So weit die Füße tragen

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Schuhe erzählen immer eine Geschichte. Sie verraten, was ihr Träger modisch schätzt, ob er lieber ausdauernd im Wald läuft oder auf halsbrecherischen Absätzen durchs Leben geht. Manchmal erzählen sie auch eine Unternehmensgeschichte: So in Alfeld an der Leine, wo seit mehr als 100 Jahren Mitarbeiter des Fagus-Werkes Schuhleisten fertigen. Ihre Kunst ist es, die Form des Fußes als Modell nachzuempfinden und mit der späteren Passform des Schuhs abzustimmen.

Alles begann mit einer schmerzhaften Schuhgeschichte

Die Leisten dienen dann der Industrie als Muster zur Produktion. Mag der Streit zwischen Bequemschuh- Freunden und Stöckelschuh-Begeisterten bis heute schwelen, ohne Schuhe, die die Gesundheit fördern, wäre Fagus erst gar nicht entstanden. Ebenso wenig hätte das Unternehmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts moderne Architektur und industrielle Schuhherstellung zusammengebracht. Warum?

Firmengründer Carl Benscheidt, 1858 hineingeboren in eine jahrhundertealte sauerländische Bauernfamilie, litt als Kind unter dauernden Erkältungen. Täglich musste er über oft feuchte Wege vier Kilometer zur Schule gehen.

Jahre später, schrieb Benscheidt in seinen Erinnerungen, erklärte ihm ein Heilkundler: Er sei krank geworden, weil er im Klassenraum das nasse Paar Schuhe und die Socken nicht gegen trockene austauschen konnte. Seine Empfehlung: ein einfaches Leben, viel Bewegung und die Vermeidung von Alkoholika, Tee, Kaffee, Tabak sowie fettem Essen. Vor allem sollte er aber auf warme Füße achten. Die Therapie schlug an, und aus dem Rezept machte Benscheidt ab sofort seine Lebensphilosophie. Bald konzentrierte er sich nicht mehr allein auf seine technische Ausbildung im sächsischen Mittweida. Der 19-Jährige las Bücher über Naturheilverfahren und suchte Kontakt zu deren Anhängern. Zudem assistierte er dem berühmten Naturarzt Arnold Ricke, der kränkelnde Menschen mit Sonnenbädern, Wasserkuren und Packungen therapierte. Benscheidt erkannte, dass die Füße der Patienten oft deformiert waren. Seine Erkenntnisse hielt er in einem Zeitungsaufsatz fest und riet zu passenden Leisten. Eigentlich hatte er geplant, sein Abitur nachzuholen und Medizin zu studieren. Doch sein ‚Schuh-Wissen‘ brachte ihn vom Kurs ab. Erst fertigte er für einen seiner Lehrer, dann für den Apotheker des Städtchens Leisten für deren kranke Füße. Ein Schuhmacher nähte nach seinen Vorgaben die passenden Stiefel. Die Männer waren begeistert, und der Erfolg sprach sich herum. So legte er die Studienpläne zu den Akten und machte sich in Hannover mit einem eigenen Geschäft selbstständig. Dort bot er für diese Zeit revolutionäre Leisten an, nämlich jeweils einen für den linken und einen für den rechten Fuß. Damals war es üblich, dass beide Schuhe gleich ausfielen und schmerzhaft eingelaufen werden mussten.

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