©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Er ist wohl der berühmteste lebende Künstlersohn Göttingens. THE Christian Jankowski wohnt zwar inzwischen in Berlin, aber seine künstlerischen TRAVELLING Wege führen ihn neben internationalen Projekten auch immer wieder zurück zu seinen Wurzeln. ARTIST faktor traf ihn in der Hauptstadt und sprach mit ihm über Kunst, Unfug – und das Leben.

Berlin, November 2019. Dieser Tag beginnt in zweierlei Hinsicht wie ein Klischee: Der Novemberhimmel ist wolkenverhangen, ab und an Nieselregen – zu wenig, um den Regenschirm aufzuspannen, und zu viel, um nicht nass zu werden. Berlin ist trist und grau. Und der Künstler, den wir heute besuchen, arbeitet dort, wo man es sich vorstellt: in einem hippen Loft im Hinterhof vom Hinterhof.

Christian Jankowski öffnet gut gelaunt die Tür seines Ateliers in Alt-Treptow, das zugleich seine Wohnung ist – unverputzte Backsteinwände, hohe Decken, eine große Fensterfront zum begrünten Innenhof, zwei Schreibtische mit unzähligen Papierstapeln und eine fellbezogene Hängematte. „Und ihr seid jetzt extra aus Göttingen angereist?“ Jankowski scheint aufrichtig erfreut über das Interesse aus seiner Geburtsstadt. In der offenen Küche kocht er Kaffee. An einer Wand lehnen einige Gitarren. „Ja, ich spiele immer noch ab und an. Mein achtjähriger Sohn lernt gerade Schlagzeug – nun ,jammen‘ wir hin und wieder zusammen“, ruft er quer durch den großen Raum herüber. Früher, als Jugendlicher, habe er einige Jahre in der „weltberühmten“ Göttinger Band Fonzo’s Delight gespielt, erzählt er mit einem Augenzwinkern. Da das Wasser auf dem Herd noch nicht kocht, bleibt etwas Zeit, sich ein wenig umzusehen. Eine breite Schiebetür trennt den privaten Wohnraum ab. Die Grenze zwischen Kunst und Privatem ist dünn und oft fließend. Und überhaupt, Grenzen zu überwinden, zeigt sich als zentrales Thema in Jankowskis Werken.

Doch wie lässt sich seine Kunst beschreiben? „Meine Werke sind häufig Performances und mit anderen Menschen zusammen gestaltete Situationen, die sich dann in verschiedenen Medien wie zum Beispiel Video, Fotografie oder Skulptur einschreiben. Es gibt innerhalb dieser Aktion immer einen Handlungsspielraum für Gäste, der nicht genau festgelegt ist“, erklärt der Künstler. Nur ein ungefährer Rahmen, ein Konzept, sei am Anfang vorhanden, der Ausgang seiner Kunst bleibe bis zum Ende auch für Jankowski ungewiss. Ein beliebtes Internet-Lexikon beschreibt Performance-Kunst als eine situationsbezogene, handlungsbetonte und vergängliche künstlerische Darbietung eines Performers oder einer Performancegruppe. Die Kunstform hinterfragt die Trennbarkeit von Künstler und Werk sowie die Warenform traditioneller Kunstwerke. Jankowski sagt: „Performance- Kunst ist die rahmenloseste Kunst, die es gibt, weil sie sich überall und zu jeder Zeit ereignen kann. Sie trifft Zeitgenossen und Zustände im Hier und Jetzt.“

Aufmerksam wurden die Kunstszene und die Öffentlichkeit auf den gebürtigen Göttinger mit seiner Performance ,Die Jagd‘ im Jahr 1992, als er bewaffnet mit Pfeil und Bogen in Supermärkte geht, um sich seine Nahrung aus den Regalen und Tiefkühltruhen zu schießen. Jankowski erlegte Joghurtbecher, Brot, ein tiefgefrorenes Hähnchen und Margarine und ernährte sich eine Woche lang ausschließlich von Konsumgütern, die er auf diese Weise erbeutet hatte. ,Die Jagd‘ hinterfragt unser Verhältnis zu Lebensmitteln und inwieweit wir selbst in der Verantwortung stehen – ein Thema, das bis heute, nach fast dreißig Jahren, unverändert aktuell ist. In Jankowskis Leben hingegen ist in dieser Zeit viel passiert.

