Väter geh‘n in Führung

Text von: Elena Schrader, redaktion

Männliche Führungskräfte haben heute mehr unter einen Hut zu bringen als früher. faktor spricht mit Männern der Region über die Doppelrolle Vater und Führungsposition.

Hinweis: Beachten Sie auch den faktor-Link mit weiteren Informationen zum Thema aus unserer Sommer-Ausgabe 2012.

„Männer sind allzeit bereit, bestechen durch ihr Geld und ihre Lässigkeit.“ So hat es uns der Künstler Herbert Grönemeyer
– immerhin in Göttingen geboren – stets vorgesungen. Aber wehe, Führungskräfte wollen wegen der Familie kürzer treten. Dabei rechnet sich das neue Rollenmodell.

Eines für Führungskräfte, die aus Verantwortung gegenüber der ebenso gut ausgebildeten Ehefrau und aus dem Wunsch nach Nähe zum gemeinsamen Nachwuchs ihre Arbeitszeit verringern wollen oder sich gar eine Auszeit nehmen.

Das Bild wird in der Wirtschaft heute, wenn auch eher zögerlich, akzeptiert. Familiäres Engagement ist nicht peinlich, sondern dient Frauen, Männern – und Unternehmen. Entscheider mit Familiensinn sind ökonomisch nutzbringende Persönlichkeiten.

Mit gutem Beispiel voran

So wie Jens Rumsfeld, Teamleiter im Bereich Marketing für Zentral- und Osteuropa bei Sartorius in Göttingen. Der 40-Jährige gehört
zu denen, die beides wollen: Familie und Karriere.

Männer wie er suchen sich Arbeitgeber aus, die das ermöglichen, und so ging er vor 13 Jahren von Bayer zu Sartorius.

Für seine Frau und ihn war bereits früh in der Kinderplanung klar, dass man sich gleichberechtigt um die Erziehung kümmern
wolle. Beide standen am Beginn ihrer Karriere und waren gleichermaßen ausgebildet.

Vor sieben Jahren wurde dann Rumsfelds erster Sohn geboren. Seine Frau ging acht Monate in Elternzeit. „Bei meinem zweiten Sohn, der im Jahr 2008 das Licht der Welt erblickte, war ich dann dran, mich länger um das Baby zu kümmern“, erklärt der inzwischen dreifache Vater. Eine kleine Tochter machte vor einem Jahr das Trio komplett, nach deren Geburt er abermals zwei Monate Elternzeit nahm.

„Zu diesem Zeitpunkt griff gerade die neue Elternzeitregelung, die es gesetzlich erlaubte, ein ganzes Jahr auszusteigen. Also
habe ich mir für sieben Monate eine Auszeit genommen um die Betreuung der beiden Söhne zu übernehmen.“

Noch länger von der Arbeit wegzubleiben, wäre für ihn etwas schwierig geworden, sagt er heute. Es gab keine weitere Vertretungsmöglichkeit, und die Firma fusionierte gerade.

Doch auch wenn die allgemeine Firmenkultur bei Sartorius sehr offen und familienfreundlich sei – die Führung habe sich mit ihm gefreut und ihn unterstützt –, habe es auf seine Entscheidung hin durchaus auch kritische Stimmen gegeben. „Ich war in meinem Umfeld der erste, der von dieser Regelung Gebrauch gemacht hat. Einige Männer blieben maximal für zwei Monate zuhause“, erklärt Rumsfeld.

„Als ich meinen Entschluss kundgetan hatte, wurde ich offen mit Aussagen konfrontiert, wie: ,Ist Kindererziehung nicht eher was für Frauen?‘, ,Könnte es nicht sein, dass die Auszeit deine Karriere beeinflusst?‘ oder ,Warum ist denn Deine Frau nicht bei den Kindern…‘“.

Die kritischen Stimmen seien jedoch eher aus einer älteren Generation an ihn heran getragen worden. Überwiegend habe er allerdings positiven Zuspruch erfahren – auch von vielen männlichen Kollegen.

Familienfreundlichkeit als Köder

Und mit dieser Einstellung zur Familie ist Rumsfeld nicht allein. Selbst im ersten Vorstellungsgespräch fragen manche schon gezielt nach der Familienfreundlichkeit des Unternehmens.

Das Phänomen hat auch Nico Lumma bereits erlebt. Der Hamburger, der in Göttingen studiert hat, ist heute 40 Jahre alt, Vater von drei Kindern und als COO der Digital Pioneers N.V. und erfolgreicher Blogger in Hamburg tätig.

