt vor dem direkten Kontakt mit den Kunden. Mit sprachlichen Problemen hat sie durchaus auch zu kämpfen, wenn sie mit Fachbegriffen im Markt oder mit Prüfungsaufgaben in der Berufsschule konfrontiert wird. Aber sie bekommt viel Unterstützung: Die Auszubildende aus dem Nachbarmarkt hilft ihr bei der Vorbereitung, das Penny-Team sowie Marktleiter Oliver Rau und Bezirksleiter Stephan Thomik schalten sich bei Problemen ebenfalls direkt ein. Thomik war es auch, der sich ganz konkret für Nazret als Auszubildende eingesetzt hat. „Ich bin selbst im Alter von sechs Jahren aus Simbabwe nach Deutschland gekommen und möchte anderen helfen, ebenfalls beruflich Fuß zu fassen“, erklärt der Bezirksleiter und stellt dabei umgehend klar, dass sich Nazret diese Chance aber nicht durch ihre Herkunft, sondern durch ihre motivierte und offene Art verdient hat. Dies ist sicher auch der Grund, warum diese auch ausgiebig vom guten Teamwork und ihren netten Kollegen erzählt, als sie nach den positivsten Erfahrungen in ihrer Ausbildung gefragt wird.

Auch über das örtliche Jobcenter hat Nazret nur Positives zu berichten. So nutzt die 19-Jährige die angebotene Sprachförderung, wann immer sie kann, wenn sie in ihrer Freizeit nicht gerade liest oder trotz des kalten deutschen Klimas in der Natur spazieren geht. Man merkt, wie gern sie fließender sprechen möchte, um noch besser durch den Alltag zu kommen. Markleiter Oliver Rau weiß, was für hohe Ansprüche heute an Verkäuferinnen und Kassiererinnen gestellt werden, und erkennt Nazrets „tolle Leistung“ umso mehr an und sichert ihr „jede erdenkliche Hilfe“ zu. Von ihrem Ehrgeiz ausgehend, stehen Nazret aber mit Sicherheit auch so sämtliche der vielseitigen Karrierechancen offen, die sich Kaufleuten in großen Einzelhandelsketten bieten. Ihr Bezirksleiter Stephan Thomik könnte mit seinen afrikanischen Wurzeln da durchaus ein Vorbild sein.

Welche Stärken sollte man mitbringen?

• Konzentration und Sorgfalt
• Multitaskingfähigkeit
• Konzentrationsfähigkeit
• Stressresistenz
• Teamfähigkeit
• Kommunikationsfähigkeit beim Kundenkontakt
• Bereitschaft zum Schichtdienst

Was lernt man in der Ausbildung?

• Kasse und Kassensystem
• Warendisposition
• Regalplanung
• Lagerhaltung

Wo gibt es Unterstützung?

Deutschkurse und Deutsch-Integrationskurse bieten im Landkreis Göttingen unterschiedliche Bildungsträger an – zum Beispiel die Volkshochschule Göttingen/Osterode, die an mehreren Standorten eine individuelle Beratung und Einstufung zu Deutschkursen anbietet. Auch bei der Anmeldung zu Integrationskursen kann die Deutschberatung vor Ort unterstützen.

Ausbildungsgehalt

1. Lehrjahr: 750 Euro
2. Lehrjahr: 835 Euro
Einstiegsgehalt: 1.470–1.800 Euro (brutto)