©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Fast ein wenig unscheinbar und wohl immer noch als Geheimtipp gehandelt, findet der aufmerksame Besucher in Walkenried ein ursprüngliches japanisches Restaurant, das sich auf die Wurzeln dieser Kultur besinnt. faktor besuchte den ,Klosterhof‘ und sprach mit Wolfgang Nitz.

Als Wolfgang Nitz vor fast 50 Jahren die Gangway des Frankfurter Flughafens entlangrennt, um seinen ersten Flug nach Japan zu erwischen, ahnt der damals 22-Jährige nicht, dass er einmal sein halbes Leben im Land der aufgehenden Sonne verbringen wird. Nicht einmal vor dem Hintergrund, dass er bis zu diesem Zeitpunkt bereits ein umtriebiger Mann war: In Ostberlin geboren und aufgewachsen, zog er nach dem Mauerbau im August 1961 in den Westteil der Stadt, machte sein Abitur und studierte in der Schweiz internationales Recht. Ein kleines japanisches Restaurant in einem Örtchen mitten im Südharz war nicht das Ziel seiner Reise. Und doch fand der promovierte Germanist genau dort vier Jahrzehnte später eine zweite Heimat.

Wer das alte Fachwerkhaus auf dem ehemaligen Klostergelände in Walkenried betritt, wird zunächst nicht von der typisch japanischen, sehr minimalistischen Einrichtung begrüßt. Vielmehr lebt hier der Charme einer alten Wirtsstube weiter. Erst bei genauerem Hinsehen zeigen sich japanische Einflüsse. Auf einem rustikalen Büfettschrank stehen rechts und links auch Europäern vertraute Objekte mit großen Augen. „Die winkenden Katzen sind Geschenke von Gästen“, erzählt der heutige Gastronom, so wie er zu fast allem in seinem Restaurant etwas erzählen kann. Ob über die original japanischen Zeichnungen und Drucke an den Wänden, die alten Teetassen aus dem 17.  Jahrhundert, die im ehemaligen Schankraum in massiven Holztruhen verwahrten über 80 Teesorten – für Genießer wahre Schätze – oder auch über seine Frau, die er einst aus dem Land des Lächelns mitgebracht hat.

„Meine große Tochter hat in Japan noch gelernt, traditionelle Teezeremonien durchzuführen. Das können unsere Gäste auch hier erleben“, erklärt der stolze Vater. Zwei Töchter hat er. Beide studieren in Deutschland. Sie waren der Grund, warum sich Wolfgang und seine Frau Chizuko Nitz nach vielen Jahren in Japan wieder stärker nach Europa orientierten und heute nicht nur ihren Urlaub in dem ursprünglich als Ferienhaus gedachten Klosterhof im Harz verbringen. Als Familie kamen sie nach Walkenried, und als Familie führen sie nun seit vier Jahren auch das Restaurant. Die Töchter Aya und Hanna, 20 und 24 Jahre alt, sind häufig dort anzutreffen, um Gäste, die e xtra aus Erfurt, Göttingen und sogar aus Hamburg anreisen, zu bewirten.

„Mein Leben zeigt durchaus eine Analogie zur klassischen Heldengeschichte, in welcher der Protagonist zweimal in die Ferne ziehen muss“, sagt Wolfgang Nitz mit einem Lächeln auf den Lippen. „Erst beim zweiten Aufbruch besiegt er den Drachen und bekommt zum Dank die Königstochter.“ Jugendlicher Schalk blitzt in den Augen des 70-Jährigen auf, als würden mit einem Mal Tausende kleine Erinnerungen wachgerufen, die mehr als eine Geschichte füllen könnten. Und tatsächlich zog auch er zweimal nach Japan.

Sein erster Aufenthalt dauerte neun Jahre. „Zunächst wurde ich bloß von jemandem nach Hiroshima eingeladen, um dort für ein Jahr als Lektor zu arbeiten“, erzählt Nitz. „Aber als das Jahr um war, wollte ich bleiben. Es hatte mir noch nicht gereicht.“ Er blieb. Ging nach Tokio und arbeitete für acht Jahre am Goethe-Institut.

„Japan ist ein fantastisches Land. Solange man sich an die Regeln hält.“ Der Germanist erinnert sich noch gut daran, wie er das erste Mal in Tokio landete und am Flughafen das Schild mit der Aufschrift sah: „Welcome to Japan. Please follow the rules.“ Und auch, wenn es Jahrzehnte her ist, merkt man ihm an, dass diese Worte ihn nicht etwa abschreckten – vielmehr, so scheint es, hat Nitz diese Weisheit akzeptiert und verinnerlicht: „Sich daran zu halten, vereinfachte das Leben oft …, dar an hat sich nichts geändert.“ Für ihn gelten in Japan ohnehin bis heute, auch nach all der Zeit, andere Regeln. „Als Ausländer bleibst du dort für immer ein Ausländer, von dem einfach nicht erwartet wird, dass er gut Japanisch spricht.“ Auch das gehöre zu den Regeln.

