„Sometimes zu organisiert“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Ich fuhr durch Göttingen und sah Fans in violetten Shirts und Hosen an mir vorbeiradeln. Eine solche Identifikation mit dem Basketball-Team kannte ich aus keiner Stadt. Ich wusste sofort: Hier bin ich richtig“, erinnert sich BG-Trainer Johan Roijakkers mit glänzenden Augen an seine Anfangszeit in der Gänselieselstadt.

Den Aufstieg in die Basketball-Bundesliga kann er zum großen Teil als seinen Verdienst verbuchen. Erfolgreich hat er das Team im vergangenen Frühjahr zur Meisterschaft geführt. Jetzt setzen alle BG-Sympathisanten auf sein Geschick, damit die Veilchen trotz ihres Mini-Etats ab Anfang Oktober den deutschen Topteams Punkte abluchsen und den Klassenerhalt schaffen.

Roijakkers, der Denker und Lenker, der dieses hohe Ziel ermöglichen soll, ist schwierige Situationen gewohnt: Er übernahm vor zwei Jahren die Verantwortung beim sportlichen Aushängeschild der Region in der Zeit nach der Insolvenz. „Das war eine große Herausforderung für mich. Die kleinen Vereine müssen immer hart kämpfen. Aber das Umfeld gefiel mir, ich hatte den Eindruck, etwas bewegen zu können“, schildert er seine Motivation. Viele Jahre seiner Karriere als Spieler, Trainer und Scout verbrachte er in den nicht gerade zu den Basketball-Hochburgen zählenden Ländern Niederlande, Belgien und Slowakei. Aber auch die Strukturen der amerikanischen Profiliga NBA lernte er kennen, bevor er 2012 an die Leine wechselte. Erfahrungen, von denen er heute zehren kann.

Neben der unüberschaubaren sportlichen und finanziellen Situation bei dem damals am Boden liegenden Verein war Roijakkers auch damit konfrontiert, sich in einem neuen Land, in einer neuen Stadt zurechtzufinden. „Nach Belgien und der Slowakei ist Deutschland für mich ein Schritt in ein sehr viel moderneres Land“, sagt er, und es ist zu spüren, dass er seine neue Heimat inzwischen richtig ins Herz geschlossen hat. Das Flair der Universitätsstadt, die Offenheit der Menschen und ihre Freundlichkeit sind für ihn aber etwas Besonderes, für das er „allerdings viel zu wenig Zeit“ hat.

Für ihn als Trainer ist es normal, sich schnell in einem neuen Umfeld einzuleben. „Ich nutze mein großes Netzwerk und frage Menschen, die die Stadt kennen. Ich merkte schnell: Göttingen und das Umland fanden alle toll“, sagt Roijakkers, der sich auf die Aussagen seiner Bekannten und auf eigene Beobachtungen verließ, die er beim BGAuswärtsauftritt im niederländischen Den Bosch gemacht hatte. „Die BGFans machten eine Polonäse auf der Tribüne. Diese Begeisterung und den späteren Gewinn der Euro-Challenge hatte ich im Hinterkopf, als ich den Vertrag der BG unterschrieben habe“, sagt der Vollblutbasketballer.

Doch da er seinen Sport rund um die Uhr lebt und im Anschluss an die deutsche Saison sofort weiter reist zu der von ihm betreuten niederländischen U18-Nationalmannschaft, ist ihm noch nicht mehr als ein Ausflug in seiner neuen Heimat gelungen: Freunde „entführten“ ihn zur Sababurg, und er bedauert, noch nicht mehr von der „schönen Göttinger Umgebung“ gesehen zu haben. Aber natürlich steht immer das Team im Zentrum seines Interesses, und der Basketballexperte steht vom Beginn der Vorbereitung bis zum Saisonende im kommenden April unter Volldampf.

