So nah und doch so fern

Text von: Stefan Liebig

Gemeinsam könnte man stark sein. Aber warum verbindet Nordhessen und Südniedersachsen trotzdem so wenig?

„Kein Mensch ist so reich, dass er nicht seinen Nachbarn bräuchte.“ Doch wie wichtig ist ein Nachbar, den man kaum kennt? Die Frage, wie hoch die Kasseler Berge eigentlich sind und wie hoch sie vielen Akteuren aus Politik und Wirtschaft tatsächlich erscheinen, drängt sich auf. Deshalb hat faktor Menschen gefragt, die sich in beiden Regionen auskennen und engagieren. Vorab muss natürlich noch eine Begrifflichkeit geklärt werden. Denn während „Südniedersachse“, „Göttinger“, „Northeimer“ oder „Osteroder“ die jeweiligen Menschen ausreichend beschreibt, waren die nordhessischen „Hauptstädter“ kreativer: So ist, wer nach Kassel zuzieht, „Kasseler“.

„Kasselaner“ darf sich der in Kassel Geborene nennen. Doch den Titel „Kasseläner“ erhält nur, wer in Kassel geboren ist und wessen Eltern mindestens Kasselaner sind. Dementsprechend durfte sich die Göttinger CDULandratskandidatin Dinah Stollwerck-Bauer lediglich mit dem Titel Kasseler schmücken. Sie zog in ihrer Schulzeit von Köln nach Kassel. Später studierte sie in Göttingen und ist inzwischen Bürgermeisterin in Adelebsen. Tatsächlich kann sie sich erinnern, beim Umzug nach Göttingen ein Gefühl wie bei einer Reise über die Alpen gehabt zu haben. „Die beiden Städte waren gefühlt weit auseinander, es gab kaum Gemeinsamkeiten“, erinnert sich StollwerckBauer. Sie bedauert, dass bei den Nordhessen die Liebe zu ihrer Region, die landschaftlich und kulturell viel zu bieten habe, nur selten spürbar sei.

Kassel braucht mehr Stolz

So seien die Göttinger zu Recht stolz auf ihre Stadt, doch die Kasseler sollten mit der documenta und vielen Museen selbstbewusster auftreten. Stollwerck-Bauer strebt wie ihr SPD-Gegenkandidat Bernhard Reuter eine engere Zusammenarbeit der beiden Regionen an. Als Kasselaner, der ebenfalls nach dem Abitur den akademischen Weg in Göttingen einschlug, sieht Reuter aber viele bürokratische Hürden und die häufig unüberwindbar erscheinenden Landesgrenzen. „Die peripheren Lagen Nordhessens und Südniedersachsens stehen uns da oft im Weg“, sagt der Landrat von Osterode am Harz. Reuter wünscht sich eine Zusammenarbeit der Oberzentren und möchte auch das benachbarte Thüringen einbeziehen.

Solch ein Kooperationsprojekt habe es schon gegeben – leider ohne Erfolg. Einen erneuten Anlauf hält er für erstrebenswert.
Einen wertvollen Kommunikationsbeitrag liefern die beiden mitgliederstarken Gruppen von Kassel und GöttingenNetwork im BusinessNetzwerk Xing. „Wir freuen uns, zunehmend Mitglieder der jeweils anderen Network-Gruppe bei unseren Veranstaltungen begrüßen zu können. So entstehen vielversprechende Kontakte“, berichtet Nicolò Martin, Mitbegründer der beiden Gruppen mit über 12.000 Mitgliedern in Südniedersachsen und Nordhessen. Bevor Martin seine Tätigkeit als Marketingleiter beim Kasseler Softwarehaus Micromata aufnahm, lebte und arbeitete der Gelsenkirchener viele Jahre in Göttingen.

Eine Ortsveränderung, die auch Daniel Bernhard, Inhaber der Göttinger Werbeagentur Nortia, vor drei Jahren vollzog. Doch während Martin aus beruflichen Gründen umzog, waren es bei Bernhard private Gründe. In seiner Wahlheimat sei er sehr nett aufgenommen worden. „Sicher erzählen die Kasseler nicht, wie schön es hier ist, weil sie nicht möchten, dass die Stadt von Touristen überrannt wird“, sagt er schmunzelnd. Als Sportfan weiß er zu berichten, wie unvereinbar die beiden Städte auf diesem Gebiet sind. In Kassel bestimme der Fußball und bis zum kürzlichen Finanzkollaps das Eishockey das Geschehen, während der Göttinger Basketball immer noch darum kämpfe, die Fans über die Kasseler Berge zu locken.

