Timberjacks erklimmt den Gipfel
Der Göttinger Unternehmer Thomas Kemner plant für seine mittlerweile überregional bekannte Marke Timberjacks den nächsten großen Coup: Auf dem Brocken will er mit einer spektakulären Mountain Lodge neue Maßstäbe setzen.
Live-Musik im Timberjacks
Live-Musik ist seit der Eröffnung ein fester Bestandteil der Timberjacks-DNA. „Meat with Beat“ gibt es in Göttingen jeden Donnerstag; dabei unterhalten Singer-Songwriter seit Jahren die Gäste – ohne Aufpreis oder Eintrittsgeld. „Wir verbuchen den Aufwand bewusst als Local-Store-Promotion“, sagt Inhaber
Thomas Kemner. „Anstatt in klassische
Marketingmaßnahmen zu investieren,
setzen wir gezielt auf Musiker und echte
Atmosphäre“, so sein Konzept.
Mit „Timberjacks Unplugged“ sei dieses
gezielt weiterentwickelt worden. Zweimal
im Jahr verwandelt sich das Timberjacks
dann jeweils ab 23 Uhr in eine kleine, intime Konzerthalle mit limitierter Gästezahl.
Bekannte Bands wie Glasperlenspiel, The
Baseballs oder The BossHoss spielen voll-
ständig ohne technischen Support, live und pur, in einer Nähe zum Publikum, wie man sie bei herkömmlichen Konzerten kaum erleben kann. „Der Gast ist nicht nur Zuhörer, sondern Teil des Moments“, schwärmt Kemner. Kleine Bühne, keine Distanz, keine Showelemente – nur Musik, Raum, Holz, Menschen und eine besondere Stimmung. „Diese Abende sind keine Events im klassischen Sinne, sondern Erlebnisse, die im Gedächtnis bleiben“, findet der Timberjacks-Gründer. Tickets dafür gibt es jeweils im Timberjacks-Onlineshop. Weitere Formate
seien in Planung.
»Unser Fokus liegt nicht auf maximaler Expansion, sondern auf sauberem, kontrolliertem Wachstum mit einem klaren System.«
Wenn Thomas Kemner etwas angeht, dann richtig: Als er im November 2016, vor fast zehn Jahren also, sein erstes Timberjacks-Restaurant in Göttingen eröffnet, ist sofort klar: Das ist nicht einfach irgendein neues Steak- oder Burgerrestaurant mit amerikanischer Note. Der markante Blockhaus-Stil, Bull Riding, eine riesige LED-Wand, ein offener Grill, viele besondere Gerichte auf der Speisekarte, jeden Donnerstag Live-Musik bei freiem Eintritt: Schon damals hebt sich Timberjacks deutlich von anderen Konzepten ab.
Etwa zweieinhalb Jahre später – in Kassel hatte gerade das zweite Restaurant seine Pforten geöffnet – stellt der faktor Kemner als möglichen Franchise-Geber vor; Timberjacks soll weiter expandieren. Das passiert auch, allerdings nicht ganz so wie damals beschrieben. Dabei hält sich die Grundidee bis heute: „Wir erhalten regelmäßig zahlreiche Franchise-Anfragen. In der Praxis verlaufen diese jedoch häufig im Sande, da die erforderlichen Investitionssummen sehr hoch sind“, erklärt Kemner. Hinzu komme, dass sich die Bankenwelt seit den wiederholten Lockdowns während der Covid-Zeit und den darauffolgenden Krisen stark verändert habe: „Viele Banker agieren inzwischen aus einer ausgeprägten Worst-Case-Perspektive heraus und haben die Hürden zur Finanzierung in der Gastronomie und Hotellerie entsprechend hoch angesetzt. Das führt dazu, dass potenzielle Interessenten oftmals bereits frühzeitig die Motivation verlieren.“ Und dann folgt ein Satz, der die gesamte Timberjacks-Geschichte bis heute prägt: „Unabhängig davon liegt unsere klare Priorität von Beginn an auf der eigenen Entwicklung unserer Standorte.“
Restaurants gibt es mittlerweile auch in Siegen, Köln, Marl, Bispingen, Düren, Bad Hersfeld, neuerdings auch in Bensheim – und dazu einige Motels, die genau wie die Restaurants ihren ganz eigenen Stil aufweisen. Weitere Restaurant-Standorte sind bereits im Bau oder in Planung, beispielsweise in Wolfsburg, Bocholt und Paderborn. Fast 500 Menschen arbeiten heute für Timberjacks – eine beachtliche Entwicklung.