Mit 22 Jahren zog Jankowski von Göttingen nach Hamburg. Bevor er den Weg des Künstlers tatsächlich ging, war für ihn lange nicht klar, was er mit sich anfangen sollte. Während seiner letzten Jahre in Göttingen war er ein Suchender. Mit seiner Band gab er Konzerte auf dem Altstadtfest, er war Zivi im Klinikum und gestaltete Plakate für Ärztekongresse, woraus der Wunsch nach einem Grafikdesignstudium erwuchs. Sein Vater arbeitete bei einer Krankenkasse, die Mutter bei der Sparkasse Göttingen, und beide hätten eine Banklehre mit sicherer Zukunft befürwortet. Oder vielleicht Architektur? Jankowski hatte gehört, dass man auch damit ganz gut Geld verdienen kann. Die Aufnahmeprüfungen für die gewünschten Studiengänge schaffte er nicht. Ebenso wenig wie die an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Aber da wollte er hin.

Hamburg. Die Malerei. Und der große Kunststar Sigmar Polke, der dort als Professor lehrte. „Ich wollte mich damals irgendwie in der Malerei selbst erfinden“,sagt er und erinnert sich an seine Anfangszeit als Künstler. „Ich habe das von Anfang an sehr ernst genommen und sogar durch das Malen angefangen zu rauchen: ein wichtiges Ritual, vier Meter von der Leinwand zurücktreten, Zigarette an und gucken, was man überhaupt gemacht hat.“ Er lacht. „Dann hat sich viel verändert. Ich glaubte plötzlich nicht mehr an diese isolierte, kontrollierte Ateliersituation. Für mich war das Atelier ab diesem Zeitpunkt überall: gleich vor der Haustür oder in der Großen Freiheit. Selbst ausdrücken kann ich mich am besten im Zusammenspiel mit den anderen.“ Tagelang vor einer Leinwand sitzen und auf Inspiration warten, dafür fehlte ihm die Geduld. „Ich bin heute viel mehr ein Manager, der versucht, neue Bilder in massenmedialen Zusammenhängen zu erzeugen.“

In Hamburg studierte er Anfang der 1990er-Jahre zunächst als Schwarzhörer an der Hochschule für bildende Künste. Nach dem dort abgeschlossenen Studium zog es ihn von Hamburg nach Berlin, dann lebte er fünf Jahre in New York und kam 2008 zurück in die Hauptstadt. An der Hamburger Kunstschule kam er im Übrigen neben der Performance-Kunst auch das erste Mal mit Konzeptkunst in Berührung, eine Kunstrichtung, die sein künstlerisches Denken und Handeln bis heute stark geprägt hat – das Aufbrechen und Hinterfragen der gewohnten Gestaltungsmuster, das gefiel ihm. „Aber ich habe auch viel Glück gehabt im Leben.“ Es sei wichtig, die richtigen Leute kennenzulernen, an gute Künstler, Galeristen und Kuratoren zu gelangen und sich mit ihnen bekanntzumachen.

Auch seine Professur an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart war für Jankowski ein Glücksfall. Als Professor für Bildhauerei (Installation, Performance, Video) ist er im ständigen künstlerischen Austausch mit jungen Menschen. Glück, ein gutes Ausstellungskonzept und seine Reputation als internationaler Künstler führten auch zu seiner Berufung zum Kurator der 11. Manifesta 2016 in Zürich. Die europäische Biennale für zeitgenössische Kunst lud mit ihm – zum ersten Mal überhaupt – einen Künstler ein, ein solches Großprojekt zu gestalten.