Einen Grund dafür sieht Bernhard, genau wie Jörg Schnitzerling, Vorstandsmitglied beim ASC Göttingen, in der Trennung der Sportlandschaft. So spielen auch hochklassige Sportteams nur selten gegeneinander. Eine Problematik, die der Betriebswirt Schnitzerling auch im Einkaufsverhalten festgestellt hat: „Meiner Erfahrung nach fahren Kasseler eher nach Frankfurt oder sogar Stuttgart als nach Göttingen oder Hannover zum Einkaufen.“ Dennoch verschlug es den Kasseläner, dessen Familie seit mehreren Jahrhunderten in Kassel ansässig ist, zum Studium nach Göttingen. Wie viele Gesprächspartner spürte aber auch er den Unterschied zwischen den beiden Städten erst beim Berufseinstieg, „weil die Studenten dem regionalen Unterschied keine Bedeutung beimessen“.

Alexander Frey, Geschäftsführer der GÖSF (Göttinger Sport und Freizeit), vertritt hingegen den Standpunkt, alle Menschen seien charakterlich gleich, dennoch gebe es in den bei den Städten verschiedene Atmosphären. Der Bayer, der über Kassel nach Göttingen zum Studium kam, hält die Fuldastadt wegen ihrer Größe für anonymer und anfälliger für Klüngeleien. Göttin gen biete ihm die „lebenswerte Mischung aus Groß und Kleinstadt“. Das Ver hältnis der beiden Städte sieht er als wohlwollend – auch wenn sie außerhalb der gegenseitigen Wahrnehmung lägen. Dies war Marion Kulp, Inhaberin von Immorentabel, nicht bewusst, als sie mit ihrer Geschäftsidee von Bochum nach Bovenden umsiedelte. „Aus dem Ruhrgebiet war ich gewohnt, dass die Städte alle zusammengehören, deshalb habe ich hier auch Kassel zu meinem Gebiet gezählt. Durch einen Auftrag konnte ich dort auch direkt Fuß fassen“, schildert die Immobilienberaterin die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich ihren Markt grenzübergreifend aufbaute. Aufgefallen sei ihr dabei lediglich, dass die Göttinger häufig länger bräuchten, um „aufzutauen“.

Auch die Göttinger Steuerberatungsgesellschaft Quattek & Partner sieht in beiden Regionen Geschäftspotenzial. Die bestehende Kooperation mit der Kasseler Kanzlei Ludewig + Sozien soll in nächster Zeit mit der Einrichtung einer Niederlassung in der documentaStadt ausgebaut werden. Mit den Steuerberatern Michael Turko, Jürgen Hollstein und Thorsten Kumpe beschäftigt Quattek & Partner gleich drei Nordhessen. „Wir kennen die Region, die Menschen und die Mundart“, kasselänert Michael Turko, um die Aussage zu untermauern. Welche Probleme bei der Expansion aber unvermeidlich sind, erklärt Hollstein: „Die unglaubliche Kleinstaaterei im deutschen Steuer verband hat zur Folge, dass wir zu Verbandstreffen nach Celle reisen müssen statt nach Kassel.“ Mit dem neuen Standort setzt die Kanzlei ein Zeichen für weitere länderübergreifende Projekte.

Michael Turko liefert schließlich die Überleitung zum nächsten Nordhessen: Denn wie Turko kommt auch der Göttinger IHK-Geschäftsstellenleiter Martin Rudolph aus dem nordhessischen Dorf Burghasungen. Wie Turko zog auch Rudolph nach Göttingen – ebenfalls wegen des Studiums. Er schätzt an Göttingen die Offenheit. Im Gegensatz zur Politik sieht Rudolph in der Wirtschaft eine Bewegung aufeinander zu. Als Beleg nennt er die entstehenden länderübergreifenden Cluster wie etwa in der Logistik oder Verpackungsbranche. „Ich freue mich aber auch über Initiativen wie geniusgöttingen, die überregional zeigen, was die Gegend zu bieten hat.“

Herkules oder Hermannsdenkmal?

