Überleben in Eschershausen

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Vogelbein

Seit Jahrzehnten werden in der Provinz im Weserbergland militärische Schlauchboote und spezialisierte Rettungsinseln produziert. Heute ist die DSB Deutsche Schlauchboot GmbH Teil eines internationalen Mega-Konzerns – gefertigt wird aber immer noch von Hand.

Von Eschershausen aus ist die nächste Autobahn eine gute Dreiviertelstunde entfernt. „Wir fahren erstmal 60 Kilometer, um überhaupt irgendwohin zu kommen“, erzählt Jutta Ilic. Dabei rollt sie das ,R‘ ganz sanft, zur Begrüßung gab es ein kräftiges „Grüß Gott“. Zusammen mit zwei Kollegen bildet sie hier vor Ort seit sieben Jahren ein GeschäftsleiterTeam der DSB Deutsche Schlauchboot GmbH. „Eigentlich“, sagt sie heute rückblickend, „sollten wir nur für ein paar Monate bleiben.“ Doch sie sind noch immer da: Jutta Ilic, Markus Bolay und Franco Schilling. Und ihre Laune ist gut. „Wir haben gute Zahlen“, sagt die Herrin derselbigen, Jutta Ilic. Bolay übernimmt den Part der Vertriebswege, Schilling überwacht die Produktion. Das Trio hat auf der Zusammenarbeit bestanden. „Wir sind ein Team, immer schon gewesen“, erklärt Ilic. Dass drei Augsburger im tiefsten Weserbergland ein Weltunternehmen für hoch technisierte Schlauchboote und Sicherheitsausrüstung leiten, passt sehr gut ins Bild eines Betriebs, der schon lange nicht mehr unter eigenem Segel fährt. Denn ursprünglich hat Hans Scheibert – in der Firmenaula hängt auch heute noch ein Porträt von ihm – das Unternehmen 1931 in Berlin gegründet. Erst nach den Irrungen und Wirrungen des Krieges ging es ins knapp 3.500 Einwohner zählende Eschershausen. Nachdem sich Continental mehrmals in das Unternehmen eingekauft hat, gehört die DSB heute vollständig einem internationalen Investor und ist Teil der Survitec Group. Diese übernahm unter anderem im Jahr 2008 die Augsburger Ballonfabrik und machte es sich zum Ziel, auch im Weserbergland neue Strukturen einzuführen. Und so kam das ,SanierungsTrio‘ um Ilic, Bolay und Schilling ins Spiel. Im Gepäck: keine leichte Aufgabe für ein Traditionsunternehmen mit Mitarbeitern, die in 40 Jahren schon so einiges gesehen und miterlebt haben.

Seit 36 Jahren beispielsweise ist Sylvia Ahrens Teil der DSB. Den leichten Geruch von Gummi und Klebstoff, den Krach der Sägen und Fräsmaschinen, die Wärme im Sommer – all das nimmt sie kaum noch wahr, und doch weiß sie um die Bedeutung dieser Dinge. Als Teamleiterin der Spezialaufträge kennt sie jeden Handgriff, jeden Trick. Es wird genäht, geklebt, geschichtet und gepresst – die DSB setzt auf Qualität. Auftraggeber: Kunden, denen die einfache Sicherheitsnorm nicht reicht. Retter. Denn bei fast allen Produkten geht es um die Sicherheit von Menschen.

Die große Unternehmensfamilie und der Versuch, vor zehn Jahren die Produktion nach China auszulagern, sieht man der Betriebsstätte in Eschershausen nicht an. Dort ist die Zeit stehen geblieben. Sogar die Fertigung ist klassisch: Am Anfang steht eine Idee, am Ende ein Produkt im Lager. Im Falle der DSB sind es drei: Schlauchboote für Militär und Rettungskräfte, Rettungsinseln für große und kleine Kreuzfahrtschiffe – und Spezialaufträge. Streng geheim? „Nein“, sagt Ilic schmunzelnd, „nicht alles“, und führt durch die kleinen Produktionshallen, gefüllt mit Einzelanfertigungen und Spezialgeräten. Wildwasserbahn in Soltau? Rutschen im Vergnügungspark? Hebekissen für Flugzeugbauer? All das und vieles mehr entsteht in dieses Hallen. „Und wenn Sie jetzt in den Heidepark fahren oder auf einem Schiff unterwegs sind, werden Sie immer an uns denken“, sagt Ilic und lacht.