Anfang 30 kam Nitz zurück nach Deutschland. Er wollte noch einmal etwas anderes machen, und auch das Goethe-Institut legte ihm nahe, er solle, wenn er weiterkommen wolle, noch einmal studieren – Germanistik und Philosophie. Das tat er, promovierte und bewarb sich über den DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) erneut für einen Auslandaufenthalt. „Nachdem ich schon viele Jahre in Tokio gelebt hatte, wollte ich nun eigentlich gern einmal ein anderes Land erkunden“, erzählt Nitz. „Doch der DAAD suchte dringend jemanden mit Japanerfahrung, den sie – wie sie sagten – ins Moloch Tokio schicken könnten. Also ging ich zurück.“

Das war 1989, im Jahr der Wende. Dass Genscher nach Prag fuhr, dass es überall in Deutschland nach Veränderung roch, dass die Grenzen wirklich geöffnet wurden – all das bekam der frisch berufene Professor nur aus weiter Ferne mit. Doch auch dort hielt das Leben einige Überraschungen für ihn bereit. Denn Nitz kam nicht wie gedacht nach Tokio, in eine Metropole, in die man als Fremder eintauchen kann und in der es möglich ist, Bücher, Brot oder Käse zu kaufen. Sein Weg führte ihn zunächst nach Himeji, mit rund 500.000 Einwohnern für japanische Verhältnisse eine Kleinststadt, die sich zu Tokio größenmäßig verhält wie Walkenried zu Hamburg – und die ungewöhnlich provinzielle Herausforderungen mit sich brachte. Das Internet beispielsweise steckte hier noch in den Kinderschuhen, und eine einfache Buchleihe aus Europa dauerte schon mal bis zu einem halben Jahr – unvorstellbar für einen Gelehrten. Zudem war Nitz hier der einzige Ausländer im Viertel und daher Zielscheibe neugieriger Nachbarn. „Für Japaner sind übrigens alle Deutschen musikalisch, da wir die Erben von Bach und Beethoven sind. Und so nahmen sie mich regelmäßig mit zum Karaoke … dabei bin ich gänzlich unmusikalisch.“ Der 70-Jährige erzählt und lächelt vor sich hin. ‚Love me tender‘ war die einzige englischsprachige Platte, die das Karaokestudio besaß – so entstehen unvergessliche Erinnerungen.

Erst Jahre später zog Nitz weiter in die 60 Kilometer entfernte 1,2 Millionenstadt Kobe. Hier traf er auf Menschen, die ihm halfen, als Ausländer weniger entbehrungsreich zu leben, und dann endlich auch auf seine ‚Königstochter‘. Hier änderte sich sein Leben. Nitz gründete eine Familie. Er übernahm den Vorsitz der Deutschen Schule, war Mitbegründer der ostasiatischen Germanistenkonferenz und bekam einen Lehrstuhl in Osaka. Japan wurde ihm zur Heimat und bis zum heutigen Tag zu seinem Erstwohnsitz.

Die junge Familie hatte nun häufig Gäste aus dem Ausland zu bewirten, und so besuchte seine Frau Chizuko Kurse für makrobiotische Küche, damit sie auch original japanisches Essen servieren konnten. Die Makrobiotik ist eine Ernährungsweise, die auf der traditionellen japanischen Küche, ‚Washoku‘ genannt, beruht. Fleisch und Milchprodukte sowie Eier sind darin nicht vorgesehen. Fisch in geringen Maßen. Wie wertvoll diese Küche tatsächlich ist, zeigt sich auch in der Ehrung, mit welcher sie 2014 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Das Lob der Gäste und ihre große Leidenschaft für die Zubereitung gesunder Speisen ließen Chizuko Nitz schließlich zu einer so guten Köchin werden, dass hier der Grundstein für ein eigenes Restaurant gelegt wurde.

Vor einigen Jahren dann fällte die Familie einen entscheidenden Entschluss: Um im Alter wieder einen Großteil der Zeit in Deutschland zu verbringen, machte man sich auf die Suche nach einem Feriendomizil – und stieß dabei auf das leer stehende Haus mit Gaststube in Walkenried, in dessen Saal einst Kinoaufführungen und Tanzstunden stattfanden. Der Harz als Rückzugsort aus einer Millionenstadt mit ihrer Hektik und einem Überangebot an allem schien perfekt. Hier wollte sich die Familie niederlassen – auch langfristig. Die Küche ließen sie komplett umbauen, sodass sie den Ansprüchen japanischer Kochweise gerecht wurde, und im Jahr 2014 öffneten sie die Türen für eine neue Harz-Attraktivität.

„Bei uns gibt es heute echte reine japanische Küche“, sagt Nitz mit Nachdruck in der Stimme. „Kein asiatischer Streifzug durch die Kulturen Koreas, Vietnams und Chinas.“ Wenn der Akademiker auch hin und wieder etwas distinguiert wirkt, so bringt ihn das Reden über die Esskultur Japans ins Plaudern, ja regelrecht ins Referieren. „Für Reis gibt es im Japanischen mehr als 20 Wörter, was seine immense Bedeutung verdeutlicht. Er dient dort nicht als Sättigungsbeilage wie in Deutschland, Reis ist die Hauptsache“, erklärt er voller Leidenschaft. „Alles andere sind Zuspeisen, die nach bestimmten Voraussetzungen angeordnet werden.“ Und so werden die Köstlichkeiten in Walkenried auch ausschließlich nach genau dieser uralten Tradition gereicht. Denn wenn zu einem Gericht keine Soße gehört, dann wird auch keine serviert! So sind die Regeln.

Der Professor ist angekommen, im Zentrum von Walkenried. Dem Ort, wo sich im 12. Jahrhundert Zisterziensermönche niederließen, die den Überlieferungen nach einst 365 Teiche anlegten, um für jeden Tag des Jahres einen zum Leerf ischen zu haben. Schon damals waren gesunde Mahlzeiten und gutes, einfaches Essen von immenser Bedeutung. Ein guter Ort also für einen Menschen, der sich seit über 34 Jahren in der Kunst des Zens übt und der die japanische Küche in ihrer ursprünglichen und eben einfachen Form zum Leben erweckt. Es ist, als käme in Walkenried zusammen, was sich als lose Fäden durch sein Leben zog: Geselligkeit, Kontemplation und das Zusammenführen fremder Kulturen. Ein guter Ort für Wolfgang Nitz und seine Familie.