Für die Führung und den reibungslosen Betrieb aller Standorte hat Kemner Betreibergesellschaften gegründet; dazu hat er sich neben weiteren Führungskräften mit Swen Riediger einen Vertrauten als Geschäftsführer ins Boot geholt. Und der übernimmt viel Verantwortung: „Als CEO der jeweiligen Betreibergesellschaften bin ich nach Abschluss der Opening-Phase, die durch unser Franchise-Team begleitet wird, operativ für sämtliche laufenden Standorte verantwortlich. Mein Fokus liegt dabei insbesondere auf der wirtschaftlichen Steuerung der Restaurants, der Sicherstellung effizienter Prozesse sowie auf der personellen Struktur. Ziel ist es, an jedem Standort die richtigen Mitarbeitenden in den passenden Funktionen einzusetzen, um unseren Gästen durchgängig ein hochwertiges und verlässliches Erlebnis zu bieten“, erklärt Riediger – den viele noch eher in der Automobilbranche verorten. 26 Jahre lang war er im Automobilhandel tätig, unter anderem bei Mercedes, BMW und zuletzt im Porsche Zentrum Göttingen, bevor er sich bewusst für eine Neuorientierung entschied: „Das Angebot von Timberjacks kam zu einem Zeitpunkt, der sowohl persönlich als auch strategisch sehr gut gepasst hat“, sagt er. Als er damals von der geplanten Expansion erfahren habe, sei für ihn sofort klar gewesen, diesen Weg aktiv mitgestalten zu wollen: „Timberjacks ist sowohl architektonisch als auch konzeptionell außergewöhnlich. Unsere Restaurants schaffen eine Erlebniswelt, die den Gästen das Gefühl vermittelt, sich in den Rocky Mountains zu befinden. Genau diese Fähigkeit, für einige Stunden Abstand vom Alltag zu ermöglichen, macht Timberjacks aus meiner Sicht besonders“, beschreibt Riediger.
Das, was Kemner und seine Mitstreiter jetzt auf dem Brocken vorhaben, stößt einmal mehr in neue Dimensionen vor. Im bisherigen Brockenhotel-Komplex sollen neben einem Timberjacks-Restaurant ein Hotel mit etwa 80 Zimmern verschiedener Kategorien, ein Seminar- und Veranstaltungssaal, ein Ballroom, eine Bibliothek, ein Kaminzimmer, ein Sauna- und Fitnessbereich sowie eine 360°-Skybar im Aussichtsturm entstehen, die ausschließlich Hotelgästen vorbehalten sein soll. „Wie die finale Ausgestaltung letztlich aussehen wird, wird sich im weiteren Verlauf des Prozesses entwickeln“, bleibt Kemner noch etwas vage, aber eine erste Visualisierung deutet schon an, wohin die Reise gehen könnte. Acht Millionen Euro will er auf dem Brocken investieren.
Spannend ist, wie das Ganze überhaupt zustande kam – nämlich streng genommen eher zufällig. Kemner: „In einer anderen Angelegenheit standen wir im Austausch mit dem Landkreis Harz und dem Landrat. In diesem Zusammenhang haben wir nebenbei erfahren, dass der Landkreis das Gebäude auf dem Brocken erworben hat und eine umfassende Entwicklung plant. Nach reiflicher Überlegung haben wir uns daraufhin proaktiv um dieses Projekt beworben. Im Rahmen einer europaweiten Ausschreibung mit über 100 Bewerbungen fiel die Entscheidung schließlich auf uns.“
Im Blog-Bereich auf der Timberjacks-Homepage ist bereits zu lesen, dass dieses neue Projekt so einige Herausforderungen mit sich bringt. Dort heißt es in einem aktuellen Beitrag: „Mit dem Brocken übernehmen wir ein Projekt, das in vielerlei Hinsicht anspruchsvoll ist. Die Höhenlage, das saisonale Klima, die begrenzten Transportwege und der empfindliche Naturraum erfordern durchdachte Lösungen. Eine zusätzliche Herausforderung stellt der Denkmalschutz des Gebäudes dar, der besondere Anforderungen an jede bauliche Veränderung stellt und eine besonders sorgfältige Planung voraussetzt.“ Hinzu komme die Aufgabe, bis zu 80 neue, qualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen und ihnen einen Zugang zu ihrem Arbeitsplatz zu ermöglichen. „Um diese Herausforderungen zu meistern, arbeiten wir bereits an ersten Konzepten für eine sichere und verlässliche Erreichbarkeit des Gipfels. Dazu gehört unter anderem die Möglichkeit, dass Mitarbeitende kostenlos die Harzer Schmalspurbahn nutzen können. Die Verhandlungen hierzu laufen. Dieser Ansatz soll nicht nur die tägliche Anreise erleichtern, sondern auch den Individualverkehr reduzieren und damit den Naturschutz im Gebiet unterstützen. Weitere organisatorische Lösungen befinden sich in Planung, damit der Arbeitsplatz Brocken langfristig attraktiv und gut erreichbar bleibt.“