Ralf Schober überwacht die Produktion der Schlauchboote. Kein Anglerbedarf für Freizeitsportler, sondern hoch sichere Rettungsund Bergungsfahrzeuge. Auf dem Hof werden gerade zwei Torpedoboote repariert, weiter hinten versteckt steht ein Beispiel für das, was die Planer in Eschershausen leisten können: ein Kampfboot mit 300 PS, sechs Sitzen und Sicherheitsausrüstung. Kosten: mehr als 200.000 Euro. Was in diesen Hallen produziert wird, ist exklusiv. Es sind Boote mit Holzboden, Aluminiumschale, Extrabeschichtung oder Sicherheitsrahmen. Fast jeder Teil der Bestellung lässt sich individualisieren. „Wir arbeiten gerade an einem Baukastensystem, um es dem Kunden und uns zu erleichtern“, erklärt Schober. Maßanfertigungen vom Fließband sozusagen. Nur Fließbänder gibt es hier kein einziges. Automatisch ist nur die Lüftung, die die Arbeiter vor den Gasen der Lösemittel und Feinstäuben schützt. „Vom Stoff bis zum Boot fertigen wir alles vor Ort. Jeder Schritt liegt in unserer Hand“, sagt Schober. Ein Ausbildungsberuf ist das nicht, was er und seine Kollegen dort machen. Viele sind Quereinsteiger, Schober selbst war einst KFZMechaniker. Was der Kunde am Ende nicht selbst abholt, wird in vergleichsweise kleinen Kartons verschickt. Denn ein Schlauchboot besteht immer noch vor allem aus Luft. Und genau deshalb sind die Produkte der DSB – nicht nur die Boote – so beliebt: Was aufblasbar ist, braucht wenig Platz. Und kann dank hochwertiger Materialien und Verarbeitung eine Menge aushalten. Produziert und gelagert wird in ein und derselben Halle. Die Qualitätsstandards sind hoch – die Prüfung dauert mehrere Tage. Ist das Militär Kunde, kommen Gutachter von außen und schauen ganz genau nach Dichte und Festigkeit. „Am Ende des Tages hängt an jeder Naht ein Menschenleben“, erklärt Ilic. Dass die Arbeit und das, was ihre Produkte leisten können, so wichtig sind, erfüllt die Geschäftsleitung mit Stolz. Mehr als 100 Menschen stehen bei der DSB in Eschershausen in Lohn und Brot. Etwa die Hälfte steht in der Produktion am Tisch. 100 Menschen, 100 Familien.

Eine Halle weiter passiert Besonderes. Sie ist deutlich größer, höher und ein Stück weit moderner als die alten Bootshallen. Hier werden Rettungsinseln und Sprungkissen produziert. Dinge, die die meisten Menschen – wenn überhaupt – nur aus dem Fernsehen kennen. Und das ist vielleicht auch gut so, denn wenn sie zum Einsatz kommen, ist irgendwas mächtig schiefgelaufen. „Auf so ein Kissen springen sie aus 40 Metern Höhe auch nur, wenn es hinter ihnen richtig, richtig heiß ist“, sagt Ilic. Es geht weiter durch die Näherei – mit zwei aufwendigen Schnittmaschinen und alten, aber noch verwendeten Holzmustern an der Wand. Im Anschluss finden sich Räume, in denen Rettungskapseln und -anzüge für UBoote gebaut und gewartet werden. Überlebensanzüge mit eigener Sauerstoffversorgung, hoch technisiert, hoch aufwendig, streng geheim. Fotografieren verboten. Zugucken erlaubt. Auftraggeber: natürlich die Bundeswehr.

„Einer unserer wichtigsten Kunden“, sagt Ilic. Die DSB stellt einer internationalen Klientel Rettungsund Sicherheitsausrüstungen für Notfälle jeglicher Art zur Verfügung. Alle kämpfen gemeinsam fürs Überleben, ums Überleben. Bei den Gedanken, die beim Betrachten dieser Wunderwerke in Aktion entstehen, ist schnell vergessen, dass wir immer noch in Eschershausen sind. Auch Ilic und ihre beiden CoGeschäftsleiter brauchen – trotz der vielen Jahre – noch immer etwas Zeit zum Ankommen. Am Wochenende pendeln sie gemeinsam zurück nach Augsburg – Familie und Alltag. Sie wissen jedoch um die Bedeutung des Unternehmens für die kleine Stadt.

