So nämlich!

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Text von: Marisa Müller

Nur ein Kind? Von wegen! Die ersten Jahre prägen unser ganzes weiteres Leben. Unsere Seele, unsere Entwicklung, unser Selbst. Und dieses Kind in uns spielt auch beim Jobeinstieg eine gewaltige Rolle.

„Mehr personality“, brüllt Bruce Darnell mit unverkennbar amerikanischem Akzent einer hauchzarten Blondine zu, die über den Übungs-Catwalk stöckelt. Der Ex-Juror der TV-Sendung Germany‘s Next Topmodel weiß, was außer gutem Aussehen zu einer Karriere auf den Laufstegen der Welt gehört: Persönlichkeit.

Doch inwiefern ist Persönlichkeit die Person, die sie besitzt? Kann man Persönlichkeit lernen, üben, verbessern und modifizieren? Oder haben wir alle ,von Haus aus‘ etwas, das sich Persönlichkeit nennt? Die Grundannahme lautet: Bereits in der Kindheit entwickeln wir – als Reaktion auf das, was wir erleben und womit wir Erfolg haben – bestimmte Strategien und Verhaltensweisen. Nicht alle davon erweisen sich im Erwachsenenleben als sinnvoll, insbesondere in der Zeit, in der wir auf der Suche nach uns selbst und dem sind, was wir einmal werden möchten – nicht zuletzt beruflich. Dabei ist es wichtig zu wissen, wie Persönlichkeit entsteht und wie ausgeprägt unsere Eigenschaften sind, vor allem in dem Moment, wenn es um die Wurst geht: beim Jobeinstieg. Denn Personaler achten bei der Einstellung und Zusammenstellung von Teams heute vermehrt darauf, wer die Person wirklich ist, die sich bei ihnen beworben hat. Persönlichkeitstests sind an der Tagesordnung, da in guten Teams verschiedene ,Typen‘ zusammenkommen sollten, um optimal arbeiten zu können. Gibt es nur Leader, bricht das System ganz schnell zusammen.

Um die eigenen Stärken und Schwächen – ohne sich zu verstellen – gut zu verkaufen, ist es notwendig, sich mit diesem Thema und natürlich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das hilft auch bei der Wahl des Arbeitgebers. Kreativ und aufgeschlossen oder doch eher fokussiert und ein Einzelkämpfer? Keine Sorge, für jeden Typ gibt es auch den geeigneten Arbeitsplatz. Und so gilt es herauszufinden, wo die Wurzeln unserer Eigenschaften und Verhaltensweisen liegen, um diese dann überprüfen und ändern zu können.

 

Sina steht vor dem Spiegel. 25 Jahre alt. Eine von mehr als 80 Millionen Deutschen. Eine von uns. Und doch: Jeder Einzelne von uns ist anders, auch wenn die Grundbedürfnisse wie Atmen, Essen, Trinken und Schlafen bei allen ähnlich sind. Uns treibt das Bedürfnis nach Sicherheit an, also nach sicher Wohnen oder nach gesetzlichen Strukturen einer Gesellschaft. Auch soziale Beziehungen wollen ,erreicht‘ werden: Freunde, Partner, Sexualität. Ohne Essen und Trinken können wir nicht überleben – schon klar. Doch was, wenn soziale Bedürfnisse nicht erfüllt werden? Was dann? Dann leidet der Mensch psychisch darunter. Besonders Kinder ziehen daraus ihre Schlüsse. Kindern, die ohne Bezugspersonen aus dem familiären Umfeld aufwachsen, die wenig elterliche Liebe erfahren oder die keine Anerkennung erhalten, kann ein Stück Sicherheit im Leben fehlen. Im schlimmsten Fall mündet das in einem negativen Selbstbild, was im weiteren Verlauf des Lebens z. B. zu Unsicherheit in Alltagssituationen führen kann. Sich diese Stabilität selbst zu erarbeiten, ist eine Mammutaufgabe.

Sina hat gerade anderes im Sinn. Über sich selbst nachzudenken, zu philosophieren und sich psychologisch mit dem Warum zu beschäftigen, überlässt sie heute lieber anderen. Sie trägt keinen Hosenanzug, sondern gepunktete Strumpfhosen. Sie ist Eventmanagerin. Mit viel Verantwortung im Alltag, aber jetzt ist Wochenende. Keine Zwänge, Wald spaziergang ohne Termine. „Heute bin ich einfach mal sechs Jahre alt“, denkt sie dem Leitspruch folgend, der besagt, man solle das Kind in sich nicht verlieren.

Der Wunsch nach einer nie endenden Kindheit, ein Wunsch weniger Einzelner? Eher nicht. Generell ist zu beobachten, dass die Kindheit innerhalb unserer westlichen Gesellschaft bei Erwachsenen ganz hoch im Kurs steht. Viele Kinder werden behandelt wie kleine Könige – kein Wunder bei den sinkenden Geburtenzahlen. Und auch bei denen, die das Kindheitsalter längst hinter sich gelassen haben, ist alt zu werden nicht gerade ,in‘. Die Infantilisierung unserer modernen Gesellschaft liegt darin begründet, dass dem Alter etwas grundsätzlich Negatives anhaftet. Dabei wird die positive Kindheitserinnerung zu etwas nahezu Übernatürlichem stilisiert. Dem liegt die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit der Gedanken zugrunde, nach der Freiheit, die Kinder erfahren, und der Wunsch danach, die Pflichten und Zwänge, die mit zunehmendem Alter auf uns zurollen, einmal beiseiteschieben zu können. Ab und zu eine Auszeit à la Sina, das tut der Seele gut. Wenn sich dieser Zustand allerdings manifestiert und die Ausnahme zur Regel wird, sprechen Experten von einem besonderen Phänomen, dem sogenannten Peter-Pan-Syndrom.

Hierzu können genetische Anlagen ihren Teil beitragen, denn unser ,Erbe‘ macht einen nicht unerheblichen Teil dessen aus, was wir sind. Laut Familientherapeut Dan Kiley liegen allerdings auch hier die Auslöser vor allem in der Kindheit begründet. Bei betroffenen Personen seien vermehrt sowohl strenge Vaterfiguren als auch das Gefühl zu finden, wenig Liebe erfahren zu haben. Ihre Mutter ging, als sie mit Sina schwanger war, sehr gern schwimmen. Auch ihre Tochter mag heute Bewegung.

Das Peter-Pan-Syndrom beschreibt den prototypischen, stets jung gebliebenen, hippen Typen, der ein recht unstetes Leben führt. In der Bar jobben, spontan wegfahren, keine Beziehung, viele Freunde, aber keine echten Bindungen, feiern und Spaß haben, die Konsequenzen nicht bedenken – Familientherapeut Dan Kiley fasst den Peter Pan der Neuzeit folgendermaßen zusammen: verantwortungslos und tagträumerisch, trotz Kontakten einsam, narzisstisch, chauvinistisch und mit einem sexuellen Rollenkonflikt belegt.

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