Kemner selbst geht mit diesem Thema gegenüber dem faktor ganz offen um: „Das wird sicherlich der spannende Teil der Reise. Eine der großen Herausforderungen am Arbeitsmarkt besteht derzeit darin, ausreichend motivierte und geeignete Mitarbeiter zu finden. Die Rahmenbedingungen haben sich in den letzten Jahren deutlich verändert, wodurch der Arbeitsmarkt spürbar an Dynamik verloren hat. Die Menschen, die sich bei uns bewerben, tun dies in der Regel sehr bewusst, entweder aus echter Motivation heraus zu arbeiten – oder weil sie sich beruflich neu orientieren möchten. Bisher haben wir alle Neueröffnungen, auch wenn sie anfangs mit Herausforderungen verbunden waren, erfolgreich gemeistert. Zunächst konzentrieren wir uns auf eine saubere Planung und werden zum passenden Zeitpunkt gezielt Maßnahmen ergreifen, um diese Herausforderung zu lösen.“
Den Denkmalschutz sieht Kemner hingegen nicht als Problem an: „Er bezieht sich ausschließlich auf die Gebäudehülle. Alle weiteren Maßnahmen sind mit dem Eigentümer, dem Landkreis Harz, abzustimmen. Aktuell befinden wir uns noch in der vertraglichen Ausgestaltung.“
Kritischen Stimmen, die mit dem neuen Projekt eine Forcierung des Massentourismus auf dem Brocken befürchten, sieht Kemner gelassen entgegen: „Mit rund 1,5 Millionen Tagestouristen ist der Brocken bereits heute ein touristischer Hotspot. Wir bezweifeln daher, dass Timberjacks dort zusätzlichen Massentourismus auslösen kann. Unser Ansatz ist vielmehr, die Aufenthaltsqualität vor Ort deutlich zu steigern und die bestehende Gastronomie vom reinen Selbstservice hin zu einem Full-Service-Angebot weiterzuentwickeln.“ Insbesondere die geplante Steigerung der Bettenkapazität und Auslastung soll den Standort nachhaltig aufwerten und die Verweildauer der Gäste erhöhen.
Darüber hinaus könne sich Timberjacks mit seinem seit Jahren bestehenden Baumpflanz-Programm „Forest for the Trees“ aktiv an der Aufforstung des Harzes beteiligen. Dass Kemner Ahnung davon hat, wird ihm niemand absprechen können – schließlich ist er gelernter Forstwirt und zudem Kaufmann im Groß- und Außenhandel mit Schwerpunkt Holzhandel. Dass er danach auch in der Modebranche tätig war und schließlich zunächst mit dem „Vapiano“-Konzept in die Gastronomie eingestiegen ist, dürfte seinen Sinn für nachhaltiges Handeln eher noch geschärft haben.
Auch Riediger will den Vorwurf mangelnder Nachhaltigkeit nicht gelten lassen: „Nachhaltigkeit ist zu einer stark strapazierten Begrifflichkeit geworden, weshalb wir bewusst weniger über das Wort sprechen und mehr über konkrete Entscheidungen handeln. Vom Holzbau unserer Restaurants über Lieferketten bis hin zu unseren Produkten treffen wir Entscheidungen so verantwortungsvoll wie möglich – immer unter der Prämisse, dass sie wirtschaftlich sinnvoll und realistisch umsetzbar sind. Nachhaltigkeit verstehen wir dabei nicht als Marketinginstrument, sondern als selbstverständlichen Bestandteil unternehmerischer Verantwortung.“
Zu dieser Verantwortung gehört nach seiner Auffassung auch, das Unternehmen für Mitarbeitende attraktiv zu halten: „Ein zentrales Element ist ein wertschätzendes und motivierendes Arbeitsumfeld. Wir fördern bewusst den Teamgedanken, da nachhaltiger Erfolg nur gemeinsam möglich ist. Unsere Mitarbeitenden profitieren unmittelbar von der positiven Entwicklung des Unternehmens. Durch die fortlaufende Expansion eröffnen sich vielfältige Perspektiven zur fachlichen und persönlichen Weiterentwicklung, was Timberjacks auch als Arbeitgeber langfristig attraktiv macht“, findet Riediger.