Denn die Survitec Group ist riesig. 14 Standorte auf der ganzen Welt, Kunden sind Air Force oder die Royal Caribbean Cruises, einer der größten KreuzfahrtschiffAnbieter der Welt. Sowohl Survitec als auch die DSB sind Teil eines großen Investorenverbunds. Vorteil: Zugriff auf ein gigantisches Vertriebsnetzwerk rund um die Welt. Nachteil: Konkurrenz in den eigenen Reihen. Auch deshalb weht seit der Übernahme ein neuer Wind in den Hallen. Ein Luftzug, auf den sich noch nicht alle eingestellt haben. „Viele der alten Hasen müssen sich noch daran gewöhnen, dass wir jetzt effizienter sein müssen, um zu überleben. Die lassen sich nicht alles gefallen, es hat ja immer irgendwie funktioniert“, erzählt Teamleiterin Sylvia Ahrens. Es sei der schmale Grat zwischen einem Unternehmen mit Familienatmosphäre und dem Tanz auf internationalem Finanzparkett.

Der Begriff ,Standortsicherung‘ fällt häufig. „Und diese gelingt nur“, betont Ilic, „solange die Zahlen stimmen. Dann haben wir die besten Argumente.“ Und sie werden in Ruhe gelassen. Doch das Stichwort ,Standortsicherung‘ macht klar: Es wird nicht investiert, sondern erhalten. Die DSB ist eine CashCow. Das angrenzende Verwaltungsgebäude ist weiß und hoch, die Räume sind groß und modern ausgestattet. Rettungskapseln wurden zu Blumenständern umgewandelt, ein kleines Gummiboot dient als Sofa. In der Ecke steht eine Vitrine mit Pokalen und Urkunden: Schützenfest, Firmenfußball. „Das ist von früher“, erzählt Ilic. An den Wänden: Bilder von der Zusammenarbeit mit Continental, Autoreifen, Flugzeuge.

Auch wenn es so riecht und so aussieht: Mit einfachem Gummi hat das hier nichts zu tun. ,Hoch technologische Verbundstoffe‘ steht auf dem Bild, das ein Beamer an die Wand wirft. Vieles davon selbst entwickelt, nur wenig dazu gekauft. Einiges sogar selbst erdacht – zum Beispiel ein riesiger, aufblasbarer Eisberg. „Da haben wir mit Greenpeace zusammengearbeitet“, erzählt Ilic. Militär, Weltfrieden und Umweltschutz. Geht das zusammen? Politisch will die Geschäftsführerin keine Position beziehen. Dass sich das Unternehmen an solchen Aktionen beteiligt, hält sie aber für „eine gute Sache“. Überhaupt sei es schwierig zu kontrollieren, wofür ihre Produkte am Ende genutzt werden. Aber: Umfassende interne und externe Kontrollmechanismen stellen sicher, dass jegliche Lieferung nur in vertrauenswürdige Hände gelangt. Und am häufigsten sehe man das blauweiße Logo der Firma aus dem Weserbergland ohnehin auf Kreuzfahrtschiffen oder Rettungsbooten. Und das, da ist sich das leitende Trio einig, sei ein richtig gutes Gefühl.

Zum Unternehmen

Die Firma wird 1931 ursprünglich als Deutsche Schlauchboot Berlin (DSB) von Hans Scheibert gegründet und ist vor allem im Rüstungsbereich unterwegs. Nach dem Krieg folgt der Umzug nach Eschershausen. Nachdem sich Continental mehrmals in das Unternehmen eingekauft hat, gehört die DSB Deutsche Schlauchboot GmbH heute vollständig einem internationalen Investor und ist Teil der Survitec Group. 2008 folgt die Übernahme der Ballonfabrik Augsburg.  

Kontakt

DSB Deutsche Schlauchboot GmbH
Angerweg 5
37632 Eschershausen
Tel. 05534 3010