Er selbst sei schon des Öfteren in Bewerbergesprächen auf diese Frage gestoßen. „Es ist heute nicht mehr unüblich, dass Unternehmen schon vor Arbeitsantritt einen pünktlichen Feierabend garantieren müssen. Als Mittel im Wettbewerb um Fachkräfte
könnte das sogar mal die Regel werden.“

,Work-Life-Balance‘ als Standortfaktor

Die ,Work-Life-Balance‘ spielt heute insgesamt eine größere Rolle als vor einigen Jahren, vor allem beim ,Employer Branding‘ – nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern auch für die Region und den Standort Göttingen.

„Wir sind nicht Hamburg oder Berlin. Doch wenn die Führung auf Familienfreundlichkeit Wert legt, lassen sich auch andere Nachteile der Region darüber ausgleichen“, erklärt Bernd Fritz-Kolle, Coach und Organisationsberater bei der teneo Organisationsberatung in Göttingen.

„Männer in den Dreißigern, die Führungskräfte sind oder werden wollen, gewinnt und bindet man damit leichter.“ Unternehmen seien daher gut beraten, auch männlichen Führungskräften offensiv die Optionen von Teil- und Elternzeit anzubieten.

Jedes Handeln hat seinen Preis

Aber die Männer müssten Mumm aufbringen, als Vorreiter nicht nur mit Applaus rechnen und sich klar sein über die Folgen. Denn jedes Handeln im Leben hat seinen Preis.

Bezogen auf das Familieneinkommen ist das auch – gerade für Selbständige – wörtlich zu verstehen.

Davon kann Nils Hasenbeck, geschäftsführender Gesellschafter im Familienunternehmen ,Fruchthof‘ in Northeim, ein Lied singen. „Eine lange Elternzeit war für mich als Selbstständiger gar kein Thema, da es keine besonderen staatlichen Förderungen gibt.“

Der 38-jährige zweifache Vater nahm sich lediglich jeweils zwei Wochen frei. „Als Gesellschafter bekommt man kein Geld, wenn man nicht zur Arbeit erscheint. Für Elternzeit sind also keine Anreize da.“ Wie gut, dass seine Frau als Zahnärztin halbtags arbeiten kann und er mit seiner Familie nicht weit von der Firma wohnt.

In seinem Unternehmen gebe es momentan auch keine Männer in Elternzeit, was nicht an seiner Einstellung zum Thema liege, sagt der Fruchtgroßhändler. „Viele Männer sind vielleicht einfach noch nicht richtig informiert, welche rechtlichen Ansprüche sie haben. Daher wird oft kein Gebrauch davon gemacht.“

Woher kommt der Druck?

Aber auch wenn die Möglichkeiten von den Männern noch nicht so stark genutzt werden, so gibt es sie nun aber trotzdem bereits, die Debatte um die Vereinbarkeit von Job und Familie für Männer, und sie hat die Väter voll erfasst. Aber woher kommt der Druck?

Johannes Loxen, Vater von Zwillingen im Alter von zwölf Jahren und geschäftsführender Gesellschafter des ITUnternehmens SerNet in Göttingen, glaubt, dass das Thema ,Männer in Elternzeit‘ gesellschaftlich etwas zu stark betont wird. „Vieles ist auch einfach gesellschaftlicher Mainstream – wo scheint die Taschenlampe hin? Was wird von uns erwartet?“

Fakt sei, die Gesellschaft habe sich verändert – vor allem in Bezug auf Familien, so der 46-Jährige. Die neue Generation an männlichen Führungskräften nimmt Elternzeit, aber warum? „Leichter Druck schafft bereits Veränderungen“, sagt Loxen.

„Die Männer von heute haben Rechte und dadurch auch Wünsche und Emotionen, die sie vorher nicht kannten. Das gesellschaftliche Korsett ließ bisher wenige Emotionen zu.“

Der Weg gehe hin zu einer Wissensgesellschaft, die emotional und offener ist. Im Grunde sei es dabei auch egal, ob die Veränderung von außen oder innen kommt.

„So oder so entsteht eine größere Bindung zu den eigenen Kindern – starke Emotionen sind dann automatisch vorhanden, und das ist gut“, so der Geschäftsführer. „Der Effekt ist da und dass Männer heute darüber reden, liegt daran, dass sie überhaupt Gefühle haben.“

Dabei hatten es Männer bisher leichter als Frauen. Sie wurden auf der Karriereleiter nicht nach Kindern gefragt, irgendjemand würde ihnen schon den Rücken freihalten, lautete die unausgesprochene Erwartung. Die Kehrseite: Wenn die Unternehmer eines Tages doch Kinder hatten, gab es wenig Verständnis, wenn sie wegen der Erkältung ihres Nachwuchses eher aus dem Meeting huschten.

