Über den Tellerrand

Illustration: Iris Steiner
Text von:

Interview: Marco Böhme

faktor spricht mit Rechtsanwalt und Partner Hasso Werk von der Kanzlei SBZW in Göttingen über die Zukunft der Anwaltschaft und den richtigen Umgang vor Gericht.

Die Kanzlei Dr. Bodenburg, Zilian und Werk ist eine Sozietät von insgesamt acht Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten mit Sitz in Göttingen. SBZW entstand im Jahre 1992 durch Gründung der Rechtsanwälte und Notare Albrecht Sobirey und Dr. Reinhard Bodenburg. Beide waren zuvor Sozien der auf das Gründungsjahr 1889 zurückgehenden Anwaltskanzlei Beyer in Göttingen.

Herr Werk, die Berufsjahre der bei Ihnen in der Kanzlei tätigen Anwälte ergibt zusammengerechnet über 150 Jahre. Sie verfügen also über viel Erfahrung – wie sehen Sie die Entwicklung der Anwaltschaft in den kommenden Jahren?

Die Zukunft der Anwaltschaft ist, wenn man einmal perspektivisch bis zum Jahr 2030 blickt, sicherlich dadurch geprägt, dass zusätzlicher Wettbewerbsdruck entsteht. Durch Konkurrenzbedingungen wird die gezielte Platzierung und Sichtbarkeit der eigenen Kanzlei nach außen gewiss immer wichtiger. Derzeit entwickelt sich der Markt so, dass sich hoch spezialisierte ‚Boutiquen‘ gleichsam als ‚Jus Shop‘ anpreisen, um die Probleme von Mandanten zu lösen. Unser Ansatz bei SBZW bleibt, dass wir als Generalisten – wo nötig, gemeinsam mit Spezialisten – mit einem sehr persönlichen Zugang zu den Mandanten arbeiten wollen. Unsere Erfahrung ist, dass von den Fällen, die uns auf den Tisch kommen, der rein juristische Inhalt in der Regel schätzungsweise nur ein Drittel ausmacht und ansonsten die jahrzehntelange Berufs- und Lebenserfahrung den Mandanten bei der Problemlösung hilft.

Was raten Sie Ihren Mandanten, wenn die Problemlösung schwerfällt?

Wer einen Streit führen will, nur um zu streiten, der ist bei uns falsch. Wir wollen Probleme lösen und nicht Probleme schaffen, indem wir Zwist erst noch schüren. Da hilft es, in vielen Fachgebieten über den Tellerrand hinaus schauen zu können. Unsere Einschätzung ist, dass eine hohe Spezialisierung einer Kanzlei als Qualitätsmerkmal und als Ausdruck von Kompetenz sicherlich eine Rolle spielt, aber für eine Problemlösung nicht immer das einzige Kriterium einer erfolgreichen Zusammenarbeit darstellt. So beginnen zum Beispiel viele familienrechtliche Streitigkeiten zunächst mit dem Thema Trennung und Scheidung und enden mit der Übertragung von Immobilien und einer komplexen Regelung gesellschaftsrechtlicher Fragestellungen. Die Einzigartigkeit von Fall- und Mandatskonstellationen lässt also für Mandanten kaum Rückschlüsse auf die zu erwartende Qualität für die eigene Beratung zu, und es existieren zur Orientierung am Markt keine unabhängigen Produkttests oder Anbietervergleiche wie zum Beispiel von Stiftung Warentest. Die Bewertung der Qualität anwaltlicher Leistung unterliegt stets einer subjektiven Betrachtung, und unsere Erfahrung ist, dass die Mandantenbindung dauerhaft die beste Werbung ist und dies den Wettbewerb bestimmt. Genau das wird sich bis 2030 nicht geändert haben. Der Beruf des Anwalts bleibt also auch 2030 eine Herausforderung für jeden Einzelnen, dem Vertrauen des Mandanten zu dienen und gerecht zu werden, ohne sich in Rechthaberei zu verlaufen.

Wie sehen Sie den Umgang mit Richtern und Gerichten heute und zukünftig?

Auch hierzu ist festzustellen, dass die persönliche Komponente stets eine erhebliche Rolle spielt. Konfrontativ Prozesse zu führen und das auch gegen Gericht und Richter, schadet nicht selten dem Mandanten. Wir stellen fest, dass insbesondere Mediationsverfahren, die gerade beim Landgericht in Göttingen mit sehr viel Erfahrung und Umsicht betrieben werden, ein gutes und erfolgreiches Instrument der Streitbeilegung sind. Man muss sich nur vor Augen halten, wie lange Prozesse in streitigen Verfahren, bei denen leider häufig die Richter in den laufenden Verfahren wechseln, dauern können und welche Kosten im Rahmen der Beweisaufnahme bei Hinzuziehung von Sachverständigen entstehen können. Es ergibt also sehr viel Sinn, frühzeitig ausgleichend zu wirken und von Beginn an eine gütliche Einigung im Auge zu haben – natürlich ohne dabei die wohlverstandenen wirtschaftlichen Interessen des Mandanten zu vergessen.

Vielen Dank für das Gespräch!