Theater im Büro

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Claudia Klaft

Für die Aufführung des Stückes ‚Ich habe Bryan Adams geschreddert‘ ermöglichte faktor dem Ensemble des Deutschen Theaters die Recherche in regionalen Firmen.

„Nein, keine Gold-Armbanduhr“, ruft Regisseur Michael Kessler und deutet auf das Handgelenk von Schauspieler Michael Meichßner. Wir sind bei der Hauptprobe von Oliver Bukowskis ‚Ich habe Bryan Adams geschreddert‘, das derzeit auf dem Spielplan des Deutschen Theaters Göttingen steht. Meichßner steht auf der Bühne und sieht Kessler fragend an. „In deiner Position pflegt man Understatement und trägt ein Lederarmband. Nicht sowas Protziges“, erläutert der aus Film und Fernsehen bekannte Regisseur. Das Stück, das drei Tage später Premiere feiern wird, handelt von einer Sommerparty, zu der Chef Frank Peukert – gespielt von Meichßner – die Mitarbeiter seiner Abteilung eingeladen hat. Im Garten des perfekten Reihenhauses ist alles für den lustigen Abend vorbereitet. Die Gattin holt noch die Bowle, während der Sohn im Oberstufenalter auf seinem Handy tippt.

Es ist der Auftakt einer Geschichte, die vom Komischen ins Absurde abdriftet. Die Feierlaune kippt, als die Gäste erfahren, dass ein ehemaliger Kollege ebenfalls eingeladen ist. Nur der Chef weiß, warum er ihn entlassen hat, und jeder Mitarbeiter ahnt, dass es ihn selbst hätte treffen können. Und so stürzen die Akteure vom Anspruch ‚Wir sind ein tolles Team‘ in die Hoffnungslosigkeit ab, beschwören dennoch immer wieder das Wir-Gefühl herauf, so als würde es sie vor ihren Existenzängsten retten. Doch diese brechen sich hemmungslos Bahn, angestachelt vom Sohn des Chefs, der mit seinen Informationen aus dem weltweiten Netz den Untergang des Mittelstands prophezeit. Um letztlich selbst erkennen zu müssen, dass auch seine Generation trotz aller Datenflut nicht positiver in die Zukunft blicken kann. Angst, Intrigen, Schuldzuweisungen, Sichwichtig- machen, dem Chef nach dem Mund reden oder an seinem Stuhl sägen. Aber: Sind diese Verhaltensweisen und Gefühle, die im Stück offengelegt werden, wirklich aus dem Leben gegriffen?

Das Ensemble und Michael Kessler waren neugierig. Sie wollten Einblick in Firmen und dort mit ,echten‘ Angestellten sprechen, um zu fragen: Bilden wir die Realität ab? Ein Wunsch, den faktor gern erfüllte. Selbst überzeugt davon, dass der Austausch eine gute Idee ist, hatte Herausgeber Marco Böhme keine Mühe, Unternehmen ebenfalls zu begeistern. Und so fanden sich über das Netzwerk Mitarbeiter beim global agierenden Konzern Novelis, bei der familiengeführten Spedition Zufall und beim IT-Dienstleister Sycor GmbH. Die unterschiedlichen Firmen und verschiedenen Abteilungen – Buchhaltung, Einkauf und Personal – sie alle öffneten ihre Türen für ein persönliches Gespräch mit je ein oder zwei Schauspielern und dem Regisseur.

Insgesamt fünf Angestellte und Führungskräfte standen ihnen für Themen wie Kündigung, Mitarbeitergespräche, Arbeitszeiten und Überstunden Rede und Antwort. Vertraulichkeit war zugesichert, denn immerhin ging es darum, einen ungeschminkten Einblick zu gewinnen – mit aufschlussreichen Erkenntnissen. So konnte z.B. eine Person aus dem Kreis der Angestellten von ihrer Erfahrung berichten, wie sich eine drohende Kündigung anfühlt. Auch bei Jennifer Emrich von Sycor, zuständig für Personalmarketing und Recruiting, kam das brisante Thema auf den Tisch: „Mich überraschte die Frage, wie Menschen damit umgehen. Es gibt verschiedenste Reaktionen, von der Erleichterung bis zur Verzweiflung“, wusste sie aus ihrem Alltag zu berichten. Und ja, dass es Belastungssituationen gibt. „Die Grenzen zum Privaten werden dünner. Das Abschalten funktioniert nicht immer. Zuhause fällt zwar erstmal alles ab, aber oft arbeitet der Kopf trotzdem weiter.“ Ein Phänomen, das auch bei Künstlern bekannt ist. Und so wurden Unterschiede und Parallelen der Berufswelten diskutiert.

