©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Breits seit 150 Jahren entstehen bei Noelle + von Campe Produkte aus Quarzsand, Kalk und Soda – heute laufen hier in Boffzen täglich bis zu zwei Millionen Gläser für IKEA & Co. vom Band. Eins davon steht vielleicht auch bei Ihnen auf dem Frühstückstisch...

Ohrenbetäubender Lärm. Stehende Hitze wie an einem windstillen Hochsommertag. Eine riesige Maschine spuckt im Sekundentakt rot glühende Glastropfen aus. Sie fallen herab und verändern bei einer Temperatur von rund 1.000 Grad Celsius ihre Gestalt. Groß, klein, dick, dünn. Bis zu 300 Mal pro Minute entstehen hier, bei Noelle + von Campe in Boffzen an der Weser, die unterschiedlichsten Formen und treten, abgekühlt und auf große Paletten gestapelt, ihre Reise an. So verlassen jährlich über 140.000 Tonnen Glas das Werk aus dem Ort mit nicht einmal 3.000 Einwohnern und landen als Marmeladengefäß, Smoothie-Flasche oder als angesagtes Drahtbügel glas in den Haushalten in ganz Europa.

„Es ist für mich eine der interessantesten Branchen in der Industrie“, sagt Geschäftsführer Thomas Köhler. „Hier ist es laut, und am Ende des Tages sehen wir, was wir produziert haben – und wirklich jeder kann mit unseren Produkten etwas anfangen.“ Er sei sozusagen in der Glasindustrie groß geworden, erzählt der 43-Jährige, als er die Ohrstöpsel nach dem Rundgang durch die Produktion herausnimmt, sich der blauen Schutzbekleidung entledigt und die hitzebeständigen schweren Sicherheitsschuhe auszieht. Der gebürtige Thüringer ging zunächst einen klassischen Ausbildungsweg – Abitur, Bundeswehr, BWL-Studium – und sammelte erste Erfahrungen in den Glas werken in Bernsdorf und Holzminden.

Um die Jahrtausendwende jedoch, als Konzerne aus Frankreich begannen, sechs Glashütten in Deutschland zu übernehmen, änderte sich das Klima in der Branche, und Köhler suchte vorerst neue Wege. „Ich konnte mich mit der neuen Philosophie, die sich ausbreitete, nicht anfreunden“, sagt er heute. „Früher kannte jeder jeden.“ Es war ein alter Wirtschaftszweig, bestehend aus kleinen und mittleren Familienunternehmen, die im Guten miteinander im Wettbewerb standen.

Die erste Glashütte ist bereits im Jahr 550 n. Chr. nachgewiesen – der Solling zog vor über 500 Jahren die ersten Glasbläser an. Die Weser bot sowohl das wichtige Wasser für die Produktion als auch einen idealen Verkehrsweg mit dem Schiff. Aus dem Solling kam das Buchenholz für die Öfen, und den nötigen Rohstoff, den Quarzsand, fanden sie im Hils. Die ersten industriellen Glashütten entstanden 1744 in Grünenplan, 1866 in Boffzen und 1903 in Holzminden. Dabei umhüllt die Branche bei genauerer Betrachtung von Beginn an eine gewisse mystische Aura. Denn an der grundlegenden Herstellung hat sich seit Jahrtausenden nichts geändert. Die Rezepturen sind und bleiben gleich und stets geheim – auch bei Noelle + von Campe. „Nur so viel kann ich preisgegeben“, sagt der Geschäftsführer, „unsere Rohstoffe wie Quarzsand, Soda und Kalk kommen aus der näheren Umgebung in Niedersachsen und aus der Magdeburger Börde.“

Es ist wohl eben diese Aura, die Thomas Köhler bis heute fasziniert – auch wenn er zwischendurch für einige Zeit sein Glück auf der anderen Seite, der abfüllenden Industrie, suchte. Fünf Jahre war er bei Radeberger in Dresden. „Und dann kam ein krasser Wechsel: vom Bier zur Milch – zu Müllermilch“, erzählt er lachend. Die Begeisterung für die Produktionsprozesse einer Glashütte ließ ihn jedoch nie los, und so führte ihn sein Weg 2009 zurück zu seinen Wurzeln. Zunächst als kaufmännischer Leiter und späterer Geschäftsführer in einer Glashütte seines Heimatbundeslandes Thüringen angestellt, übernahm er 2016, mit gerade einmal 40 Jahren, die Leitung bei Noelle + von Campe. „Die Anzahl der Unternehmen ist eben überschaubar, und so steht man im Kontakt“, sagt Köhler, der genau dann nach Boffzen kam, als sich im Unternehmen bereits Veränderungen und Neuerungen anbahnten.

