Unter die Haut

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Das Hehlener Unternehmen Heller-Leder setzt sich als Pionier seiner Branche für die Weiterentwicklung von Umweltstandards in der Lederindustrie ein.

Wasser spielte für das kleine, knapp 2.000 Einwohner zählende Weserrenaissance- Örtchen Hehlen im Landkreis Holzminden schon immer eine zentrale Rolle. So entstand im Auftrag von Ilse von Saldern Ende des 16. Jahrhunderts das herrliche Wasserschloss. Was damals als Zeichen des Reichtums weithin sichtbar errichtet wurde, ist noch heute ein touristisches Highlight der Region. Doch auch die Fabrikanten erkannten die Vorteile einer Ansiedlung am Fluss – insbesondere die Gewerke der Müller und Gerber waren auf eine sichere Wasserversorgung angewiesen.

Dies gilt bis in die Gegenwart, wenngleich der bewusste Umgang mit dem Wasser und der Umwelt sich im Laufe der Zeit und insbesondere in den letzten Jahrzehnten erheblich geändert hat. Ein vorbildliches Beispiel in dieser Hinsicht ist das Familienunternehmen ,Heller- Leder‘ in Hehlen. Die letzte vollstufige Gerberei Norddeutschlands mit rund 200 Mitarbeitern und 38 Millionen Euro Jahresumsatz gehört heute zu den großen Arbeitgebern des Landkreises. Hier werden in der Produktion bei typisch säuerlichen Gerbereigerüchen täglich etwa 1.200 europäische Rinderhäute verarbeitet. Für weltweit produzierende Unternehmen aus der Automobil- und Lederwarenindustrie – 60 Prozent der Produktion werden Möbelleder – stellt Heller-Leder hochwertige Ware her. Seit der Gründung im Jahr 1920 hat sich die Herstellung kaum verändert.

Handwerk mit Tradition

Die Kunst des Gerbens gehört zu den ältesten Handwerksberufen der Menschheit. Im Zuge der Industrialisierung sind aus Handwerksbetrieben weltweit agierende Unternehmen entstanden. Bei Heller-Leder sind heute täglich rund 200 Mitarbeiter im Einsatz, denn Leder zu gerben ist ein aufwändiger Prozess: Bis zu 40 Verarbeitungsstufen kann eine Haut durchlaufen, bis aus dem biologischen Rohstoff Leder wird. Und das alles am selben Produktionsstandort. Damit gehört das Unternehmen an der Weser zu einer der wenigen in Deutschland verbliebenen Vollgerbereien.

Die Branche allerdings wandelte sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm: Nur noch wenige Produzenten teilen sich den westlichen Markt und kämpfen gegen die Billigkonkurrenz – nicht nur aus Asien. „Die Lederprodukte aus diesen Ländern werden oft unter erschreckenden Umständen für Tiere und Menschen gefertigt“, sagt Thomas Strebost, geschäftsführender Gesellschafter von Heller-Leder. Er führt das Unternehmen heute in vierter Generation und verurteilt die katastrophalen Rahmenbedingungen der dortigen Fabriken.

„Häufig enthalten die Produkte krebserregende, allergieauslösende und erbgutverändernde Gifte.“ Strebost ärgert sich über den schlechten Ruf seiner Branche, den ihr diese Missstände eingebracht haben. Denn sein Unternehmen investiert bereits seit Jahrzehnten in Arbeitsschutzmaßnahmen, fortschrittliche und ressourcenschonende Technologien und setzt die für die Gerberei notwendigen Chemikalien verantwortungsbewusst und sparsam ein. Undenkbar für die Mehrzahl der Billigkonkurrenten, die ihre Abwässer meist ungeklärt in die Flüsse leiten, ist zum Beispiel die Installation einer eigenen Kläranlage, wie sie Heller-Leder bereits 1983 in Betrieb nahm. „Wir benötigen für die Produktion etwa 1.000 Kubikmeter Quellwasser täglich. Das Wasser, das wir nach dem Durchlauf durch unsere vollbiologische Kläranlage in die Weser ableiten, verfügt nahezu über Trinkwasserqualität“, erklärt Strebost. Umweltschutz und Nachhaltigkeit spielen, nicht nur was das Wasser angeht, in der Unternehmensphilosophie eine wichtige Rolle.

Neben der hochmodernen Kläranlage verfügt Heller-Leder seit 2005 auch noch über Beteiligungen an zwei Biogasanlagen. Das Unternehmen bezieht etwa 30 Prozent seiner Energie über die Kraft-Wärme-Kopplung mit diesen Anlagen und spart so jährlich ca. 1.000 Tonnen Kohlendioxid ein. Doch konfliktfrei ist diese Thematik nicht: Denn eigentlich könnte die Energie in den Anlagen aus dem in der Produktion anfallenden Leimleder, das 30 Prozent ergiebiger als Mais ist, gewonnen werden, aber gesetzliche Vorschriften untersagen diese Nutzung. „Alle Politiker geben uns recht, doch die Gesetze werden nicht geändert“, sagt Strebost und ärgert sich nicht nur darüber. Auch im Bereich der Haarentsorgung verfügte man über eine gute Lösung.

Ein Landwirt holte die filtrierte Masse beim Lederproduzenten ab und brachte sie zur Düngung aus. Beiden Parteien entstanden keine Kosten. „Diese WinwinSituation wurde durch eine Gesetzgebung gestoppt, die die Fakten ignorierte“, sagt Strebost. Nun müssen Heller-Leder und der Landwirt dem per Gesetz zwischengeschalteten Kompostierer Gebühren entrichten. Strebost sieht sich in seinen Nachhaltigkeitsbemühungen dadurch stark beeinträchtigt und fordert mehr Beweglichkeit beim Gesetzgeber. Bremsen lässt sich der nachhaltigkeitsorientierte Geschäftsführer durch solche bürokratischen Ärgernisse jedoch nicht. Ressourcenschonende Produktion gehört ebenfalls zu seiner Philosophie.

Einkauf, Transport, Verarbeitung, Ressourcenplanung, Lagerung und Versand – die gesamte Kette im Fertigungsprozess steht unter ständiger Überwachung. Der sogenannte ,carbon footprint‘ – also der CO2Fußabdruck –, den die Produktion in der Umwelt hinterlässt, wird stets weiter verringert. Dass es sich dabei nicht nur um Lippenbekenntnisse handelt, belegt die Erfolgsgeschichte der letzten Jahre.

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