Männer müssen sich selbst ein bisschen Flexibilität oft erst erkämpfen.

Angesagtes Thema

Auch an solchen Baustellen arbeitet die Väter gGmbH aus Hamburg, eine Organisation, die sich als erste Unternehmensberatung offiziell mit der Familienfreundlichkeit aus Vätersicht beschäftigt. Derzeit arbeitet sie an einer Studie zum Thema ,Väter in niedersächsischen Unternehmen‘ im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und
Integration.

In dieser Untersuchung wurden drei Unternehmen – u.a. die Göttinger Firma Mahr – sowie eine Kommune in Bezug auf ihre väterbewussten Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie befragt.

Die leitende These der Studie geht davon aus, dass die prinzipielle Unvereinbarkeit von fürsorgebezogenen und beruflichen Anforderungen sich aufgrund des Wandels von Geschlechterverhältnissen zukünftig immer weniger durch traditionelle Muster der geschlechtlichen Arbeitsteilung entschärfen lassen wird.

„Daraus folgt, dass Väter verstärkt in den Fokus betrieblicher Vereinbarkeitspolitik rücken“, erklärt Volker Baisch, Vater von zwei Töchtern, Geschäftsführer der Väter gGmbH und Mitherausgeber der Studie.

Die befragten Organisationen wurden aufgrund ihrer Erfahrung und Praxis mit der Implementierung väterbewusster Maßnahmen als Untersuchungsobjekte ausgewählt.

„Die aufschlussreichen Ergebnisse werden noch im Herbst dieses Jahres veröffentlicht und eventuell sogar als Broschüre oder Buch gedruckt“, verrät Baisch.

Positive Auswirkungen

Aus anderen Studien weiß man bereits, dass sich durch gezielte Maßnahmen in sehr engagierten, familienfreundlichen Unternehmen
Mitarbeiter seltener krank melden und nach der Elternzeit schneller wieder integriert werden. Und in Unternehmen mit einem umfassenden Angebot familienbewusster Maßnahmen ist die Wertschöpfung pro Mitarbeiter höher.

„Die Doppelbelastung als Führungsperson und Vater ist zwar hoch – man hat doppelte Verantwortung und auch extreme zeitliche Verpflichtungen,“ erläutert Jens Rumsfeld, „aber das ist alles eine Frage der Organisation, und das bringt viele Vorteile mit sich.“

Als Familienvater habe man eine andere Arbeitsweise und versuche effektiver zu arbeiten, um beide Dinge unter einen Hut zu bringen. Außerdem erlerne man durch die aktive Erziehung in der Vaterrolle auch Fähigkeiten, die sehr hilfreich bei der Ausübung einer Führungsposition seien.

„Wenn Führung und Familie ernst genommen werden, bekommen Führungskräfte ein anderes Verantwortungsbewusstsein“, bekräftigt auch der 54-jährige Diplom-Psychologe Bernd Fritz-Kolle die positiven Wirkungen der Doppelbelastung. „Der persönliche Erfahrungsrahmen ist ein anderer. Führungskräfte, die beides unter einen Hut bekommen müssen, sind nicht so egozentriert und haben ein breiteres Blickfeld. Dadurch wird der Job auch relativiert, und sie sind krisenresistenter.“

Will heißen: Männer, die mal eine Familie mit Kindern gemanagt haben, können effektiver mit Zeit umgehen, sind belastbar und wissen als Koch, Chauffeur, Organisator, Spielkamerad und Putzkraft, was Multi-Tasking ist.

Es rechnet sich

Das klingt nach Vorteilen für alle. Familienfreundlichkeit rechnet sich – auch wenn es mal etwas kostet. Das untermauert auch Ulrich Büchner, Geschäftsführer der Göttinger Kommunikationsgesellschaft FLYnet.

