Stadt, Land, Fluss & Schloss

Text von: redaktion

Paradiese vor der Haustür: faktor bereiste eine der schönsten Gegenden Deutschlands und entdeckte Erholsames und Kulinarisches abseits der bekannten Ausflugsziele.

Manchmal genügt es, ein Stück mit dem Fluss zu reisen. Zum Beispiel entlang der Weser. Wählen wir einfach einen Referenzort: Hemeln. Kennt jeder. Waren alle schon mal. Also weiter. Oedelsheim? Gut 15 Kilometer entfernt. Und auch dort überquert eine kleine Fähre nach dem Gierseil-Prinzip den ruhigen Strom. Eine Gastronomie, von der sich des Fährmanns Tagwerk beobachten lässt, existiert ebenfalls. Beide Orte wurden bereits im 11. Jahrhundert urkundlich erwähnt und haben heute jeweils um die 1.000 Einwohner.

Dennoch gibt es gravierende Unterschiede. Hemeln liegt in Niedersachsen und gilt als Eldorado der Ausflügler des Großraums Göttingen; wer Heerscharen von Motorradfahrern bei der Einkehr erleben will, bekommt das entsprechende Phon-Orchester gratis dazu.

Oedelsheim gehört zu Hessen, und in diesem Luftkurort geht es ruhiger zu. Das spiegelt sich schon im Fährbetrieb wider. Zwar gleitet das Wasserfahrzeug wie in Hemeln still durchs Weserwasser, aber wie an den Halteseilen der korrekte Anstellwinkel zur Strömung erreicht wird, klingt schon ein wenig anders. Denn während der Oedelsheimer Fährmann mit Handkurbel arbeitet, vertraut sein Hemelner Kollege auf Motorkraft. Der ungemein beruhigende Blick auf den Fluss lässt sich mit Essen und Trinken angenehm anreichern. Dominiert flussaufwärts klassische Hausmannskost à la „Strammer Max“ oder „Hemelner Wurstplatte“, so bietet das Oedelsheimer „Fährhaus“ eine feine Vielfalt. Als schmackhaft zu empfehlen sind die Fleischgerichte, deren „Rohstoffe“ von einer lokalen Schlachterei stammen. Ob klassische Currywurst oder diverse Schnitzel … Obwohl: Wasser vor der Haustür? Klar: Fisch. Die hausgeräucherten Weserforellen sollte man sich nicht entgehen lassen. Dazu vielleicht einen Mosel-Riesling, für Rotwein-Freunde ein Spätburgunder aus Hessen – oder ein saurer „Äbbelwoi“ von einer Frankfurter Traditionskelterei.

Manchmal genügt es, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Witzenhausen etwa. Wenn rund um das nordhessische Fachwerk-Kleinod die Kirschbäume blühen. Nach dem ‚Alten Land‘ bei Hamburg handelt es sich um Norddeutschlands zweitgrößtes Obstanbaugebiet. Rund 300.000 Bäume mit den „kleinen Roten“ gehören zum Witzenhäuser Land, neue Schätzungen kommen sogar auf 450.000; von Ende April bis Mitte Mai wird alles zu einem weißen, duftenden Blüten-Paradies.

Wer diese Zeit verpasst hat, kann sich im Juni und Juli mit den frischen Früchten entschädigen. Am besten direkt bei einem der zahlreichen Kirschanbauern einkaufen und so rasch wie möglich genießen. Und dann gibt es ja auch noch die Königin, die einmal im Jahr gewählt wird, um als Monarchin das Kirschenland zu repräsentieren. Der Wahlabend gilt als großer Spaß für Einheimische und Gäste und ist 2008 in die 42. Kesperkirmes (11. bis 13. Juli) integriert. Ein spannender Termin aus der Welt der exotischen Sportarten gehört traditionell zum Abschlusstag: die Deutschen Meisterschaften im Kirschstein- Weitspucken. Nebenbei: „Kirschkern“ sagt nur der Laie. Die männlichen „Profis“ erreichen Weiten von fast 20 Metern, die Spuckerinnen bleiben da schon deutlich zurück. Kleiner Tipp: Einfach mal auf den Gesichtsausdruck beim Versuch achten…