Er scheint überall auf der Welt zu Hause zu sein. Seine Kunst brachte ihn nach Mexiko, nach Australien, nach Japan, nach Russland – vielleicht wäre es leichter, aufzuzählen, wo für ihn noch blinde Flecken auf der Landkarte sind, an denen er nicht ausgestellt hat. Dennoch: Jedes Jahr im November erlangt eine Skulptur Jankowskis in Göttingen besondere Aufmerksamkeit. 2002 gewann er die Ausschreibung für die Gestaltung einer Pokal-Skulptur des Innovationspreises Göttingen. In Bronze gegossen trägt ein Reiter sein Pferd auf den Schultern. Der Reiter wird zum Gerittenen. Die Umkehrung des Gewohnten. Ein Perspektivwechsel – das ist es, worum es in Jankowskis Werken häufig geht. „In der Kunst stellt sich häufig die Frage: Wer oder was wird gesockelt?“, erklärt er. „Aber in dem Moment, in dem man etwas vom Sockel nimmt, ist man auf Augenhöhe mit der Kunst. Das ist die Kunst, die mich interessiert.“

Sein neuestes Werk, die Installation ,Travelling Artist‘ von 2018 thematisiert die Gedanken, die Jankowski mit dem Reisen und permanenten Unterwegssein verbindet. Das Video entstand in Kyoto in Zusammenarbeit mit einem Bondage-Studio. „Jede gelebte Obsession ist gleichzeitig ein befreiender und ein beschränkender Akt.“ Diese beiden Seiten führt er in seinem Werk  zusammen, als er sich dort von einer japanischen Fesslungskünstlerin zusammen mit seinem gesamten Reisegepäck gekonnt verknoten und an Seilen unter die Decke hängen ließ: Wenn man frei ist, ist man auf der anderen Seite eben auch unfrei. Gegensätze, Dualitäten informieren oft meine Kunst: Es gibt immer viele Antworten, und der Betrachter ist eingeladen, sich selbst zu orientieren und seinen eigenen Standpunkt zu finden. Etwas bubenhaft Verschmitztes umgibt seine Augen.

Er lächelt viel und ist überraschend offen im Gespräch. Mit Christian Jankowski ist man schnell im Du – dass er mit den Menschen auf Augenhöhe arbeitet, steht außer Frage. „Doch bei allem Spaß an und mit der Kunst schwingt immer auch ein wenig die Befürchtung mit, nicht für das Richtige erkannt zu werden. „Ich hoffe, dass die Menschen auf lange Sicht hin wahrnehmen, dass  Humor in meiner Arbeit nicht das Ziel, sondern eine Begleiterscheinung ist“, gesteht er. Es scheint aber gerade dieser Balanceakt zu sein, der ihn antreibt: Zum einen sind da die scheinbar unantastbaren Übereinkünfte – und dann ist da der Witz, wie man ihnen begegnet. Beides ist essenziell für seine Kunst. Es geht um Kunst zwischen Menschen, um das Verhandeln gemeinsamer Werte und Bilder. Es sind ernste zeitgenössische Fragen, die der Wahlberliner mit seinen Werken aufwirft.

Und wie sieht das in der Praxis aus? Ein gutes Beispiel gibt ,Casting Jesus‘, eine Performance und Videoarbeit aus dem Jahr 2011. In monatelanger Vorarbeit und mit viel Überredungskunst schaffte es Jankowski, drei Vertreter des Vatikans für sein Kunstprojekt zu gewinnen. In ,Casting Jesus‘ wird kein Geringerer als ein neuer Jesus von der katholischen Kirche gesucht. Der neue Erlöser wird also nicht von Gott gesandt, sondern die Kirche selbst entscheidet, wer für diese Rolle geeignet ist. Dabei bedienen sich die römischen Kirchenvertreter eines bereits tausendfach bewährten Fernsehformats: der Casting-Show. 13 Schauspieler wurden zuvor von einer Casting-Agentur ausgewählt, sich für den neuen Jesus-Job vor den Augen des Vatikans zu bewähren. Statt Dieter Bohlen sitzen die Geistlichen als Jury am Tisch, orchestrieren und kommentieren das Geschehen – die neuen ‚Jesuse‘ müssen zeigen, wie sie Brot brechen und ihr Kreuz zur Schau tragen. Man mag es fast nicht glauben, dass sich die katholische Kirche so weit für die Kunst geöffnet hat. Und er geht sogar noch einen Schritt weiter: Jankowski gewinnt die Kirche für sein Kunstvorhaben und schafft so einen Rollentausch und Perspektivwechsel. Denn über Jahrhunderte war es an der Kirche, Gottesbilder bei Künstlern in Auftrag zu geben. In Casting Jesus ist es ein Künstler, der die Kirche mit der Findung eines Gottesbildes beauftragt.