Probleme sieht der CEO also weniger im Inneren des Unternehmens, sondern eher in den äußeren Gegebenheiten: „Für uns als Unternehmen ist es essenziell, dass die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen in Deutschland unternehmerfreundlicher gestaltet werden. Bürokratische Hürden bremsen die Gastronomie derzeit erheblich. Unabhängig davon entwickeln wir unser Konzept kontinuierlich weiter und hinterfragen bestehende Strukturen regelmäßig. Dieser permanente Anpassungsprozess ist notwendig, um uns in einem hart umkämpften Markt zu behaupten und gleichzeitig attraktiv für Gäste wie Mitarbeitende zu bleiben.“
Die Mehrwertsteuersenkung zu Jahresbeginn bewertet sein Chef Kemner im Übrigen eher als Randnotiz. Sie habe letztlich lediglich dazu geführt, dass der Trend stetiger Preiserhöhungen vorübergehend gebremst wurde. Kemner: „Bereits zum 1. Januar 2026 wurde der Mindestlohn erneut angepasst, was erfahrungsgemäß zu weiterem Kostendruck führt und Preisanpassungen nahezu unausweichlich macht. Mathematik lässt sich nicht überlisten. Hinzu kommt die erneute Erhöhung des CO2-Preises im Jahr 2026, die sich ebenfalls unmittelbar auf die Kostenstruktur auswirkt und bei verschiedenen Lieferanten bereits jetzt zu weiteren Preissteigerungen führt. Das Jahr hat gerade erst begonnen, und wir beobachten gespannt, welche zusätzlichen Umlagen noch auf Unternehmen und Verbraucher zukommen werden.“
Der Erwartungshaltung, dass aufgrund der Mehrwertsteuersenkung auch die Preise in den Speisekarten sinken müssten, begegnet Kemner mit ganz grundsätzlichen Überlegungen – auch nach seinen Erfahrungen im Handel: „Die Gastronomie ist noch einmal eine ganz andere Dimension an Komplexität. Aus meiner Sicht ist sie eines der am meisten unterschätzten und gleichzeitig am wenigsten gewürdigten Geschäftsmodelle überhaupt. Für den Gast wirkt vieles selbstverständlich und ,leicht‘, doch die tatsächliche Komplexität, die hinter den Abläufen steht, wird von den meisten völlig unterschätzt. Und dabei sprechen wir noch nicht einmal über behördliche Auflagen und die Begegnungen der dritten Art mit ihnen.“ Ein Gastronom sei kein Koch, kein Wirt, kein Einkäufer, kein Produktentwickler, kein Personaler, kein Controller, kein Gastgeber, kein Bauleiter, kein Techniker, kein Elektriker, kein Klempner, kein Hausmeister, kein Systemadministrator, kein Buchhalter, kein Social-Media-Experte, kein Marketingleiter, kein Finanzexperte oder Unternehmensberater – er sei alles gleichzeitig. „Was mich persönlich betrifft, bin ich aktuell noch dabei, all diese unterschiedlichen Berufsbilder für mich einzuordnen und zu verarbeiten, bevor ich gedanklich an die nächste persönliche Reise denken kann.“
Und das Unternehmen Timberjacks? Wo soll dessen Reise hingehen? Dazu blickt Geschäfsführer Riediger ein wenig in die Glaskugel: „In fünf Jahren soll Timberjacks nicht nur gewachsen, sondern vor allem gereift sein. Wir wollen Standorte betreiben, die baulich durchdacht und organisatorisch so strukturiert sind, dass die vorhandene Komplexität jederzeit beherrschbar bleibt. Unser Fokus liegt nicht auf maximaler Expansion, sondern auf sauberem, kontrolliertem Wachstum mit einem klaren System. Timberjacks soll dann nicht nur als Gastronomiekonzept wahrgenommen werden, sondern auch als Beherbergungsangebot für Reisende und als ganzheitliche Markenwelt – eine Marke, die nicht laut über sich spricht, sondern durch Substanz, Qualität, Konsequenz und Verlässlichkeit überzeugt.“
Der nächste Schritt dahin soll nun also die „Brocken Mountain Lodge“ werden. Wenn alles klappt, könnte diese schon im kommenden Jahr öffnen – einmal mehr im typischen Timberjacks-Stil. Oder wie Kemner
es beschreibt: „Rustikal, kontrastreich und bewusst provokant.“ ƒ