Trotz der erschwerten Vorbereitung mit einer unglaublichen Verletzungsmisere verliert er das Ziel Klassenerhalt nicht aus den Augen. „Es wird schwierig, drin zu bleiben. Die vielen Rückschläge vor der Saison waren schwer zu verkraften, aber wir können es schaffen, wenn wir ein gutes Team sind“, sagt Roijakkers und setzt auf Team-Building, um seine Spieler zu einem Team zu formen. Halloween- und Thanksgiving-Partys, Paintball, Fußball oder einfach mal ein Bier trinken gehen gehören daher zum regelmäßigen Programm der Korbjäger. Denn Roijakkers ahnt, wie schwer manchem Spieler die Umstellung von der erfolgreichen Vorsaison auf eine Spielzeit mit Rückschlägen fallen wird. Niederlagen – auch mit 20 oder 30 Punkten Unterschied – hat er fest eingeplant. „ Wir dürfen uns nicht mit Teams aus München, Berlin oder Bonn vergleichen. Dort verfügen die Vereine über einen mehrfach höheren Etat“, bemüht er sich um Realismus. Er orientiert sich an Trier oder Bremerhaven und vertraut auf den vollen Einsatz seiner Mannschaft während der gesamten Saison. „Denn nur wenn wir alles geben, bin ich zufrieden. Und nur dann verzeihen uns unsere tollen Fans auch, wenn wir verlieren“, weiß der Niederländer um die Schwierigkeit seiner Mission.

Steht am Ende der Erfolg – und für Roijakkers heißt das in erster Linie, seine Spieler zu besseren Leistungen zu führen – beginnt das Formen eines Teams von vorne. „So ist der Kreislauf: Die preiswerten Spieler kommen und nutzen die BG als Sprungbrett zu einem größeren Verein“, ist sich der 34-Jährige der Lage bewusst.

Daher setzt er sich besonders für eine Stärkung der Strukturen ein. Die Geschäftsstelle muss professionell aufgestellt sein, die Jugendarbeit erhält einen neuen Koordinator, und ein modernerer Mannschaftsbus sollte auch bald angeschafft werden. „Alles nicht einfach bei begrenztem Budget“, so Roijakkers, der aber nicht jammert. „Es gab noch nicht einen Moment, an dem ich keine Lust mehr hatte, – weder in Göttingen noch woanders.“

Auch jetzt scheint er zufrieden, wie seine Vertragsverlängerung um zwei Jahre belegt. Er will die BG zu einem festen Platz in der Basketball-Bundesliga führen und seinen Spielern den Spaß am Basketball vorleben.

Es hilft ihm sehr, dass ihm dabei das Leben in Göttingen auch gefällt. Wegen seiner begrenzten Zeit liebt er es unkompliziert: „Ich fahre nach Hause, bestelle von unterwegs bei meinem Lieblingsitaliener, bringe meine Sachen rein und gehe drei Minuten später im Restaurant nebenan essen – das ist perfekt.“ Manchmal wird dabei auch über die BG gefachsimpelt. So mag er es und findet es „schwierig, Göttingen nicht zu mögen“. Um ihm zu entlocken, ob ihm hier auch etwas nicht gefällt, muss man schon hartnäckig bohren. Doch mit etwas Mühe gelingt auch das: Mit amüsiertem Kopfschütteln berichtet er von den Fußgängern, die an roten Ampeln verharren, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist. Sprachlos machen ihn die Leute, die sogar lauthals schimpfen, wenn jemand trotz Rotlicht einfach geht. Für Roijakkers sind wir Deutschen einfach „sometimes zu organisiert“.

Zur Person

Johan Roijakkers kam am 15. September 1980 in Deurne (Niederlande) zur Welt. Während seiner aktiven Zeit absolvierte er zwei Hochschulstudiengänge in Business Economics und Business Administration im holländischen Eindhoven. Von 1996 bis 2003 spielte er in der Nationalmannschaft der Niederlande und im Verein bei den Deurne Pioneers (Niederlande) und bei Bingoal Bree (Belgien). Seit 2002 ist er als Trainer aktiv bei den Nationalmannschaften von Großbritannien, Niederlande U18, Belgien U20; Bree, Hasselt, Dexia Mons-Hainaut (Belgien), Rio Grande Valley Vipers, Houston Rockets (USA), Prievidza (Slowakei). Im Sommer 2012 begann er als Trainer der BG. Er spricht vier Sprachen: Niederländisch, Englisch, Deutsch und Französisch.