„Ich wehre mich gegen eine Kunst, die einem vorschreibt, wie man sie zu verstehen hat“, erklärt Jankowski. Gerade in Performances, in denen er den Beteiligten nur den Rahmen vorgibt und dann der Kunst ihren Lauf lässt – so wie bei ‚Casting Jesus‘ – passiert nicht nur etwas in der Kunst. Es passiert auch etwas mit den beteiligten Menschen. Jankowski sagt: „Mich interessiert es, kollaborationen zwischen Menschen aus unterschiedlichsten Professionen zu initiieren. Die neuen Bilder, Sichtweisen, Regeln, Sprachen, Perspektiven, die sich aus solchen Begegnungen ergeben, werden in meinen Kunstwerken sichtbar gemacht. Oft entsteht dabei ein Gesamtbild aus zwei Welten, das ist das Spannende.“

Und so sitzt er an dem fünf Meter langen Tisch in seinem Atelier und erinnert sich an die vielen Begegnungen, nennt Namen von Menschen, Projekten, Ländern. Passenderweise bekommt er noch während des Interviews eine WhatsApp von Pastor Peter Spencer aus Texas, einem TV-Prediger, mit dem er vor über 15 Jahren zusammengearbeitet hat, was zeigt: Jankowski ist ein wahrer Vernetzer in seiner Kunst, und Menschen, mit denen er gearbeitet hat, bleiben über Jahrzehnte mit ihm in Kontakt. „Meine Kunst entsteht in sozialen Systemen“, sagt er. Beispielhaft dafür auch seine Performance ,Dienstbesprechung‘ im Kunstmuseum Stuttgart aus dem Jahr 2008. Im Rahmen seiner Ausstellungsvorbereitungen ließ er alle Angestellten des Museums per Losverfahren ihre Rollen tauschen, sodass die Direktorin zur Veranstaltungstechnikerin und der Angestellte des Sicherheitsdienstes zum Kurator ernannt wurden. „Noch heute sprechen mich diese Mitarbeiter an, wenn ich in das Museum gehe, weil sie diese Erfahrung nachhaltig berührt hat“, erzählt Jankowski mit sichtbarer Freude.

Ein Projekt ähnlichen Kalibers könnte sich Jankowski auch in Göttingen vorstellen. Noch ist es nicht spruchreif – aber so viel sei verraten: Aktuell steht er im regen Austausch mit der Sparkasse Göttingen über ein neues Kunstprojekt. Es wird Teil der Förderung ‚Kunst am Bau‘ für das Sparkassen-Forum, das im Mai 2019 seine Eröffnung feierte. Zur damaligen  Pressekonferenz waren neben den Künstlern Tobias Rehberger und der Lichtkünstlerin Claudia Wissmann auch Jankowski mit seiner Mutter geladen. Hat Göttingen demnächst vielleicht ein Performance-Museum in der Stadt? Ein Knaller wäre es allemal …

Auf dem Schreibtisch in Berlin jedenfalls stapeln sich bereits Zettel mit neuen Anfragen für Ausstellungen, Projekte, Kataloge – lauter DIN-A4-Blätter, sorgfältig aneinandergetackert. „Ich kann einfach nicht digital“, ist das Statement dazu. Auch im Leben des Christian Jankowski zeigen sich die Extreme: Er lebt analog, und seine Kunst ist multimedial. Videoperformance vs. Zettelwirtschaft. Widersprüche, die zum Leben gehören.

Und obwohl er wahrscheinlich mehr als erträumt erreicht hat – einen lang gehegten Wunsch habe er da noch, wie er uns verrät: „Bisher kam es noch nie zu einer Begegnung mit Gerhard Steidl – ihn möchte ich gern einmal kennenlernen!“ Neben seiner Familie, die noch in Göttingen lebt, gibt es also immer wieder Gründe für
den berühmten Sohn der Stadt, zurückzukehren.