Erstaunt hat die Schauspieler am meisten, wie vielfältig sich Arbeitsplätze „anfühlen“: Das Werk Novelis mit seinen Produktionsgebäuden und strengen Sicherheitsvorkehrungen, das Großraumbüro bei Zufall im Industriegebiet und die Büroetagen bei Sycor am Bahnhof, die Arbeitsplätze eingerichtet von sachlich kühl bis hin zu sehr persönlich. „Es war spannend, diese Büroatmosphäre zu erleben“, sagt Michael Kessler. Und manchmal konnte er – mit geübtem Blick auf Körperspannung und Stimmlage – erkennen, wie sich die Stimmung ändert, wenn ein Kollege oder Chef den Raum betreten hat, und er verrät: „Ich konnte für mich mitnehmen, wie die Reaktionen waren.“ Eine Erfahrung, die er in seine Regiearbeit mit einfließen lassen konnte.

Sechs Wochen hat er mit seinem Team geübt, jetzt steht Kessler vor der Bühne und wirft einen letzten Blick zum Beleuchter, dem Techniker und der Souffleuse: „Wir fangen jetzt an“, ruft er und setzt sich in den Zuschauerraum. Schon das Bühnenbild ist so realitätsnah, dass man meinen könnte, es sei ein Blick in Nachbars Garten, die Inszenierung des Gastgeber-Gehabes, der stolz die Immobilie präsentiert, während seine Frau kichernd mit der Kollegin in die Küche geht, um Sekt zu holen – wer kennt sie nicht, die typischen Abläufe einer Sommerparty, die so oder so ähnlich stattfinden. Eine vertraute Szenerie – und doch läuft plötzlich alles anders. Die Spannungen, die im Büroalltag überspielt werden, treten offen zutage, die Masken fallen. Letztlich bleiben alle mit der Frage zurück: „Was wird aus mir, wenn ich den Job verliere?“ Verzweifelt sinken die Protagonisten in sich zusammen. „Ja, was dann?“ fragen sie sich aber nicht nur auf der Bühne. Das gemeinsame Gespräch nach der Hauptprobe offenbart: Auch die Schauspieler kennen das Gefühl einer drohenden Arbeitslosigkeit. Viele sind Quereinsteiger, die versucht hatten, in der ‚normalen‘ Arbeitswelt Fuß zu fassen. Und obwohl sie wussten, dass man in ihrem Beruf nur von Engagement zu Engagement lebt, haben sie sich für diese Laufbahn entschieden. Die Unsicherheit im Theaterleben sei permanent, und es gehe immer um die Frage „Ist Kündigung eine neue Chance?“. Auch Kessler gibt zu, dass es an den Schauspielhäusern „feudal“ zugeht: Der Intendant hat das Sagen, seine Personalentscheidungen gelten. Wechselt der Intendant, dreht sich automatisch auch das Personenkarussell. „Ein Haus muss sich verändern“, sagt er. Schwierig sei daher die Tatsache, dass immer weniger öffentliche Mittel in die Kunst fließen und damit die Möglichkeiten für Schauspieler, eine neue Arbeit zu finden, immer geringer werden.

Dennoch wollen sie alle nicht die Bühne gegen einen Schreibtisch tauschen. Auch wenn die Anwesenheitspflicht viel extremer ist, weil es hier darum geht, in seiner Rolle präsent zu sein. Und auch sie nehmen die Arbeit mit nach Hause, „Text lernen, spätabends ausgehen und das natürlich mit Kollegen, weil man durch die vielen Umzüge keinen anderen Freundeskreis hat. Wir leben schon unter einer Käseglocke“, bestätigen sie in großer Runde. Ihr Beruf ist Berufung. Und sie bleiben dabei, auch wenn man ihnen ein noch so schickes Büro bieten würde. Und das ist ihre Kunst: Auf der Bühne so zu spielen, als wären sie Büromenschen und wüssten genau, was in den Köpfen der Angestellten vor sich geht. Jennifer Emrich jedenfalls war beeindruckt von der Hauptprobe. Sie resümiert: „Nach dem Gespräch mit den Schauspielern musste ich über vieles nachdenken, was ich im Laufe meiner Berufslaufbahn direkt oder indirekt erlebt habe. In manchen Szenen dachte ich jetzt ‚Ja, das kenne ich, das habe ich so oder etwas anders schon erlebt‘. Zugegeben, es ist einiges überspitzt dargestellt, aber das macht die Dinge auch deutlich. Alles in allem fand ich die Aufführung wirklich klasse!“ Und dass die Gastgeber im Stück schon auf der Bühne letzte Vorbereitungen für die Sommerparty treffen, während man sich als Zuschauer seinen Platz sucht, vermittele das Gefühl ‚Zaungast‘ zu sein. Die Inszenierung ist gelungen und ebenso das Projekt, Schauspieler in den Büro- Alltag zu holen. Das faktor-Motto ‚Wir vernetzen Menschen, Ideen und Regionen‘ ist erfolgreich umgesetzt. ‚Ich habe Bryan Adams geschreddert‘ – ein Stück, das trotz aller Ernsthaftigkeit einer gewissen Komik nicht entbehrt. Das Deutsche Theater hat attraktive Firmenangebote geschnürt, die neben einem Gruppenticket auch eine exklusive Führung bieten. Denn gemeinsame Erlebnisse schweißen eine Abteilung zusammen. Und vielleicht lädt dann auch jemand zur Sommerparty ein…