Veränderungen sind für Noelle + von Campe nichts Neues. Vor drei Jahren feierte das Unternehmen sein 150-jähriges Firmenjubiläum. 1866 schlossen sich ein Bauunternehmer, ein Handwerker und ein Fabrikant zusammen und gründeten eine Glasfabrik. Zu ihnen gehörte unter anderem der Besitzer der bekannten Porzellanmanufaktur aus dem nahe gelegenen Fürstenberg. „Angefangen haben die Gründerväter mit Trinkgläsern wie Bierseideln, Wein- und Likörgläsern“, erzählt Köhler, und dabei ist ihm deutlich anzusehen, dass man hier in Boffzen auf die lang zurückreichende Geschichte stolz ist. In einer umfangreichen Firmenchronik, die anlässlich des Jubiläums erschien, habe man die vielen großen Firmenereignisse und auch die kleinen Anekdoten am Rande liebevoll zusammengetragen. So wie beispielsweise die Erfolgsstory des ‚Blauen Heinrich‘ – einer ,Taschenflasche für Hustende‘ von 1899, die von dem Arzt Dr. Peter Dettweiler erfunden wurde und zu solcher Berühmtheit gelangte, dass diese blaue mundgeblasene Flasche in Thomas Manns bekanntestem Werk ‚Der Zauberberg‘ Erwähnung fand. Oder die Tatsache, dass es bei Noelle + von Campe bis in die 1950er-Jahre hinein Arbeiter gab, die noch das ursprüngliche Handwerk des Glasbläsers erlernt hatten. Zuletzt arbeiteten an zwölf Stühlen Mundbläser, die mühe voll einzelne Lampengläser für Elektroleuchten bliesen. Ein wahres Luxuprodukt.

Doch der Fortschritt und die Automatisierung schufen neue Absatzmärkte. Ab den 1970er-Jahren spiegelte die Produktpalette immer stärker den wachsenden Markt der Lebensmittelindustrie wider. In den 1980ern wurde das Aromaglas für Kaffee entwickelt. Vielen Menschen ist sicherlich noch die Aztekenvase von Eduscho und das Kaffeeglas von Tchibo mit der goldenen Bohne in Erinnerung. Fisch wurde im Glas angeboten, Honiggläser, Marmeladen- und Sauerkonservengläser wurden zunehmend zum Exportschlager. „Heute haben wir rund 400 ,lebende‘ Artikel in unserem Sortiment – das kleinste Glas ist ein 33-Milli liter-Portionsgläschen für Kaviar, das größte hat ein Volumen von fünf Litern“, erklärt Köhler und deutet im Besprechungsraum des Unternehmens auf prall gefüllte Vitrinen, die eine Auswahl an bekannten Produkten zeigen. Der Glasmarkt hatte sich extrem gewandelt, erzählt er weiter. „Heute ist Design ein wichtiger Markenbotschafter, und so kann man dank unserer Entwicklungsabteilung einige der Gläser problemlos auch ohne Etikett der dazugehörigen Marke zuordnen.“

Noelle + von Campe hat sich auf kleine bis mittelgroße Losgrößen mit bis zu 10 Millionen Einheiten pro Jahr spezialisiert. Für die Produktion bedeutet das, dass pro Tag vier bis fünf Maschinen von Hand umgebaut werden müssen. Im Vergleich dazu: In Glashütten, die beispielsweise Bierflaschen für große Brauereien produzieren, läuft wochen- und sogar monatelang ein und dieselbe Produktionslinie. Reine Massenproduktion. Das gibt es hier in Boffzen nicht. Und gab es auch noch nie. Stattdessen wächst man hier mitunter gemeinsam mit dem Kunden. So wie zum Beispiel bei einem namhaften Bio-Aufstrich-Hersteller, der mit ein paar Paletten anfing und sich mittlerweile immer mehr Marktanteile sichert – damit steigt der Bedarf an individuellen Gläsern Jahr für Jahr und der Umsatz bei Noelle + von Campe.

Für Menschen wie Thomas Köhler gibt es viel zu tun. Denn auch vor diesem oft noch sehr archaisch wirkenden Industriezweig machen technische Neuerungen nicht Halt, sodass es wichtig ist, junge und kreative Köpfe ins Unternehmen zu holen. Die Branche erneuert sich, von innen wie von außen. Spätestens seit in den letzten Jahren Plastikmüll in den Ozeanen immer stärker in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt ist, denken mehr und mehr Menschen über ihr eigenes Konsumverhalten nach und übernehmen Verantwortung gegenüber der Umwelt. Dieser Trend führt seit gut zwei Jahren wieder zu einer steigenden Nachfrage nach Glasverpackungen. „Wir werden in diesem Bereich nicht auf 100 Prozent Glas kommen, aber die gesamte Glasindustrie geht von einer stetig steigenden Produktion aus und zeigt sich optimistisch“, so Köhler.

Doch warum ist Glas für nachhaltiges Handeln so wertvoll? Weil es wie kein anderes Produkt zu 100 Prozent recyclingfähig ist. Gebrauchtes Glas kann ohne Qualitätsverlust und sogar mit geringerem Energieaufwand eingeschmolzen und zu einem neuen Produkt verarbeitet werden. Durchschnittlich 60 Prozent beträgt der Anteil an Altglas in neu produzierten Verpackungen. „Leider werden die Glascontainer in den Städten häufig als allgemeiner Mülleimer missbraucht“, erklärt Köhler. Verunreinigungen und Schraubdeckel auf den Gläsern erschweren die Wiederverwertung.“ In einigen Großstädten ist es sogar so ausgeprägt, dass dieses Glas nicht mehr in der Produktion landet, sondern fein gemahlen in den Straßenbau geht. Doch ein Teil der Recyclinggläser und -flaschen, die es zurück in den Kreislauf schaffen, landen später in Boffzen.

Einigen Verpackungsgläsern gelingt es heute hingegen, durch ihr außergewöhnliches Design als Sammlerobjekte in den Haushalten zu verbleiben. Denn ein ausgeklügeltes Marketingkonzept einiger Lebensmittelhersteller führt zu Marken- und sogar regelrechter Glasliebe. Die wachsende Community der Do-it-yourself-Bewegung, die die eigene Herstellung von Marmeladen, Aufstrichen, Müslis und Nussmus zelebriert, hat Drahtbügelgläser für sich entdeckt und postet in den Social Media alles, was auf den Tisch kommt. Als Lieferant eben solcher Gläser für IKEA in ganz Europa erfreut diese Entwicklung natürlich auch Noelle + von Campe.

Steigende Nachfrage fordert jedoch auch höhere Kapazitäten: So wurde 2009 das Werk II, nur wenige Hundert Meter vom ersten Standort entfernt, in Betrieb genommen. 2020 wird eine 7.000 Quadratmeter große Lagerhalle hinzukommen. Der Umsatz von 89 Millionen Euro in 2017 stieg im vergangenen Jahr noch einmal um drei Millionen Euro. Wie Noelle + von Campe auf diese und weitere Wachstumsprognosen reagieren wird, ist Teil des laufenden Planungsprozesses für die nächsten 20 Jahre. Wie viel wollen sie noch wachsen? Und wie viel können sie an diesem Standort noch wachsen? Denn dass sie in Boffzen bleiben möchten, steht für die Geschäftsleitung außer Frage.

Thomas Köhler wirkt unaufgeregt, wenn er über die Entwicklungen spricht – ein planender Stratege, der es aushält, wenn Veränderungen nicht über Nacht verwirklicht werden können. Es braucht einen langen Atem, um Strukturen den Marktbedingungen anzupassen. „Da stecken wir mittendrin“, sagt er gelassen. Und Noelle + von Campe habe noch viel vor. 50 Prozent des Absatzes geht in den Export – zum überwiegenden Teil in die Länder der EU. „Da müssen wir mit den Großen der Branche konkurrieren können und wettbewerbsfähig bleiben. Dafür reicht es nicht aus, neue Schmelzöfen zu bauen und Prozesse zu verändern“, erklärt der Geschäftsführer. „Für Wachstum sind auch motivierte Mitarbeiter eine wesentliche Voraussetzung.“ Aus diesem Grund arbeite das Unternehmen permanent daran, für die rund 500 Mitarbeiter ein ansprechender Arbeitgeber in der Region zu sein, zu bleiben und hier und da auch noch zu werden.

Keine einfache Aufgabe bei einer Produktion, die niemals ruht – 24 Stunden am Tag, 365 Tage pro Jahr. Dennoch haben sie es im vergangenen Jahr mit 13 Auszubildenden geschafft, mehr junge Menschen als bisher für die Glasindustrie und die angrenzenden Berufe, zum Beispiel in der IT-Branche, zu begeistern.

Der Grund könnte der gleiche sein wie bei Thomas Köhler: die Faszination des Glases – vom Luxusgut und Designobjekt hin zu einem Alltagprodukt und Pinterest- Liebling – und die Wahrscheinlichkeit, dass jeder Mensch in Südniedersachsen schon einmal ein Glas von Noelle + von Campe auf dem Frühstückstisch oder im Vorratsschrank stehen hatte. Übrigens: Ein kurzer Blick auf den Boden oder den unteren Rand genügt. Findet sich dort ein kleines Dreieck mit den Initialen NC, dann entstand dieses Glas in einem kleinen Ort an der Weser.