Starkes Bindeglied

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Text von: Sebastian König

faktor porträtiert den Wirtschaftsstandort Hann. Münden, der sich still und leise zu einer wichtigen regionalen Säule entwickelt hat.

Schüchtern, zurückhaltend und ein wenig medienscheu – so lautet der erste Eindruck von den Hann. Mündener Unternehmen. Dass diese of- fensichtlich ungern mit ihren Erfolgen und Produkten „hausieren“ gehen, ist natürlich ein sympathischer Zug. Die in diesem Artikel angestrebte Abbildung des Wirtschaftsstandorts erschwert es aber ungemein. Dabei muss sich die mittelständisch geprägte Region zwischen Göttingen und Kassel keineswegs verstecken. Denn ist das Eis erst einmal gebrochen, offenbart sich eine vielfältige Wirtschaftsstruktur mit einer Reihe spannender Unternehmen und interessanter Produkte.

So fahren zum Beispiel viele Autos auf deutschen Straßen mit Präzisionsbauteilen der Firma metallumform GmbH. Verkaufsleiter Axel Hinder sagt sogar: „Ohne uns würde der Verkehr nicht rollen.“ Seit 1971 fertigt das Unternehmen Kugelnaben, Zahnräder und Flansche für die Automobilindustrie. Verbaut werden die in Getrieben, Motoren, Antriebswellen und Pumpen. Dass mehrere große Autobauer auf Teile der metallumform setzen, liegt unter anderem an der großen Fertigungstiefe. „Wir übernehmen nicht nur die mechanische Bearbeitung mit drehen, fräßen und bohren, sondern schmieden auch selbst“, sagt Hinder. Und das ist außergewöhnlich, denn im Umkreis existiert nur noch eine weitere Schmiede – die von VW in Baunatal. Zu dieser besteht ein gutnachbarschaftliches Verhältnis. „Wir helfen uns von Zeit zu Zeit sogar gegenseitig aus.“

Hier geht Hann. Münden in Bezug auf die allseits geforderte regionale Vernetzung mit gutem Beispiel voran. Die Stadt hätte in einer gemeinsamen Region Südniedersachsen ohnehin ihren Platz sicher. Nicht nur als Bindeglied zwischen Kassel und Göttingen, sondern auch als passender Standort für Mittelständler. „Als mittleres Unternehmen fühlen wir uns hier sehr wohl“, bestätigt Hinder und verweist in erster Linie auf die treuen Mitarbeiter. Dennoch gibt es Verbesserungswünsche: „Wir brauchen ein aktiveres Miteinander von Politik und Wirtschaft, um den Standort für die kommende Mitarbeitergeneration attraktiv zu gestalten.“

So müsse die Wahrnehmung der örtlichen Betriebe durch die Integration und Bewerbung in der Beschilderung gestärkt werden.
Dazu wird neben der sehr guten touristischen Identität eine Schärfung der wirtschaftlichen Identität gefordert. So ließen sich die Vorteile der Region noch besser nutzen. Zu diesen Vorteilen zählt Helmar Laddach, Prokurist der Conexa-Gruppe, vor allem die Zugriffsmöglichkeiten auf die Ressourcen der angrenzenden Oberzentren. „Wir können sowohl aus Südniedersachsen als auch aus Nordhessen Personal generieren, Dienstleistungen beziehen und auf zwei Universitäten zugreifen.“

Mit diesen Möglichkeiten im Rücken hat sich die recht junge Conexa-Gruppe in der von Großkonzernen geprägten Branche für Präzisionsarmaturen durchgesetzt. 1986 als Tochter der metallumform gegründet, ist sie inzwischen eigenständig und unterhält eine weitere
Produktionsstätte im thüringischen Königssee. Das Produktportfolio umfasst Rohrverschraubungen, Flanschverbindungen, Schlaucharmaturen und Edelstahlrohre. Die Einsatzgebiete reichen von Landmaschinen über Sprinkleranlagen bis zu Bohrinseln. Als Wettbewerbsvorteil hat sich vor allem die mittelständische Prägung erwiesen. „Wir können wesentlich flexibler und schneller agieren als unsere großen Mitbewerber.“
Darüber hinaus kann sich Conexa auf die Zugkraft von „Made in Germany“ verlassen. „Präzisionsprodukte aus Deutschland sind nach wie vor hoch angesehen.“

