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Text von: Sven Grünewald

Coworking Spaces – gegenwärtige Mode oder tatsächlich ein Mehrwert für die Nutzer? faktor gibt einen Überblick über die flexiblen Arbeitsplätze in Südniedersachsen und zeigt, dass das Konzept funktioniert, wenn auch anders als gedacht.

Ein Trend erobert die Welt, und in den vergangenen zwei Jahren auch Südniedersachsen. Nach und nach ploppen sogenannte Coworking Spaces auf – zugegeben, bis auf einen befinden sich bislang alle in Göttingen. Das Privileg hingegen, hier der Erste am Start gewesen zu sein, gebührt dem Einbecker 3eck Co Working Space, der im November 2016 seine Eröffnung feierte.

Coworking Spaces sind noch ein relativ junges Konzept, der erste dieser Räume soll 2005 in San Francisco gegründet worden sein – als Heimat für digitale Nomaden. Es beschreibt eine Entwicklung in dem Bereich ,neue Arbeitsformen‘: flexible Bürogemeinschaften, in denen jeden Tag neue Gesichter an den Nachbartischen sitzen können. Diese arbeiten dabei zugleich in meist größeren, offenen Räumen und können auf diese Weise voneinander profitieren. Sie können unabhängig voneinander agieren und in unterschiedlichen Firmen und Projekten aktiv sein – oder auch gemeinsam Projekte entwickeln und Hilfe sowie neue Mitstreiter finden. Coworking Spaces haben also zweifelsohne Vorteile für verschiedene Nutzergruppen: für Freiberufler, Kreative, kleinere Start-ups …

Für Freiberufler stellt sich etwa die Frage nach dem Büro: Kann und will ich von zu Hause aus arbeiten? Will ich mit dem frisch gegründeten Unternehmen bei unsicheren Geschäftsperspektiven überhaupt eigene Räume fest und langfristig anmieten? Denn die Mietkosten sind im Vergleich zur eigenen Anmietung niedriger, die Nutzung ist flexibler, eine gute Infrastruktur mit Internet, Druckern etc. inklusive Support gehört obendrein zum Standard. Größere Unternehmen können hier zusätzliche, kurzfristige Raumbedarfe abdecken. Die Arbeitsatmosphäre ist lebendig und ermöglicht den Austausch untereinander über Branchen hinweg, einen Erfahrungstransfer sowie den Aufbau neuer Freundschaften und Geschäftsbeziehungen.

„Ich habe festgestellt, dass den ganzen Tag isoliert zu Hause zu sein nicht gut für mich ist. Ich brauche die Interaktion mit anderen“, sagt Angela Barnard, Business Coach aus Holzminden, und beschreibt damit ihre Motivation, mehrmals die Woche nach Einbeck zum 3eck Co Working Space zu pendeln. „Zu Hause lenken einen viele Sachen ab. Man geht in die Küche, macht mal eben die Wäsche oder redet mit dem Nachbarn. Als Selbstständiger daheim braucht man eiserne Disziplin.“ Der Weg nach Einbeck hingegen hilft ihr, den Kopf freizumachen, sich mental auf den Job einzustellen. „Und wenn ich nach Hause fahre, dann habe nicht das Gefühl, ich nehme meinen Job mit.“

Paul van Laar ist selbstständiger Produktdesigner, beispielsweise von Leuchten, und von Beginn an mit im Göttinger Startraum dabei, der Anfang des vergangenen Jahres von Jonas Brunnert von der Berliner Innovationsberatung Innoki eröffnet wurde. Am Beginn der Selbstständigkeit stand auch bei van Laar die Erkenntnis, dass ihm zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Inzwischen nutzt er seit einem guten Jahr die Räumlichkeiten und zieht für sich ein absolut positives Fazit: „Neben der vorhandenen Ausstattung, die für meine Arbeit wichtig ist, überzeugt mich vor allem der soziale Aspekt: Ich habe viele Leute kennengelernt, und es sind Geschäftsbeziehungen entstanden. Der Austausch trägt dazu bei, den eigenen Horizont zu erweitern.“

Die Vorteile, das rege Communityleben im Arbeitsalltag, sind aber unter Umständen auch Nachteile: Konzentrieren mag hier schwerer fallen, Privatsphäre gibt es wenig, und Telefonate ohne Zuhörer sind mitunter nicht immer unkompliziert möglich – von der fehlenden Individualität des Arbeitsplatzes mal ganz abgesehen. „Schwierig wird es, wenn bei einer Tätigkeit Geheimhaltung gefordert ist oder man viele Gespräche führen muss“, erklärt Paul van Laar. „Vertrieb über das Telefon geht eigentlich gar nicht.“ Doch in der Regel helfe ihm die konzentrierte Arbeitsatmosphäre, die im Startraum vorherrscht – sie ist ihm Ansporn, sich selbst auch in die Arbeit zu vertiefen. Und wenn es doch mal zu laut wird? „Da helfen Kopfhörer und Musik, oder man macht eben doch mal die Tür zu“, sagt der überzeugte Coworker.