Ein Ball, den der frühere Kasseler Klaus Heinemann von geniusgöttingen natürlich gerne aufnimmt. Er sieht jedoch die Problematik, dass eine größere Vernetzung an einem Wahrnehmungsdefizit und an den politischen Verhältnissen scheitere. „Natürlich wäre es toll, wenn die Karte ,Mitte Deutschlands‘ mehr gespielt würde. Aber ich meine, sie kommt aus eigenen Interessen bewusst nicht auf den Tisch.“ Als positiven Ansatz nennt er jedoch die Zusammenarbeit der Landkreise Göttingen und Werra-Meißner im Bereich der Innovationspreise und bei der Vermarktungsinitiative mittelpunkt.de. Insgesamt leiden laut Heinemann beide Regionen unter einem geringen Bekanntheitsgrad: „Immer wieder hört man, dass Menschen den Herkules mit dem Hermannsdenkmal verwechseln.“

Andreas Gliem, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen, fühlt sich immer zu Hause, wenn er auf der A7 fahrend Göttingen am Berg auftauchen sieht. Sein Lebensmittelpunkt wechselte zwischen Schule, Studium, Referendariat und Berufsleben mehrfach zwischen Kassel und Göttingen. Als Beleg für die etwas größere Verschlossenheit der Nordhessen sieht Gliem den gescheiterten Versuch, zwischen den Handwerkerschaften der Regionen einen regelmäßigen Austausch zu etablieren: „Es fand ein gutes Treffen statt, aber ergeben hat sich daraus nichts. Das Projekt liegt auf Eis.“

Er bedauert dies insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, der gemeinsame Anstrengungen erfordere. Ein Appell, den Holger Schach, Geschäftsführer Regionalmanagement Nordhessen, relativiert: „Das Projekt einer Region ,Mitte Deutschland‘ hat Potenzial. Doch in erster Linie müssen die regionalen Akteure an den Fortschritt in der eigenen Region denken.“

Gute Ansätze sieht er in der länderübergreifenden Clusterbildung und bei Unternehmen, die grenzübergreifend agieren, wobei auch Hindernisse zu überwinden seien. Eine Problematik, der sich auch Alexander Schneehain von der Kanzlei VSM Vockenberg Schneehain Melz, Rechtsanwälte bewusst ist. „Die Kasseler Berge lassen schwer neue Geschäftsbeziehungen zustande kommen. Deshalb ist eine Vor-Ort-Präsenz sehr wichtig.“ VSM hat kürzlich eine Zweigstelle in Kassel eröffnet. Schneehain studierte in Göttingen und schnupperte anschließend Hamburger und Berliner Luft. Der Anwalt entschied sich aber für Göttingen, weil er hier „den fruchtbaren Boden der geschäftlichen Netzwerkfähigkeit“, die verkehrsgünstige Lage und nicht zuletzt die Familienfreundlichkeit besonders schätzt. Sogenannte weiche Standortfaktoren, die auch für Michael Thenner, Geschäftsführer der Werbeagentur blaueQuelle, wichtig sind. Göttingen biete bessere Möglichkeiten, sich kennenzulernen und gemeinsam den Mut für neue Projekte aufzubringen.

Dieser Mut fehlt Jörg Becher, Büroleiter des Finanzdienstleisters Formaxx AG in Göttingen, nicht. Der Nordhesse sieht eine Trennung der Regionen: „Man spürt die unsichtbaren Landesgrenzen.“ Das Göttinger Klientel sei anfangs häufig distanzierter und kritischer als die Kasseler. Doch wenn das Interesse der Leinestädter geweckt sei, könne man auf ihre Loyalität vertrauen. An Göttingen schätzt er das stärkere Zusammengehörigkeitsgefühl. Kassel sei anonymer. Neben dieser Anonymität macht den Kasselern das durch den Zweiten Weltkrieg zerstörte Stadtbild zu schaffen. „Ich komme aus Kassel – tut mir leid“, erinnert sich Oliver Eikenroth an seine typische Ant wort während der Studentenzeit in Göttingen. Der Inhaber des Consultingunternehmens Profincon in Hattorf bedauert, dass die Kasseler zu wenig auf die schönen Seiten der Stadt hinweisen und Sticheleien kampflos hinnehmen. Denn auch er sieht großes touristisches Potenzial in den Kasseler Parkanlagen und dem Universitätsgelände.

Ein Potenzial, das die Politik sich zu Herzen nehmen sollte, um die Probleme der Region anzugehen. Schließlich belegen auch die vielen Sticheleien, dass im Zentrum Deutschlands eine gewisse Verbundenheit existiert. Denn was sich neckt, das liebt sich.