Der 43-Jährige ist sein eigener Chef und war selbst nach der Geburt seines Sohnes – ebenso wie seine Frau, die halbtags in der Firma tätig ist – ganz schnell wieder bei der Arbeit. „Elternzeit kam für uns beide zwar nicht in Frage, aber dafür war unser Sohn von Anfang an mit in der Firma.“

Babysitten vor Ort war also quasi ein Muss. In Meetings habe er auf dem Schoß gesessen und ist mit dem Laufrad durch die Firma gedüst. „Das hat zwar Zeit und Geld gekostet, und mitunter den Betrieb aufgehalten, aber das gehört dazu“, sagt der Geschäftsführer und fügt fröhlich hinzu: „Und das kam bei Mitarbeitern und Kunden immer gut an.“

Auch Nico Lumma nimmt seine Kleinen ab und zu mit ins Büro. Er möchte Zeit mit seinen Kindern verbringen, ihnen zeigen, was der Papa so macht und auch den Mitarbeitern etwas vermitteln: „Als Chef ist die persönliche Lebenssituation und Einstellung enorm wichtig für das gesamte Unternehmen.“

Werte leben

Es sind eben diese Erfahrungen und eigenen Werte, die eine große Rolle bei der Wertschätzung von Geschäftsführern spielen und die Unternehmenskultur beeinflussen, denn Mitarbeiter bauen heute stärker als früher auf das Vertrauen zu den Führungskräften, erklärt Volker Baisch von der Väter gGmbH.

„Die Vereinbarkeit von Job und Familie muss wirklich aus dem Inneren kommen und im Unternehmen gelebt werden.“

Familienunternehmer Nils Hasenbeck weiß um die Tatsache, dass sich Mitarbeiter an Führungspersonen orientieren. „Ich zeige mich im Unternehmen stets engagiert, aber das Wochenende gehört der Familie, auch um Kraft zu tanken.“

Seine Mitarbeiter bei der Work-Life-Balance zu unterstützen, zählt er zu seinen zentralen Aufgaben und ist aus diesem Grund auf Kosten des Unternehmens u.a. an einem Kindergartenprojekt in Northeim beteiligt.

Mit diesem Engagement ist er nicht allein. Auch Ulrich Büchner, der mit seinem Unternehmen bereits drei Mal beim Wettbewerb ,Familienfreundlicher Betrieb‘ teilgenommen hat, bezahlt seinen Mitarbeitern als ,add on‘ die Kinderkrippe. „Mitarbeiter müssen gut versorgt sein. Es nützt mir nichts, wenn einer in seinem Büro sitzt und den Kopf voller anderer Sachen hat, um die er sich sorgen muss. Wenn es familiäre Dinge zu erledigen gibt, haben diese Vorrang. Da müssen Unternehmen flexibel sein“, erklärt Büchner.

Familie weit gefasst

Heutzutage sei im Übrigen eine weit gefasste Definition von Familienpflichten notwendig und zeitgemäß: Diese darf sich nicht nur auf die Betreuung von Kindern beziehen, sondern umfasst auch die Betreuung und die Sorge für ältere oder pflegebedürftige Angehörige.

Denn angesichts des wachsenden Anteils älterer Menschen und einer steigenden Lebenserwartung werden immer mehr Menschen der mittleren Generation mit Betreuungsaufgaben für ältere Angehörige konfrontiert sein.

Fazit

Etliche Unternehmen akzeptieren inzwischen gern, dass ihre Manager-Männer ein vielfältiges Leben führen, darunter nicht nur
namhafte Firmen wie Sartorius, wie es das Beispiel von Jens Rumsfeld zeigt.

Doch gibt es auch noch immer rückständige Arbeitgeber und Führungspersönlichkeiten, wie der in der damaligen DDR groß gewordene Ulrich Büchner anmerkt: „Etliche Unternehmen behaupten: Wir arbeiten für die Zukunft, für die nächste Generation. Das geht aber nur, wenn man die Familie mit einbezieht.“

Und damit meint der stolze Vater nicht nur die direkten Nachkommen. „Man sollte den Begriff Familie dabei weiter fassen und nicht nebeneinander her leben. Diese Werte sollte man achten und pflegen und das – vor allem als Führungsperson – auch vorleben.“

Sie haben es schon nicht leicht, die Männer in der Führung in der heutigen Gesellschaft. Sie spielen in den Veränderungs- und Modernisierungsprozessen der Wirtschaft eine zentrale Rolle: Sie prägen die Unternehmen, treffen die Entscheidungen, sind Vorbilder.

Zum einen gilt es, Mitarbeiter mit sich immer stärker unterscheidenden Lebenssituationen und Arbeitszeitmodellen zu führen. Zum anderen sind die Anforderungen an Führungskräfte im eigenen Berufs- und Privatleben erheblich gestiegen. Die Herausforderung zu managen, unter diesen schwierigen Bedingungen die eigene Balance und die eigene Rolle zu finden – da kann Mann an seiner Seite schon mal eine starke Familie gebrauchen.