Für die Zukunft plant die Gruppe weiteres Wachstum. „Wir wollen unsere beiden Standorte ausbauen, um Großserien fertigen und den erhöhten Warenumschlag bewältigen zu können.“ Durch die neu erschlossenen Gewerbeflächen, zum Beispiel in Hedemünden, seien in Hann. Münden gute Voraussetzungen gegeben.

Neben ausreichenden Flächen hebt Nils Altmann, Prokurist der Schedetal Folien GmbH, einen weiteren Standortfaktor hervor: „Wir befinden uns im Drehkreuz Europas mit Autobahnanbindungen in alle Richtungen, fünf gut erreichbaren Flughäfen sowie der Containerverladung in Kassel.“ Dies erleichtert die Betreuung und das Beliefern der Kunden, die sich, im Fall von Schedetal Folien, über den gesamten Globus verteilen. Bei der Projektakquise hilft ebenfalls die gute Lage. „In Göttingen und Kassel sind viele weltweit aktive Architekten ansässig, über die wir Aufträge akquirieren können“, sagt Altmann. Momentan bewirbt sich Schedetal Folien für den Umbau des Uni-Klinikums in Göttingen und plant eine Bauwerksabdichtung für ein Automobilwerk in Aserbaidschan. Neben der Gebäudeabdichtung für Flachdächer und
Dachbegrünungen liefert Schedetal auch Spezialfolien für Schwimmbäder, Teiche, Tunnel und Brücken. Dabei kann das Unternehmen auf mehr als 100 Jahre Erfahrung bauen.

„In dieser Zeit haben wir festgestellt, dass der Erfolg mit persönlichem Kundenkontakt, ständiger Forschung und Entwicklung sowie gut ausgebildeten Mitarbeitern zusammenhängt“, berichtet Altmann. Wobei er festgestellt hat, dass hochqualifizierte Mitarbeiter trotz gutem Gehalt nur schwer in Hann. Münden zu halten sind. Für Altmann liegt ein Grund auf der Hand: „Die ländliche Region tut sich im Wettbewerb mit den angrenzenden Oberzentren schwer.“ Seit dem Rückzug der Bundeswehr hätten die Freizeitangebote nachgelassen. Außerdem gäbe es bei den weiterführenden Schulen keine Auswahl. „Ein Punkt, auf den qualifizierte Mitarbeiter achten, und bei der Wohnortwahl lieber nach Göttingen oder Kassel ausweichen.“ So lange sie allerdings lediglich dort wohnen, bleiben sie zumindest in vielen Fällen den Mündener Unternehmen als Arbeitskräfte erhalten.

Dass Menschen dennoch gern in Hann. Münden arbeiten, könnte unter anderem an den interessanten Aufgaben bei den ansässigen Firmen liegen. Ein Beispiel liefert die Firma Ulrich Tryzna Verpackungen. Auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne fertigt und lagert das Un- ternehmen alle Komponenten der Verpackung. Ein Schwerpunkt sind Wellkisten in diversen Größen und für nahezu jedes Transportgut. Dazu umfasst das Portfolio Verpackungsfolien, Polstermaterial und Packmittel sowie Paletten aus Wellpappe. „Die sind äußerst stabil und haben sogar schon Autos getragen“, erklärt Geschäftsführer Ulrich Tryzna. Neben der Serienproduktion kann Tryzna auch flexibel auf individuelle Kundenwünsche reagieren und Produkte in kleinen Stückzahlen auflegen. „Dabei sind wir immer auf der Suche nach der besten Ver- packungslösung für unseren Kunden.“

