Unterschätzte Gefahr

© privat
Text von: Claudia Klaft

Der evangelische Theologe Reiner Anselm über problematische Folgen von Werten

Wie erklären Sie sich das steigende Interesse an Werten in Unternehmen und Führung?

Schon historisch erfolgt die Übertragung des Wertbegriffs von der Ökonomie in die Ethik, seine Profi lierung also als ein Orientierung stiftendes Paradigma, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der durch große Veränderungen überkommene Ordnungsmodelle ihre Kraft verloren haben. Dieses Szenario wiederholt sich nach den Zusammenbrüchen und Orientierungskrisen des 20. Jahrhunderts.

Im Augenblick stehen wir wieder an seiner solchen Schwelle, an der sich zeigt, dass traditionelle, politikgesteuerte Zielsetzungen nicht mehr die Ordnungskraft entfalten können wie in einer noch nicht globalisierten Welt, dass gleichwohl aber die Hoffnung auf eine Selbstregulierung der Märkte sich als sehr trügerisch erwiesen hat. Vor diesem Hintergrund ist das Interesse an Werten zu sehen – und zwar an Werten, die zugleich Maßstäbe setzen und Motivationskraft entfalten, sich nach ihnen zu verhalten. Das Interesse an Führung ist in demselben Zusammenhang zu sehen: Führung soll orientieren und motivieren, sie soll aber nicht gängeln und einschränken.

Welchen Nutzen haben Werte für das Unternehmen selbst und für die Gesellschaft allgemein?

Wie gesagt, Werte können Orientierung stiften und die Attraktionskraft entfalten, die entsprechenden Handlungen auch zu tun. Beide Funktionen sind für die Gesellschaft wie für Unternehmungen gleichermaßen bedeutsam.

Interessant ist an Werten, dass sie ein Verhalten eben nicht durch Zwang, sondern durch innere Zustimmung steuern. Dies ist insbesondere in modernen Gesellschaften von Bedeutung, da komplexe Lebensvollzüge durch gesetzliche Vorschriften zu steuern, ein aussichtsloses oder aber ein totalitäres Unterfangen ist.

Die Gefahr, die von den Werten ausgeht, sollte aber auch nicht unterschätzt werden: Über Werte lässt sich nicht argumentativ streiten, und gleichzeitig lassen sich Werteinstellungen durchaus manipulieren. In dieser Kombination können Werte auch durchaus problematische Folgen entfalten.

Wo sehen Sie die Grenzen von Unternehmenswerten?

Gerade weil Werte einen bindenden und motivierenden Charakter haben, muss man sich bei dem Verfolgen von Unternehmenswerten auch immer die Frage stellen, wie weit diese die einzelnen Mitarbeiter binden sollen und dürfen: Von ihnen ist sicher ein gewisses Maß an Identifikation mit einer Unternehmung und ihren Zielen gefordert, aber dies darf nicht dazu führen, die Freiheit im Denken der Einzelnen einzuschränken. Gerade dies ist auch ein Problem dort, wo etwa von schulischer Werteerziehung etc. die Rede ist.

Im Gegensatz zu religiösen Werten finden Unternehmenswerte immer stärkere Beachtung. Wie erklären Sie sich das?

Ich bin mir nicht sicher, ob die These richtig ist. Natürlich gibt es eine Distanzierung vom kirchlichen Christentum. Aber man muss konstatieren, dass die Frage nach dem, was eigentlich unsere Kultur ausmacht und was die verbindenden Vorstellungen einer Gesellschaft sind, immer wieder auf die Religion, gerade auch auf das Christentum zurückführt.

Eine gewisse Schwierigkeit für das Christentum ist dabei die Erfolghaftigkeit seiner Werte: Unsere Gesellschaft basiert in weiten Kreisen auf den Werten der Hochschätzung des Einzelnen, aber auch der Solidarität, der Verlässlichkeit oder des Vertrauens. Nur werden die oft nicht mehr mit ihren Wurzeln und prägenden Instanzen in Verbindung gebracht.

Als christlicher Theologe weiß man nicht so recht, ob man sich darüber freuen oder ob man in das Lamento wachsender Säkularisierung einstimmen soll. Ich tendiere zu Ersterem, aber man muss dennoch darauf hinweisen, dass es fraglich ist, ob solche vermeintlich selbstverständlichen Werte dauerhaft ohne ihre christlichen Wurzeln Bestand haben können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Reiner Anselm, 41, ist Inhaber des Lehrstuhls für Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen.