Tradition allein ist nicht ausreichend

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Carl Graf von Hardenberg über preußische Tugenden und Werte von morgen im Interview mit Marco Böhme und Claudia Klaft.

Graf von Hardenberg, die Wurzeln Ihres Unternehmens reichen bis in das 18. Jahrhundert zurück. Warum haben Sie sich mit Unternehmenswerten beschäftigt?

Weil Tradition allein nicht ausreichend ist, wir brauchen Leitsätze als Grundlage von Entscheidungen.

Wie sind diese entstanden?

Bei uns hat die Geschäftsleitung gemeinsam mit der Vorstandsebene die Werte intern erarbeitet. Auf einer Mitarbeiterversammlung haben wir diese dann vorgestellt, erläutert und diskutiert. Nun gibt es ein Booklet, in dem die Werte aufgeführt und erklärt sind.

Haben Sie Beratung in Anspruch genommen?

Nicht direkt, denn die Kultur muss von den Gesellschaftern selbst entwickelt werden. Sonst könnten wir ja auch im Internet abschreiben, und die Werte verkämen zu einer Einheitssuppe.

Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Ja, denn es ist immer gut, eine gewisse Kultur vorzugeben. Der Leitfaden verdeutlicht, wie im Unternehmen gelebt wird und er zeigt neuen Mitarbeitern, was wir von ihnen wollen. Mir ist wichtig, dass sie Spaß und Fantasie bei der Arbeit haben, Kontakte knüpfen, pflegen und nutzen. Aber auch kundenorientiertes Handeln, das ist besonders in unserem Dienstleistungssektor, in Hotel und Restaurant, enorm wichtig.

Warum gerade dort?

Beim Umgang mit dem Gast müssen bestimmte Regeln eingehalten werden, da er gerne wiederkommen soll. „Der Kunde ist König“ lautet hier das Motto, das wir durch unser Verhalten und Tun mit Leben füllen und selbstverständlich regelmäßig reflektieren. Freundlichkeit und Höflichkeit gehören zu unserer Philosophie und sind die beste Werbung.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Unternehmer?

Für mich ist es eine große Verantwortung, und natürlich gehören die Unternehmenswerte für mich zum täglichen Leben, die übrigens deckungsgleich mit den Werten meiner Familie sind. Gleichzeitig bedeutet Verantwortung für mich aber das Pflichtbewusstsein, mich ehrenamtlich zu engagieren. Auch Mitarbeiter werden von uns selbstverständlich in ihrem sozialen Engagement unterstützt.

Sie sind Aufsichtsratsvorsitzender der Hardenberg-Wilthen AG. Was entgegnen Sie dem Profitstreben von Stakeholdern?

Das ist wirklich eine leidige Sache. Für ein Unternehmen bedeutet es doch puren Stress, wenn es immer nur auf kurzfristige Profite setzt. Die eigentliche Frage ist doch: Was möchte ich als Unternehmer? Und darauf kann ich nur antworten: Ich möchte etwas schaffen, was uns überdauert!

Wie kann das gelingen?

Nun, die Gewinne müssen wieder in das Unternehmen zurückfließen. Und ich bin der Überzeugung, dass nur langfristige Pläne Stabilität garantieren können. Vielleicht ist unser Unternehmen manchmal zu traditionell und zu langsam. Wir müssen wach sein und schneller reagieren als früher. Aber ich bin kein Freund von Ruck-Zuck-Entscheidungen.

Mit welchen Werten sind Sie selbst aufgewachsen?

In meiner Familie galten die preußischen Tugenden: Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Disziplin, Unbestechlichkeit, Zuverlässigkeit und auch Leid ertragen können. Daneben hat der christliche Glaube einen hohen Wert, der Halt gibt, auch an schlechten Tagen.

Gelten für Sie die Werte heute noch?

Für mich persönlich ja, und ich wünsche sie mir für meine Mitarbeiter. Wer als Lehrling die Grundlagen der preußischen Tugenden nicht versteht, hat keine Chance bei uns. Sie in der Ausbildung zu vermitteln, ist nicht einfach.

Preußische Werte sind nicht unbedingt zeitgemäß, oder?

Nein, sie gelten nicht mehr überall. Die Menschen sind zur Selbstentfaltung erzogen und es gibt ein offenes Schulsystem, das prägt die Gesellschaft. Die Jugend hat nicht mehr dieselben Werte wie die Eltern.

Welche Werte gelten heute?

Es sind die universellen Werte wie Sicherheit, Macht, Suche nach Glück und Genuss, Selbstbestimmung und Erfolg, die zu oft rein egoistischen Verhaltensweisen führen. Individualität und Freizeitanspruch stehen mittlerweile im Fokus, nicht mehr die Gesellschaft.

Glauben Sie an die Renaissance von Werten?

Dafür bräuchte es schon starke Persönlichkeiten, die Werte formulieren und umsetzen können. Sie müssten verstehen, die Bevölkerung dafür zu begeistern. Doch solche Persönlichkeiten sehe ich momentan nicht.

Wie sehen Sie die Zukunft der Werte?

Ich bin überzeugt, der Wunsch nach Werten ist da. Doch für die Gesellschaft von morgen müssten neue Werte definiert werden. Welche das sein werden, weiß ich nicht.

Werte zu geben, mag einfach sein, sie einzuhalten, ist schon schwieriger. Das Internet entlarvt heute schnell und weltweit die Fehltritte von Persönlichkeiten. Sehen Sie darin ein Problem?

Man kann heute nichts mehr verheimlichen, nur muss man mit der Transparenz umgehen können und die neuen Kommunikationskanäle für sich nutzen – oder eben auch nicht nutzen. Interessant ist jedoch, dass bei der Suche nach Politikern und Unternehmern, die Fehltritte begangen haben, die alten Werte wie Ehrlichkeit und Integrität angeprangert werden, die eigentlich von der Gesellschaft immer weniger gelebt werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Es muss Menschen geben, die eine Vision haben und diese aber auch vermitteln können. Das gilt für Unternehmer wie für Politiker. Auch in einer Demokratie muss es eine klare und starke Lenkung geben, auf die Verlass ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Carl Graf von Hardenberg geb. 1955, ist Aufsichtsratsvorsitzender der Hardenberg-Wilthen AG. Das Familienunternehmen produziert seit 300 Jahren am Stammsitz in Nörten-Hardenberg. Zum Gräflichen Landsitz gehören u.a. das Hardenberg BurgHotel, das Northeimer Hotel Freigeist sowie das Hardenberg GolfResort. Graf von Hardenberg ist auch im Aufsichtsrat der m3team AG.