Arbeiten, wo andere Urlaub machen

Hin und wieder stoßen die Entwickler auch auf außergewöhnliche Nutzungsmöglichkeiten für die Pappe. So wurde der flexible Werkstoff zum Beispiel zum Rennwagen für Seifenkistenrennen oder zum Spielhaus für Kinder. Aber auch praktische Lösungen wie Stühle, Tische oder Kommoden sind möglich. Zuletzt wurde mit dem „Archivy“ eine Lösung zur Aufbewahrung von bis zu 240 Ordnern konzipiert und patentiert. „Der Fantasie sind mit Wellpappen kaum Grenzen gesetzt“, sagt Tryzna, den sein liebster Werkstoff auch nach 40 Jahren immer wieder fasziniert. „Es macht einfach großen Spaß, damit zu arbeiten und für die Kunden mit großer Kreativität die passenden Lösungen zu finden.“ Auf die Frage, welche Rolle der Standort Hann. Münden für ihn spielt, antwortet er: „Es ist einfach schön, an einem Ort zu arbeiten, wo andere Menschen Urlaub machen.“ Und tatsächlich ist die Stadt geprägt von interessanten touristischen Zielen, wie der Altstadt, den drei Flüssen oder den grünen Wäldern der Umgebung.

Dabei sind Letztere nicht nur touristisch wertvoll, sondern für das Sägewerk Georg Fehrensen ein wichtiger Standortfaktor. „Die großen und dichten Wälder rund um Hann. Münden sind für uns ein echter Vorteil“, sagt Geschäftsführer Wolf-Georg Fehrensen. Bis zu 80 Prozent des Rohstoffbedarfs deckt Fehrensen aus einem Umkreis von nur 50 Kilometern. Im Sägewerk wird das Holz zu hochwertigem Laubschnittholz für die Möbelindustrie verarbeitet. 75 Prozent der Produktion gehen in den Export – vor allem Richtung Osteuropa und Asien.

Welche Schwierigkeiten der hohe Exportanteil mit sich bringen kann, erklärt Fehrensen: „Momentan schmerzt uns der starke Euro, der es uns erschwert, uns gegen die Konkurrenz aus Osteuropa durchzusetzen.“ Dazu beklagt er die Schieflage zwischen Ost- und Westdeutschland bei der Förderung von Investitionen. „Es ist schon ein Unterschied, ob ich Investitionen in den Maschinenpark zu 100 Prozent selbst tragen muss oder nicht.“

Aktuell hat Fehrensen zudem noch ein weiteres Problem zu lösen. Vor kurzem vernichtete ein Großbrand einige Lager- und Vermessungshallen. Trotzdem blickt der Geschäftsführer zuversichtlich in die Zukunft: „Die Brennstelle ist inzwischen geräumt, und die neuen Gebäude sollen noch vor Weihnachten gerichtet werden, sodass wir unsere Vorräte bald wieder auffüllen können.“ Insgesamt sei die Lage zufriedenstellend. Mit hoher Qualität und Flexibilität gelingt es nach wie vor, sich gegen die Konkurrenz aus Osteuropa zu behaupten. Dazu trage auch die aktuelle Unternehmensgröße bei. „Wir sind groß genug, um ausreichend Vorrat vorhalten zu können, aber nicht zu groß, um nicht individuell auf Kundenwünsche eingehen zu können.“

Die mittlere Größe ist ein Merkmal, das Hann. Münden und seine Betriebe auszeichnet. So wird der Standort von vielen kleinen Säulen getragen, wie Wirtschaftsförderer Jörg Hartung verdeutlicht: „Normalerweise hat ein Mittelzentrum fünf bis acht größere Unternehmen, bei uns sorgen 25 Betriebe für 85 Prozent des Gewerbesteueraufkommens.“ Auf dieser guten Basis gilt es, sich wirtschaftlich weiter zu profilieren. Dabei dürfen die Unternehmen durchaus ein wenig selbstbewusster agieren. Denn schließlich sind sie es, die den Standort mit ihrer erfolgreichen Arbeit zu dem machen, was er für die Region Südniedersachsen ist: ein starkes Bindeglied zu Hessen und Thüringen.