©Andreas Bode
Text von: Sven Grünewald

Herzberg: Geprägt von Logistik und Industrie und an zwei Bundesstraßen gelegen, kann sich die Kleinstadt gut behaupten. Die wichtigen Akteure vor Ort arbeiten daran, dass das Negativimage des Harzes der Vergangenheit angehört.

So geht im Allgemeinen die Geschichte, wenn man über den Harz und seine Umgebung spricht: obligatorische Leerstände, Überalterung, eine hinterherhinkende Region und drei zuständige Bundesländer, die keine einheitliche Harzförderpolitik hinbekommen. Auf den ersten Blick lässt sich auch Herzberg am Harz in diese Kategorie stecken, man kämpft mit den bekannten Problemen: Die Fußgängerzone wirkt – gemessen an ihrer Größe – zu ruhig und unbelebt, leere Schaufenster illustrieren die allgemeinen Schwierigkeiten des Einzelhandels.

Doch das ist eben auch nur der erste Blick auf die Stadt mit den 13.000 Einwohnern. Herzbergs Stärke liegt vor allem in seinen Industrieunternehmen – Druck­ und Papierindustrie, Holzwirtschaft, Logistik und nicht zuletzt das Krankenhaus, das einzige im Altkreis Osterode. Auch mit dem Harzer Tourismus geht es wieder bergauf, der regionale Wirtschaftsförderansatz über den Südniedersachsen Innovationscampus und die Wirtschaftsförderung Region Göttingen ist bei der lokalen Wirtschaft angekommen, und durch die Kreisfusion scheinen die Wege nach Göttingen kürzer geworden zu sein.

In der Innenstadt tut sich beispielsweise einiges – weil Unternehmer bereit sind zu investieren. Herzberg ist Heimat des einzigen verbliebenen Kinos im Altkreis Osterode, das zudem an die Erweiterung der drei Kinosäle um einen weiteren denkt. Am Marktplatz wird derzeit ein großer Komplex mit Fitness­ und Sonnenstudio sowie Wohnungen aufgebaut, ein Millionenprojekt. „Und ganz neu ist auch der Aufbau eines Zentrums für Hunde­ und Pferdesport sowie Pferdetherapie“, erklärt Kerstin Bührmann, Fachbereichsleiterin für Bauen, Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing in Herzberg. In Zusammenarbeit mit den örtlichen Vereinen und Musikgruppen wurde zudem eine Initiative gestartet, im Sommer auf dem Wochenmarkt die dortige Bühne für Auftritte zu nutzen. Und so lässt sich dann beschwingt bei den Marktbeschickern einkaufen. „Wir haben die Initiative zusammen mit dem Herzberger Blasorchester entwickelt. Das wird gut angenommen und soll noch weiter ausgebaut werden.“

Eine wichtige Aufgabe für die Stadt, die inzwischen einen Haushaltsüberschuss erwirtschaftet und seit etwa zwei Jahren eine gute Entwicklung erfährt, besteht jedoch in dem Erhalt der Wohnqualität. Die Möglichkeiten der Innenverdichtung sind erschöpft, zudem stellen seniorengerechte Wohnungen andere Ansprüche, die sich im Altbestand schlecht verwirklichen lassen. Insofern ist man auf der Suche nach Erweiterungsflächen.

Neue Perspektiven entwickeln sich aber gerade durch den demografischen Wandel – in Form von Alten­- und Pflegeheimen, die in der Stadt entstehen. Auch das Klinikum stellt sich auf die ältere Zielgruppe ein. „Die Geriatrie ist mittlerweile die größte Abteilung im ganzen Haus. Gestartet sind wir mit fünf Betten, jetzt sind es 50 auf zwei Stationen“, sagt Johannes Richter, Geschäftsführer des Helios Klinikums.