In Sachen Coworking stehen also in der Region alle Zeichen auf Grün – und doch lässt sich hier ein interessanter Trend beobachten: Denn Coworker wie Paul van Laar und Angela Barnard, die man eigentlich ansprechen und zu sich holen will, sind bislang eher selten. „Dafür gibt es eine überraschend große Nachfrage vonseiten etablierter und teils auch sehr großer Unternehmen oder kleinen Teams, die die Räumlichkeiten für einzelne Veranstaltungen, Workshops und Tagungen nutzen wollen“, erklärt Sebastian Röske, einer der Geschäftsführer der Online -Marketing-Agentur Lookfamed und Gründer des Göttinger W12 Coworking Space . „Coworking an sich ist tatsächlich noch nicht so stark gefragt.“ Auch Chris Asmuth, Geschäftsführer von pro office und des von der Firma eingerichteten Coworking Space by prooffice, beobachtet diesen Trend: „Es gibt eine starke Nachfrage nach Tagungsmöglichkeiten und der Nutzung als Event-Location, aber der typische Coworker hat auch bei uns noch Seltenheitswert.“ Desgleichen in Einbeck.

Dabei ist die Auswahl durchaus vielfältig. Klar, das grundsätzliche Angebot der flexiblen Bürogemeinschaften ist relativ ähnlich, doch jede hat auch so ihre Alleinstellungsmerkmale, seine eigene Atmosphäre und ihre Tarifsysteme. Letztlich ist da der Kunde gefragt, in welchem Ambiente er sich am wohlsten fühlt. Ein Coworking Space fällt dabei sogar etwas mehr aus der Rolle: Die Life Science Factory , die vom Pharma- und Laborzulieferer Sartorius aufgebaut wurde und sich seit Februar zusammen mit dem Startraum rund 600 Quadratmeter Fläche in den Räumlichkeiten der alten Post in der Göttinger Innenstadt teilt – sodass auch für die dortigen Nutzer Synergieeffekte entstehen. Die Factory soll Neugründungen fördern und bietet Raum und Unterstützung für Gründer speziell aus dem Life-Science-Bereich. Dabei arbeitet sie eng mit lokalen Partnern wie den verschiedenen Göttinger Hochschulen, Max- Planck-Instituten und dem SüdniedersachsenInnovationsCampus (SNIC) zusammen. Es stehen Flächen für Coworking, Experimente und Veranstaltungen zur Verfügung, die von Gründern zum Arbeiten und dank der Hightech-3D-Drucker auch zum Erstellen kreativer Prototypen gemietet werden können. Zudem soll es Netzwerkangebote zu den Themen Mentoring und Unternehmensfinanzierung geben.

Während man in Göttingen inzwischen also von einer vorhandenen Vielfalt der Coworking-Möglichkeiten sprechen kann, sieht es in der Region gänzlich anders aus. In Hann. Münden beispielsweise wünscht man sich durchaus auch einen Coworking Space, aber konkrete Schritte wurden noch nicht unternommen. „Dabei wäre gerade die regionale Vernetzung und der Austausch der Spaces jenseits von Göttingen eine bereichernde Sache“, findet 3eck-Gründer Martin Keil. Für den Wirtschaftsstandort Einbeck spielen die Räumlichkeiten natürlich nur eine untergeordnete Rolle, aber „dennoch ist es eine Keimzelle von Ideen und Visionen“, so Florian Geldmacher, Geschäftsführer von Einbeck Marketing. Insbesondere für Gründer und Jungunternehmer gäbe es damit eine Anlaufstelle und eine etwas andere Form der Wirtschaftsförderung.

Die Pioniere haben für Nachahmer auch ein paar Tipps parat. Es gelte, sich klar zu machen, wen der Coworking Space eigentlich ansprechen soll, welche Ausstattung, welchen Charakter er bekommen soll – reine Büroarbeitsplätze oder soll der Austausch im Vordergrund stehen? Ein entscheidender faktor dabei: „So ein Ort muss von der lokalen Wirtschaft gewollt sein“, sagt Geldmacher. „Und man sollte Ausdauer mitbringen. Das ist kein Businessmodell, das auf Anhieb läuft.“