Stadt der Quartiere

Text von: redaktion

EBR-Geschäftsführer und Projektentwickler Borzou Rafie Elizei über Göttingen als ,Stadt der kurzen Wege‘ und die ökologische Verantwortung, die uns alle betrifft.

Im November 2019 hat die EBR Projektentwicklung mit ,Stadt der Quartiere‘ einen außergewöhnlichen Workshop zum Thema Stadtentwicklung veranstaltet. Gemeinsam mit Experten, Wissenschaftlern, Immobilienexperten und Vertretern aus Verwaltung, Politik und Wirtschaft verfolgte die Veranstaltung das Ziel, zukunftsfähige Ideen und Perspektiven für Göttingen zu diskutieren. Im Mittelpunkt stand die Entwicklung nachhaltiger und lebendiger Quartiere. Geschäftsführer Borzou Rafie Elizei erklärt im Interview, wie die EBR nachhaltige Stadtentwicklung vorantreiben will.

Herr Rafie Elizei, hat Ihr Workshop ,Stadt der Quartiere‘ seine Zielsetzungen erfüllt?

Uns ist es tatsächlich gelungen, möglichst viele Gesprächspartner aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen in den Workshop einzubinden und einen Dialog zu etablieren. Wir waren von der Diskussionsfreudigkeit der Teilnehmer begeistert, das Format hat spürbar dazu beigetragen, die unterschiedlichen Interessen des jeweils anderen besser zu verstehen und in die eigene Meinungsbildung einfließen zu lassen. An dieser Kultur des Miteinanders und Dialogs möchten wir im Rahmen unserer Initiative ,Stadt der Zukunft‘ weiterarbeiten.

Warum empfinden Sie einen Dialog zum Thema Stadtentwicklung als wichtig?

Urbanisierung ist einer der Megatrends des 21. Jahrhunderts, eine Herausforderung, die wir gestalten müssen, um von ihr nicht überrannt zu werden. Die Stadtentwicklung der Zukunft kann daher nur als gesamtgesellschaftliche Aufgabe stattfinden. Aktuelle Statistiken beschreiben, dass schon heute 55 Prozent der Menschen weltweit in Städten leben, 75 Prozent der weltweit eingesetzten Energie verbrauchen und 80 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verursachen. Tendenz steigend! Wir leben zudem im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung. Resultat ist eine Vernetzung, die so nie dagewesen ist. Die Mobilität erfindet sich gerade neu. Eine sich rasch individualisierende Gesellschaft muss immer stärker werdenden sozialen Ungleichheiten entgegenwirken. Auch Integration und der Erhalt eines harmonischen Mitein anders sind wichtige Themen. Unser Planet steht ökologisch auf der Kippe, und wir müssen ressourceneffizient und möglichst CO2-neutral denken, planen und bauen. Die Herausforderungen können weder die Gesellschaft noch die Politik, Verwaltung oder Wirtschaft alleine lösen.

Welche konkreten Maßnahmen plant die EBR?

Unsere Projekte beinhalten praktikable und gesellschaftsorientierte Antworten auf die angedeuteten Herausforderungen. Idealerweise werden sie zu einem nachahmungswürdigen ‚Best Case‘. Die Maßnahmen sind bei uns vielfältig und unterschiedlich. Einerseits bauen wir unsere Projekte streng nach Richtlinien von Deutschlands bekanntestem Zertifizierungsinstitut, der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, kurz DGNB. Zum Beispiel den Sparkassen- Neubau am Groner Tor mit Gold-Zertifizierung. Andererseits engagieren wir uns sehr stark gesellschaftlich. Etwa mit dem ,Werkraum‘, einer völlig neuen Theater- und Eventlocation in der Weststadt Göttingens, die einen ganzen Stadtteil kulturell bereichert und bereits ein Jahr nach Eröffnung nationales Interesse weckt. Auch vom Ansatz der ,Stadt der kurzen Wege‘ sind wir überzeugt. Sie beschreibt gut durchmischte Stadtquartiere als Grundlage für maximale Lebendigkeit, funktionierende Nachbarschaften und eine hohe Lebensqualität. Die Quartiere zeichnen sich dabei durch eine Vielzahl an Nutzungsmöglichkeiten aus, die es erlauben, möglichst viele Alltagsaufgaben auf möglichst kurzem Wege zu erledigen, sowie durch eine ausgewogene soziale Durchmischung. Aktuell arbeiten wir zudem sehr stark an den Themen Fassaden- und Dachbegrünung, um unsere Qualitätsstandards in puncto Ressourceneffizienz und CO2-Neutralität zu erhöhen. Vorbild sind hier unter anderem die Projekte des italienischen Architekten Stefano Boeri. Einen ersten Ansatz haben wir mit unserem neuen Bürogebäude im Tuchmacherweg umgesetzt, auf dem ein Biodiversitätsdach installiert wurde. Es bekämpft den Hitzeinseleffekt und trägt zur Insektenvielfalt im städtischen Raum bei.

Wer bewertet eigentlich, was nachhaltig ist und was nicht?

Klar ist, dass hauptsächlich die unterschiedlichsten Bereiche der Gesellschaft deutliche Richtungen vorgeben – idealer weise auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und mit einem Interesse für kommende Generationen. Wenn wir die dynamischen Entwicklungen der Gesellschaft sensibel beachten, lassen sich daraus lokale,
nationale oder auch weltweite Strömungen und Trends ableiten. An ihnen können wir uns sehr gut orientieren,
wenn wir das Ziel nachhaltige Stadtentwicklung verfolgen. Nachhaltigkeitsbewertung übernimmt beispielsweise die DGNB. Um die Qualitäten nachhaltigen Bauens zu erfassen und bewertbar zu machen, hat die DGNB ein ganzheitliches Zertifizierungssystem entwickelt. Es erlaubt uns, die ,Gesamtperformance‘ unserer Entwicklungen zu beurteilen. Die Umwelt, die Menschen und die Wirtschaftlichkeit werden gleichermaßen einbezogen – und das über den gesamten Lebenszyklus. Das hat uns überzeugt. Daher sind wir seit unserer Gründung Mitglied der Gesellschaft.

Wie wollen Sie die Nachhaltigkeitsgedanken der EBR weiter etablieren?

Ich persönlich bin der Überzeugung, dass sich ein modernes Unternehmen fundamental von den Modellen der 1980er- und 1990er-Jahre unterscheiden muss. Weg von ,günstig kaufen, billig bauen und teuer verkaufen‘, hin zur Wahrnehmung gesellschaftlicher und ökologischer Verantwortung. Bezogen auf unseren Wirkungsbereich, bedeutet das für uns, weiterhin und immer mehr auf einen starken gesellschaftlichen Austausch zu setzen. Das machen wir proaktiv, führen Fachgespräche und planen einzelne konkrete Projekte mit internationalen Experten, bringen unsere Expertise gerne als kompetente Meinung in politische Diskussionen ein und suchen weiter verstärkt nach Gesprächs- und Kooperationspartnern aus Wissenschaft und Wirtschaft, mit dem Ziel, neue Ideen und Perspektiven für die Region zu entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch!