©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Junge Menschen, die freitags auf die Straße gehen, machen das Problem sichtbar: So, wie wir derzeit leben, können wir nicht weitermachen. Doch es geht nicht nur um Flugmeilen und CO2-Ausstoß auf den Straßen. Die Projektentwickler der EBR haben eine Vision der Stadt von morgen – in einem öffentlichen Workshop ergaben sich spannende Einblicke.

Sichtweisen ändern, Neues denken und Innovationen leben – das klingt nach Aufbruch und Abenteuer. Ist es auch. Aber gleichermaßen ist es eine städteplanerische Vision. „55 Prozent der Menschen verbrauchen in Städten 75 Prozent der weltweit eingesetzten Energie und verursachen 80 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Als Immobilienentwickler müssen wir uns die Frage stellen: Wie können wir dazu beitragen, dies zu verändern?“, erklärte Borzou Rafie Elizei, Geschäftsführer der EBR Projektentwicklung aus Göttingen am 6. November 2019 in seiner Begrüßungsrede zum Themenabend ,Stadt der Zukunft – Stadt der Quartiere‘.

Der Abend im Sparkassen-Forum wird für die Gäste und den Veranstalter zu einer Zeitreise in die Zukunft, zu einer Vision, die jeder selbst mitgestaltet. „Unsere Initiative ,Stadt der Zukunft‘ beschäftigt sich unter anderem mit der Fragestellung: Wie wollen wir in Zukunft leben? Unsere plakative Antwort lautet: in einer lebendigen, urbanen und nachhaltigen Stadt!“, so Rafie. Doch was bedeutet das?

Städte sind hochkomplexe Gebilde. Fußend auf diversen Ebenen und vielfältigen Strukturen, die miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig bedingen. Die ,Hardware‘ – Infrastruktur und Gebäudebestand – ist vorgegeben und wartet darauf, optimiert und erweitert zu werden.

Wie gestaltet also eine Stadt Wohnraum und Arbeitsräume oder ein vielfältiges Einkaufs-, Kultur-, Freizeitund Naherholungsangebot, um den Anforderungen der Zukunft zu entsprechen? Wie realisiert sie es, nachhaltig zu werden und weiterhin durch eine hohe Lebensqualität attraktiv für ihre Bewohner zu bleiben?

„Die Zukunft der Städte liegt in ihrer Erneuerung von innen heraus, in einer sukzessiven Optimierung der bestehenden Strukturen – dem permanenten Update der Stadt“, sagt Rafie. Die Stadt der Zukunft wächst nicht weiter nach außen, sondern wird innerhalb der bestehenden Strukturen verdichtet. Mehr Gemeinschaft und weniger Vereinzelung. Das Leben außerhalb der eigenen vier Wände soll attraktiver werden – belebte Straßen und Mehrgenerationenprojekte. Eine deutlich frequentiertere Mischung von Menschen, initiiert durch neue Orte der Begegnungen. Das können einladende öffentliche Begegnungszonen sein, aber auch Cafés, Co-Working- und Co-Living-Spaces, Ateliers und Büros innerhalb von Wohngebäuden.Aus einer derartigen Verdichtung der Städte würde letztendlich eine Verdichtung von Beziehungen resultieren.

Quartiere spielen in der zukunfts- und nachhaltigkeitsorientierten Stadtentwicklung eine besondere Rolle. Vielmehr als auf einem einzelnen Grundstück kommen im Quartier eine Vielzahl von  Themen zusammen, die die Menschen in der Zukunft bewegen werden. Im Quartier bildet sich das Spannungsfeld zwischen globalen Herausforderungen – Klimawandel, Migration, Mobilität, sozialer Gerechtigkeit, Ernährung, nachhaltiger Wertschöpfung – und dem Mikrokosmos der individuellen Lebensweisen ab. In Zukunft kommt es darauf an, dass alle Akteure, die in den Quartieren leben und sich dort bewegen, gemeinschaftlich an einer gemeinsam getragenen Vision arbeiten.

Und: Die Stadt der Zukunft wird die Stadt der kurzen Wege. Die Stadt wird zu Fuß erobert. Man stelle sich vor, wie die Emissionswerte sänken, wenn Autos durch kluge Mobilitätskonzepte für Alltägliches gar nicht erst notwendig wären. Zudem versorgen sich private Haushalte dann weitestgehend selbst mit Energie. Dachflächen würden für Energiegewinnung genutzt, aber auch für ,Urban Gardening‘. Gebäudebegrünungen und vertikale Wälder sorgen für ein angenehmes Wohlfühlklima.

Könnte Göttingen diese visonäre Stadt der Quartiere werden? Die EBR Projektentwicklung lud innerhalb ihrer Initiative ,Stadt der Zukunft‘ Vertreter und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung in das Sparkassen-Forum ein, um Impulse zu geben und zu zeigen, wie jeder Einzelne diese Zukunft mitgestalten kann. Das Sparkassen-Forum ist für eine solche Veranstaltung ein gut gewählter Ort. 2018 durch die EBR fertiggestellt, ist es das erste Bauprojekt Göttingens, das eine Zertifizierung der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) in Gold erhielt. Und so war es auch naheliegend, dass einer der drei Impulsvorträge an diesem Abend von einem Vertreter der DGNB gehalten wurde. Stephan Anders forderte die Zuhörer auf, doch einmal in einem kleinen Online-Selbsttest zu schauen, wie ihre CO2-Bilanz aussähe. Der Durchschnittswert für Deutschland liegt bei elf Tonnen pro Jahr. Um die Klimaziele zu erfüllen, müsste dieser Wert auf drei Tonnen pro Jahr sinken. „Um das zu erreichen, werden wir unsere Lebensgewohnheiten in den nächsten Jahren radikal ändern müssen“, sagt Anders. Carsharing statt eigenem Auto, regionale, saisonale Ernährung, kleinere Wohneinheiten, um nur einiges zu nennen. „Die Stadt der Zukunft baut zudem klimapositive Häuser, die mehr CO2 binden, als sie verursachen“, erklärt Anders in seinem Vortrag.

Insgesamt boten sich den Teilnehmern drei einleitende Impulsvorträge, die anschließend im Workshop-Charakter an den jeweiligen Themenstationen mit einem Diskurs zwischen Teilnehmern und Experten vertieft wurden:

1. Lebendige Quartiere – hohe Dichte Dieses Thema wurde von dem Architekten Jürgen Patzak-Poor, Geschäftsführer von BAR-Architekten aus Berlin, begleitet.

2. Stadt zu Fuß Dieser Part wurde von dem gebürtigen Göttinger Roland Stimpel von FUSS e. V. betreut.

3. Ökologisch nachhaltiges Bauen Diesen Schwerpunkt übernahm der bereits erwähnte Stephan Anders.

Moderierend durch den Abend führte Klaus Overmeyer, Geschäftsführer von Urban Catalyst aus Berlin. Er warf spannende Fragen für den Abend und für die Zukunft des Städtebaus auf, die auch für Göttingen eine steigende Relevanz haben werden, denn in einem Quartier kommt vieles zusammen: Wie bewege ich mich fort? Wie kommen die Kinder zur Schule? Welche Bildungsangebote gibt es vor Ort? Wie sollen verschiedene Menschen zusammenleben? Welchen Einfluss haben die Arbeitswelten? Was passiert im Quartier? Wo fühle ich mich in der Stadt zu Hause – und dies nicht nur in meiner Wohnung? Und speziell auf Göttingen ausgerichtet, stellte der Workshop die Frage: Wo finden sich Plätze innerhalb der Stadt, die durch Verdichtung einen Quartierscharakter erlangen können?

Jürgen Patzak-Poor vermittelte mit seinem Blick durch die Architektenbrille einen ersten Eindruck, was es heißen kann, die Architektur auf neue Bedürfnisse auszurichten. „Häuser werden nicht mehr von oben nach unten geplant – also nicht vom teuren Penthouse aus gedacht, sondern von unten nach oben“, erläutert Patzak-Poor. Ein lebendiges Erdgeschoss, wobei die Außenflächen vor dem Haus Teil des Wohnkonzepts sind.

Aber funktioniert das in Göttingen? Im Workshop standen zur Diskussion: das Quartier Holtenser Berg, das Quartier Ebertal und das Quartier Siekhöhe. Während der Holtenser Berg erhebliche Ressourcen benötigen würde, um ein gemischtes Quartier mit städtischen Angeboten und kurzen Wegen zu werden, bietet das Projekt Ebertal bessere Voraussetzungen. Als Vorteil wurde die unmittelbare Nähe zur Innenstadt gesehen – und dass dieser Standort sich bereits in einem Veränderungsdiskurs befindet. Was es braucht, ist eine planende Koordinierungsstelle und einen runden Tisch, an dem alle Beteiligten ihre gemeinsamen Interessen und mögliche Zielkonflikte diskutieren. Eindeutiger zeigten sich die Entwicklungschancen für die Siekhöhe. Da das Gewerbegebiet in der ,zweiten Reihe‘ schlechter zu vermarkten sei, bieten sich hier alternative Nutzungscluster an. Etwa als innovatives Gewerbequartier, in dem universitäre Institute mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen zusammenkommen?

Ein großes Luftbild von Göttingen war die Grundlage für die Arbeitsgruppe ,Stadt zu Fuß‘ mit Roland Stimpel. Hier warfen sich Fragen auf wie: Ist die autofreie Innenstadt für Göttingen eine Option? Lässt sich Göttingen besser vernetzen, sodass die Quartiere miteinander verbunden werden? Und welche Verbindungen braucht Göttingen in die Region? Trotz vieler guter Ansätze und breiter Fahrradwege ist das Auto in Göttingen aktuell weiterhin Fortbewegungsmittel Nummer eins. Was fehlt, ist ein innovatives Mobilitätssystem, das Autos im Citybereich ersetzt! „Wenn wir an die Senioren denken, so benötigen wir für komfortable Fußwege in regelmäßigen Abständen Bänke zum Verweilen“, sagt Stimpel – denn der Fußmarsch ist und bleibt die klimaneutralste Fortbewegung. Aktuelle Trends zeigen zudem auf, dass Einkaufen immer mehr mit Erlebnis verbunden wird und die Aufenthaltsqualität im Zuge dessen weit mehr Bedeutung erhalten wird. Breite, attraktive Bewegungsräume, mehr gemeinsame Treffpunkte und Kommunikationsräume könnten das Resultat einer autofreien Innenstadt sein.

Am dritten Themenstand wurde hingegen globaler gedacht: Was gehört zu einem klimaneutralen Lebensstil? Was sind Ansätze für eine klimaneutrale Quartiersund Stadtentwicklung? Viele Ansätze sind nicht neu und Bunt wie die Bauklötze So soll das Leben in Quartieren sein. Werden in der Städteplanung bereits berücksichtigt, jedoch
– so das Fazit der Teilnehmer – liegen oft zu viele Hürden zwischen der Idee und der Umsetzung. „Zielführend wäre ein Baurecht, das Umsetzungen erleichtert. Darüber hinaus sind gute Akteursstrukturen und starke Zukunftsvisionen als Kompass für die Entwicklung förderlich“, sagt Stephan Anders bestimmt.

Am Ende des mehr als zweieinhalbstündigen Formats waren sich alle Teilnehmer, die Experten und die Initiatoren der EBR in einem Grundsatz einig: Bleiben wir im Gespräch! Für die EBR war der Abend die Bestätigung ihrer Grundsatzidee, die Rafie mit den Worten von Perikles zusammenfasste: „Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen, sondern darauf, auf die Zukunft vorbereitet zu sein.“ Die EBR wird sich immer stärker als Vorreiterin und Impulsgeberin für eine zukunftsorientierte und nachhaltige Stadtentwicklung in der Region einsetzen.