Aber auch am anderen Ende der Alterspyramide beweist das Klinikum, dass Herzberg weit über sein Einzugsgebiet hinaus attraktiv ist. Seit 2010 kann sich die Klinik dank Zertifizierung der Geburtshilfe durch die Weltgesundheitsorganisation ,babyfreundliches Krankenhaus‘ nennen. „Diese Zertifizierung stellt hohe Anforderungen an die Prozesse im Krankenhaus“, so Richter. „Dazu zählen etwa eine enge Begleitung der werdenden Mütter und Wöchnerinnen durch die Hebammen.“ Mit Erfolg: 2018 gab es in der Klinik über 600 Geburten – das Einzugsgebiet des Klinikums gibt aber rechnerisch nur etwa 450 Geburten her. Man beobachtet daher den anhaltenden Trend, dass viele der Mütter auch aus den umliegenden Landkreisen – von Goslar bis Nordhausen – nach Herzberg kommen.

Um dem Mangel an Fachärzten Rechnung zu tragen, betreibt das Klinikum inzwischen auch drei medizinische Versorgungszentren (MVZ): eines in Osterode und zwei in Herzberg. Die beiden in Herzberg sollen jedoch Mitte dieses Jahres zu einem großen und erweiterten MVZ zusammengelegt werden. Und bedingt durch die Zunahme der absoluten Zahl der Menschen über 65 rechnet Johannes Richter auch mit einem ansteigenden Bedarf an Gesundheitsdienstleistungen und damit mit einem Wachstum des Herzberger Gesundheitssektors.

Helios ist ein Beispiel für den wirtschaftlichen Kulturwandel, der sich in Herzberg Stück für Stück vollzogen hat und dessen jüngste Wegmarke Mitte 2018 die Übernahme der traditionsreichen Druckerei Jungfer durch die niederländische königliche Druckerei Em. de Jong war. Damit sind viele der großen Herzberger Unternehmen – Kappa Smurfit, das Helios Klinikum, Pema und Pleissner Guss – nicht mehr in Familien-­ oder kommunaler Hand, sondern in Konzernstrukturen eingebunden. Mit allen Vor-­ und Nachteilen, die das bietet. Von Vorteil ist, dass damit das Kapital zur Verfügung steht, große Investitionen in den Standort und gegebenenfalls in die Erweiterung zu tätigen. Nachteil ist, dass die großen Entscheidungen anderswo getroffen werden.

Um es einmal in Relation zu setzen: Smurfit Kappa mit seinen rund 750 Mitarbeitern ist das größte Herzberger Unternehmen – die Smurfit Kappa Group hat weltweit über 46.000 Mitarbeiter und ist in 32 europäischen und amerikanischen Ländern aktiv. Da ist der Herzberger Standort nur ein verhältnismäßig kleines Licht. Der Druck, innerhalb des Konzerns zu bestehen, trifft unter Umständen auf Konzernstrategien, die den Standort theoretisch mit einem Federstrich verschwinden lassen können. Regionale Beispiele dafür gibt es in Göttingen, wo sowohl bei Bosch als auch bei Zeiss ein Rückzug aus dem Standort zu beobachten ist. Allerdings: „Wir wissen von allen großen Firmen – Kappa, Jungfer, um nur ein paar zu nennen –, dass in den nächsten Jahren große Investitionsmaßnahmen geplant sind“, sagt Kerstin Bührmann.

Investiert hat auch Holz-Reimann, eines der führenden Unternehmen der Holzbeschaffung in Europa. Das eigentlich in Bad Harzburg ansässige Unternehmen hat 2010 in Herzberg das ehemalige Spanplattenwerk von Homann übernommen und wieder instand gesetzt. Zudem sitzt der Holzlogistiker am Güterbahnhof, der für das Unternehmen von zentraler Bedeutung ist. Mindestens zwei Güterzüge entsprechend jeweils rund 70 LKW­-Ladungen verschickt Holz­-Reimann pro Woche. Da es im Harz schon lange keine holzverarbeitende Industrie mehr gibt, sitzen die Abnehmer unter anderem in Skandinavien, den Niederlanden, Österreich, Polen und Schottland.