Von der Kirsche zur Kirche: Gieboldehausen/ Eichsfeld liegt am Zusammenfluss von Hahle und Rhume. Bereits um das Jahr 1000 scheint nach historischen Erkenntnissen auf dem heutigen Kirchengelände eine Wasserburg gestanden zu haben. Auf deren Trümmern dürfte das spätmittelalterliche zweigeschossige Steinhaus mit einem quadratischen Turm entstanden sein. Johann von Minningerode, genannt der „Römer“, erbaute das Haus auf dem Wall. So wurde die mittelalterliche Burg durch das Aufsetzen zweier mächtiger Fachstockwerke und eines imposanten Dachstuhls in ein Schloss verwandelt und diente im 16. Jahrhundert gleichzeitig als kurmainzisches Amtshaus. Nachdem das Untereichsfeld 1866 wieder zu Preußen gekommen war, besaß das Schloss keine öffentliche Funktion mehr. 1986 wurde es Eigentum des Fleckens Gieboldehausen und steht seitdem musealen, kulturellen und geselligen Zwecken zur Verfügung. Heute wird der Kleine Saal für Lesungen und Literaturtage genutzt, der Schloss-Vorhof mit Außenbühne ist Blaskonzerten wie der „Hubertusmesse“ vorbehalten. Innen finden rund 50 Besucher Platz, draußen im gepflegten Park bis zu 400 Gäste.

Zur Einkehr empfiehlt sich das Restaurant „Amtsrichter“. Vom Schloss sind es nur ein paar Minuten zu Fuß Richtung Stadtzentrum. In den geschichtsträchtigen Gemäuern des ehemaligen Königlich Preußischen Amtsgerichts Gieboldehausen werden gutbürgerliche Küche und mediterrane Spezialitäten serviert. Bei schönem Wetter sitzt man natürlich im Bier- und Weingarten und lässt an alten Wagenrädern direkt neben dem kleinen Teich „die Seele baumeln“.

Manchmal genügt es auch, das Tempo herauszunehmen, zu „entschleunigen“ sozusagen. Dann radelt man nicht zügig entlang des Weser-Fernradweges von Hemeln nach Oedelsheim, sondern gönnt sich in Bursfelde eine Pause. Bekannt ist die 40-Seelen-Gemeinde natürlich durch ihr Wahrzeichen: das Kloster und dessen romanische Kirche mit regelmäßigen Kulturveranstaltungen. Aber wer entdeckt auch den kleinen Laden auf der anderen Straßenseite, wo „Kunst-Stücke“ von lokalen Handwerkern und Kreativen den gemütlichen Verkaufsraum füllen? Dazu stehen Weine nach jahrhundertealten Rezepten der Mönche im Regal, geradezu sensationell schmeckt der Likör à la Benediktiner, in dem 27 Kräuter und 35 Volumenprozent Alkohol eine einmalige Allianz eingehen.

Für Naturliebhaber ist die Mündung des Flüsschens Nieme ein absolutes Muss. Die zwei Teiche des „Rote Pump“ bilden den Rest eines nicht ganz verlandeten Altarms der Weser. Somit erlebt man dort auf 200 Kilometern Flusslauf die einzige Weser-Passage mit Auewald-Charakter. Um diese historisch gewachsene Wasser- Landschaft zu erhalten, wurde wieder eine Beweidung mit Rindern und Schafen aufgenommen. Ein Rundweg führt zur Niememündung und folgt auf deren unbefestigtem Weg bachaufwärts zu Informationstafeln über das Projekt.

Wer in Bursfelde gut essen und trinken möchte, ist im Restaurant „Klostermühle“ bestens aufgehoben. Im Sommer lautet das Motto ‚Mediterrane Wochen‘; direkt am Weserufer lockt seit vergangenem Jahr eine zusätzliche Liegewiese. Als Dessert sollte man die Erdbeer-Variationen kosten, zum Bespiel mariniert mit Honig und grünem Pfeffer, dazu hausgemachtes Kokoseis und Schlagsahne … Ungeachtet ihrer unterschiedlichen Angebote sind sich die Wesergastronomen in einem Punkt einig: Wer eine erholsame, gemütliche Einkehr bevorzugt, sollte um einen Wochentag einen Bogen machen – sprich: sonntags nie.