Temporeich abgeschossen

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Tobias Kintzel

Ob aus dem Rennwagen mit 300 Sachen oder beim Flugzeug-Cockpit mit Reisegeschwindigkeit 900: Kameras von Kappa aus Gleichen liefern das Hautnah-dabei-Gefühl.

Es ist legendär und außergewöhnlich: das seit 1923 ausgetragene 24-Stunden- Rennen von Le Mans. Teile der Rennstrecke werden im Alltag für den normalen Straßenverkehr genutzt – mit Tempolimits versteht sich. Während der Langstrecken- Rennen erreichen die professionellen Fahrer auf diesen Abschnitten Geschwindigkeiten von mehr als 300 km/h. Die Zuschauer sichern sich die besten Plätze an den Schikanen und in den Kurven, um nah an den Duellen der Fahrer zu sein und die Wettkampf- Atmosphäre hautnah mitzuerleben.

Aber auch zu Hause vor dem Fernseher kommen Motorsport-Fans auf ihre Kosten: Denn die französische Produktionsfirma Amp Visual TV liefert Livebilder aus der Perspektive der Piloten – eingefangen mit den Kameras von Kappa optronics aus Gleichen. Die Spezialisten für Sportberichterstattung mit bewegten Bildern hatten sich an Kappa gewendet und nach einer robusten, vibrationsfesten Kamera gefragt, die aus den Cockpits der Rennfahrzeuge Livebilder in HD-Qualität liefern sollte.

„Unsere Kunden fragen bei uns in der Regel nach Kameralösungen für ganz konkrete Anwendungsfälle“, erläutert Hubertus Dornieden, der seit 2013 gemeinsam mit Firmeninhaber Jürgen Haese die Geschäfte von Kappa führt. Ein grundlegendes Verständnis der Prozesse der Kunden und der damit verbundenen Rahmenbedingungen sei dabei die Basis für die Entwicklung. Und so schauten Kappa-Mitarbeiter im Jahr 2012 zunächst beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans den Fernsehtechnikern über die Schulter.

Im Anschluss an diese Feldstudie brachten sie der eigenen Full-HD-Kamera Tauri2, die vorher als Industriekamera eingesetzt worden war, die speziellen Anforderungen der Sportberichterstattung bei. Das Ergebnis war eine schock- und vibrationsfeste Onboard- Kamera mit einer angepassten Farbreproduktion und neuen Bildformaten, die auch bei bis zu 340 km/h störungsfrei Full-HDBilder aus der Fahrerperspektive überträgt. Bereits seit 30 Jahren beschäftigt sich Kappa mit dem Aufnehmen, der Verarbeitung und der Kommunikation von Bildern.

Im Lauf der Zeit hat sich ein modular aufgebautes Technologie-Portfolio mit widerstandsfähigen Hochleistungskameras entwickelt. „Unsere Kameras lassen sich gut in übergeordnete Kunden-Systeme integrieren“, sagt Dornieden. „So schaffen wir individuelle, für eine Anwendung optimierte Lösungen – Standard- Kameras für den anonymen Markt bieten wir nicht an.“

Das Unternehmen aus Südniedersachsen ist international und mit Branchenfokus unterwegs: Beliefert werden Unternehmen aus der Luftfahrt, aus der Mikroskopie, der Automobilbranche und aus der Medizintechnik. Die Beispiel-Kameras, die der 49-Jährige präsentiert, sorgen für Erstaunen. Sie sind kompakt, leicht und sehr stabil. Und sie sind kleiner als vermutet: Ihre Größe erinnert etwas an die seit den 1980ern berühmten Zauberwürfel von Rubik.

Für die Luftfahrtindustrie ist besonders interessant an den Kappa-Kameras, dass sie auch unter schwierigsten Umgebungsbedingungen höchste Signalqualität bieten. Schon seit 2004 sind die mit Messinstrumenten vollgepackten Testflugzeuge auch mit Kameras der südniedersächsischen Experten ausgerüstet. Während der Tests im Zulassungsverfahren für die Flugzeuge werden z.B. die Funktionen der Landeklappen bei allen Witterungsverhältnissen oder das Strömungsverhalten im Windkanal überwacht.

Entwickelt hat sich dieser Bereich aus den Kundenbeziehungen im Serienflugzeuggeschäft, wo Kameras von Kappa für die Überwachung des Cockpits, der Kabine und des Frachtraums oder auch für die Sicherung der Flugzeugumgebung auf kleineren, weniger intensiv bewachten Flughäfen zum Einsatz kommen. „Ohne unsere Kameras könnten Piloten den Airbus A380 nicht sicher auf dem Flugfeld auf dem Weg zum Start oder nach der Landung steuern“, sagt Dornieden und zeigt damit ein weiteres, als ,Taxi Aid‘ bekanntes Einsatzszenario auf. Kein Wunder: Das vierstrahlige Großraumflugzeug ist je nach Typ bis zu 80 Meter lang und hat eine ebensolche Flügelspannweite.

Auch das bei Fluggästen in modernen Langstreckenflugzeugen beliebte ‚Mitfliegen‘ wird erst mit Technologie von Kappa möglich. Die Passagiere wählen über das Inflight-Entertainment-System eine der außen installierten Kameras und können Start oder Landung sowie Panoramaaufnahmen während des Fluges mitverfolgen. Die Kameras arbeiten auch in 11.000 Meter Höhe, wo bis zu minus 56 Grad Celsius herrschen, eisfrei und ohne zu beschlagen. Kappa hat zwei Schwerpunkte: Der eine liegt auf Kleinserien mit bis zu 3.000 Einheiten, in Ausnahmen produziert das Unternehmen auch bis zu 20.000 Exemplare.

Der andere ist die Entwicklung von Prototypen oder hochkomplexen Systemen in kleinen Stückzahlen. „Kunden binden uns, gerade wenn es um die Entwicklung neuer Ideen und die Umsetzung von Visionen geht, früh in ihre Projekte ein“, sagt der innovationsgetriebene Geschäftsführer. Von den 120 Mitarbeiter sind mehr als 40 im Bereich Forschung und Entwicklung tätig, suchen nach Trends und begeben sich auf technologisches Neuland. „Wir übernehmen gerne Risiken, steigen bei anspruchsvollen Aufgaben nicht aus. Auf Experimente lassen wir uns trotzdem nicht ein“, betont Dornieden. Sichergestellt wird das durch eine klare Rollenverteilung in den für jedes Projekt neu zusammengestellten Teams sowie die sorgfältige technologisch und kaufmännische Abklärung der Rahmenbedingungen. Besonders geschätzt wird diese Arbeitsweise offenbar von der Auto mobilindustrie, für die Kappa als Kameraentwickler Innovationen für Konzeptfahrzeuge und Serie auf den Weg bringt. „Es geht vor allem um zukunftsweisende, sicherheitsrelevante und damit zulassungspflichtige Sichtsysteme für Fahrzeuge der nächsten und übernächsten Generation.“

Bewundern kann man das Ergebnis zum Beispiel in Form des digitalen Außenspiegels des VW XL1, des ‚Ein-Liter-Autos‘ des Volkswagen-Konzerns. Die komplexe Kameralösung von Kappa ist in die Flügeltüren integriert und ersetzt die konventionellen Seitenspiegel. Die Bilder der Kamera werden ohne Zeitverzögerung auf die Monitore im Cockpit übertragen. Die Entwicklungspartner Volkswagen- Konzern und Kappa wurden für diese Lösung 2012 mit dem Göttinger Innovationspreis ausgezeichnet. Im Januar 2014 hat VW mit der Produktion von derzeit geplanten 200 Fahrzeugen begonnen, und das Kappa-System ist so das erste seiner Art mit Straßenzulassung.

Nicht ohne Stolz berichtet Dornieden von der Mitarbeit an automobilen Visionen: „Wir beschäftigen uns heute schon mit Fahrzeugen, die erst im Jahr 2022 auf den Markt kommen.“ Gemeint ist die benzinelektrische Hybridlimousine, der Eolab, von Renault. Auch hier übernehmen Kameras und Displays die Arbeit der klassischen Außenspiegel. Ein anderes Fahrzeug der Zukunft, an dem Kappa mitgewirkt hat, hatte Anfang März Premiere auf dem Autosalon Genf. Rinspeed, die Firma des Schweizer Auto-Visionärs Frank M. Rinderknecht, stellte dort das Concept Car Budii vor. Im Budii ist ein sehr lichtempfindliches Kameramodul von Kappa in ein Fahrerassistenzsystem integriert, das die Daten eines Laserscanners mit denen der Kamera zu einer Echtzeit-3-D-Ansicht kombiniert – damit kann das Fahrzeug im Offroad-Einsatz alle Hindernisse autonom erkennen und umfahren.

Diese Leuchtturm-Projekte haben, so Dornieden, vier Vorteile: Sie sind Werbung mit internationaler Wirkung, sie sorgen dafür, dass Kappa frühzeitig in neue Markt- und Technologie-Entwicklungen eingebunden ist, aus ihnen lassen sich neue Anwendungen für die Technik ableiten, und sie sichern einen stetigen Strom von Bewerbern, die nach spannenden Aufgaben in einem innovativen Unternehmen suchen.

Er ist froh, dass Kappa den Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften zum größten Teil in der Region decken kann. Die Kooperation mit der Hochschule HAWK, z.B. bei Bachelor- oder Master arbeiten oder auch bei der Förderung von Studenten über das Deutschlandstipendium, laufe wunderbar. Kappa habe so schon viele talentierte Nachwuchskräfte gefunden, die schnell eingebunden und mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut werden konnten. „So stimmt die Mischung aus Jung und Alt.“ Und offenbar ist es genau diese Mischung, die Kappa die nötige Innovationskraft für die sich so schnell entwickelnde Branche sichert.