Auf dem Homann-­Gelände konnte inzwischen ein großer Lebensmittelmarkt angesiedelt werden. Aber das ist nur der Anfang, wenn es nach Firmeninhaber Klaus Reimann geht. „Uns liegt an der langfristigen Erhaltung der Infrastruktur in Herzberg, und wir geben anderen Unternehmen die Möglichkeit, sich am alten Homann­ Standort anzusiedeln. Wir haben in Herzberg noch viel vor.“

Für Holz-­Reimann ist Herzberg durch den Verkehrsknotenpunkt Güterbahnhof in gewisser Weise das Tor zum Harz, denn gerade im Ferntransport nimmt der Logistiker eine Renaissance der Schiene wahr. Auch was den Harz als Ganzes angeht, sieht man das schlechte Image nur noch als Folge des typischen Wehklagens – vielmehr erlebe der Harz eine wirtschaftliche Renaissance. Dafür sieht Reimann die ansässigen Unternehmen aber selbst als Multiplikatoren, da man durch die eigenen internationalen Kontakte auch Vertreter der Region ist.

Eine ganz andere, jüngere Perspektive auf Herzberg bringt Juliane Schuster mit. Sie führt die erst 2010 aus der Druckerei Jungfer ausgegründete Werbeagentur Silverlynx. Von damals drei Mitarbeitern ist sie kontinuierlich auf 15 Mitarbeiter gewachsen. Tätig ist sie vor allem in der Region von Osterode bis Göttingen, hat aber auch Kunden in der Schweiz. „Eigentlich ist es für eine Werbeagentur egal, wo sie sitzt. Es läuft heute alles digital.“ Entsprechend wichtig ist die Netzverbindung. Da gibt es zwar noch Verbesserungsbedarf, doch sei das kein generelles Herzberger Problem, sondern vielmehr ihrem individuellen Standpunkt am Ende der Straße im Gewerbegebiet Aue geschuldet – da reduzieren die weiter vorne liegenden Unternehmen einfach die Bandbreite.

Allerdings stellt auch Schuster fest, dass die Nähe zu den Harzer Kunden von Vorteil ist. „Die Harzer haben einen ganz starken Bezug zu ihrer Region. Viele Unternehmen, die um Osterode oder Herzberg tätig sind, möchten ihre Agentur gerne in der Nähe haben.“ Und Herzberg hat gegenüber Göttingen noch den Vorteil, dass die Mieten günstiger sind und dass natürlich weniger Konkurrenz durch andere Agenturen herrscht. „Eigentlich fehlt in Herzberg nichts“, so Schuster. „Die Lebensmittelläden sind da, genug Arbeitsplätze, wir haben auch kein Fachkräfteproblem. Meine Azubis bekomme ich zum Beispiel auch aus Kiel.“

Und vor allem sei der Freizeit­ und Lebenswert enorm hoch. „Gerade, wenn ich mir den Touristikbereich im Harz anschaue, hat der in den zehn Jahren, die ich das beobachte, richtig aufgeholt. Es gibt da wirklich großartige Sachen.“ Sei es der Adrenalinkick beim senkrechten Runterlaufen an einer Staumauer, beim Seilflug über eine Talsperre oder im riesigen Mountainbikeareal in Braunlage.

Herzberg heute – sicher keine starke Wachstumsdynamik und einige Herausforderungen, die schon länger existieren: die Abwanderung der Jugend aufgrund höherer Mobilität und der zunehmenden Studierquote sowie das Ausdünnen von beruflichen Perspektiven vor Ort. Eine wirkliche Lösung ist dafür nur bedingt in Sicht. Dennoch lässt sich ein langsames, stabiles Wachstum und eine konsolidierte Lage feststellen. Kurzum: Vieles an der Herzberger Lagebeurteilung scheint Perspektivsache zu sein: Es gibt diejenigen, die wie immer den Zustand beklagen – sie werden fündig. Es gibt aber auch die, die nach vorne gucken, gestalten und (zu)sehen, dass sich etwas tut.