So ein Kinderkram

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Mit Babymäxchen und Co. bestimmt Alvi – ein Familienunternehmen an der Weser – bereits seit Jahrzehnten den deutschen Markt für Kleinkindartikel.

Die richtige Geschäftsidee zur richtigen Zeit zu haben, das zeichnet einen erfolgreichen Unternehmer aus.

Und was wäre in den 1950er- und 1960er-Jahren – während das Nachkriegsdeutschland Wirtschaftsrekorde aufstellte und die Babyboomergeneration das Licht der Welt erblickte – wohl erfolgversprechender gewesen, als Kinderartikel zu produzieren?

Genau dies erkannte wohl auch Alfred Viehhofer.

Als Seiler besaß er von Berufs wegen umfangreiche Materialkenntnisse über Fasern, Fäden und andere für die Textilienproduktion elementare Werkstoffe. Dieses Wissen wollte er in einem eigenen Unternehmen nutzen, und so entschloss er sich 1961 zur Gründung von Alvi in der westfälischen Weserstadt Höxter.

Von Anfang an setzte der aufstrebende Geschäftsmann auf Qualität. In einem in Deutschland hart umkämpften Geschäftsumfeld sicherte sich Viehhofer mit der Produktion von Textilien für Kleinkinder schnell eine gute Marktposition.

An dem rasanten Aufstieg konnte auch der erste schwere Schicksalsschlag der Unternehmensgeschichte nichts ändern: Bereits im ersten Geschäftsjahr zerstörte ein Großfeuer die Produktionsstätte in der Wilhelm-Haarmann-Straße.

So bezog Alvi 1964 den heutigen Firmensitz im benachbarten Industriegebiet in der dortigen Pfennigbreite und produzierte fortan u.a. Babyschlafsäcke und Babymatratzen.

„Diese beiden Produkte bilden noch heute unser Kerngeschäft. Die Materialien haben sich aber natürlich erheblich weiterentwickelt“, sagt Stephanie Viehhofer, Schwiegertochter von Alfred Viehhofer und jetzige Geschäftsführerin.

Inzwischen gehört Alvi zu den beiden letzten großen deutschen Produzenten in diesem Bereich.

Den Grund für diese Entwicklung sieht Viehhofer in der Qualitätsphilosophie des Gründers, die ihr Unternehmen auch heute noch lebt. Viele der Mitbewerber mussten unter dem Druck der internationalen Konkurrenz – vor allem aus Asien – aufgeben.

„Wir konnten, trotz des knallharten Wettbewerbs und der sinkenden Geburtenrate, den Umsatz in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppeln“, sagt Klaus Blümel, Vertriebsleiter und Prokurist sowie Lebensgefährte von Stephanie Viehhofer, der diese Entwicklung fortführen möchte.

Sein Credo lautet: „Wir beteiligen uns nicht an den Preisschlachten der Branche.“

Emotionale Produkte

Vielmehr setzt Alvi auf die Weiter- und Neuentwicklung qualitativ hochwertiger Produkte, die die Käufer auch durch ihre Optik ansprechen.

Denn schließlich gehe es bei den Waren um emotionale Produkte, bei denen der Preis nicht das wichtigste Kriterium für die meisten Käufer – die glücklichen Eltern – sei.

Mit dem Babymäxchen beispielsweise verfügt das Unternehmen über einen der am häufigsten verkauften Babyschlafsäcke in Deutschland. Kürzlich erhielt Alvi dafür den ‚Mommy Award‘ – 32 Prozent der befragten Mütter wählten Babymäxchen zum Sieger.

„Hebammen und Kinderärzte empfehlen unsere Produkte. Das macht uns stolz und ist gleichzeitig Ansporn, unsere Produkte noch weiter zu verbessern“, so Blümel, der von vielen Nachahmungsversuchen anderer Hersteller berichtet, die sich aber auf dem Markt nicht behaupten konnten.

Die Kunden seien alle zu Alvi-Produkten zurückgekehrt, nachdem sie schlechte Erfahrungen mit billigeren Produkten gesammelt hätten.

Und so verlassen jährlich mehr als 100.000 Babyschlafsäcke, die für Kinder bis zu einer Körpergröße von einem Meter verwendbar sind, die Alvi-Produktionshallen.

Die Produktion

Zunächst verblüfft es, dass die Produkte fast ausschließlich in Deutschland und im deutschsprachigen Ausland verkauft werden. Doch Stephanie Viehhofer hat die Erklärung parat: „Das ist eine Frage der Mode. Für Südeuropa müssten wir plüschigere, für Osteuropa farbigere Modelle anbieten.“

Da das Unternehmen mit dem hiesigen Geschäft aber ausgelastet ist und ohnehin jährlich mehrere neue Kollektionen entwickelt, beschränkt man sich auf den deutschsprachigen Markt.

Im Herbst auf der Kölner Fachmesse – wo Alvi mit 450 Quadratmetern den größten Messestand aller Textilienanbieter aufweist – werden jährlich die neuen Produkte vorgestellt.

Auch in diesem Jahr erscheint zu diesem Termin wieder ein 130 Seiten starker Katalog. „Wir verlassen uns bei den Designarbeiten auf unser Gefühl und unsere Erfahrung“, erklärt die Unternehmerin den Findungsprozess bei der Modellneuentwicklung.

Und natürlich setzen die Babymodeschöpfer auch auf externe Kritik: Schon bei der Entwicklung der Modelle, die in der ersten Jahreshälfte stattfindet, geben die Einkäufer der Fachhändler ihr Urteil ab.

So entstehen alle Neuentwicklungen bereits mit Feedback vom Absatzmarkt. Die Kindertextilienproduzenten aus der westfälischen Kreisstadt beliefern übrigens nur den Baby-Fachhandel und deren Internetshops und seit einigen Jahren mit zunehmender Tendenz auch die Baby-Abteilungen des Möbelhandels.

„Denn nur über die so gewährleistete erstklassige Beratung können Topprodukte zielgruppengerecht verkauft werden“, weiß Blümel.

Er setzt bei der Vermarktung zwar verstärkt auf Online- Kommunikation, beschränkt sich aber auf den Bereich Social Media, um den direkten Kundenkontakt pflegen zu können.

Den Vertrieb über einen eigenen Webshop oder über die großen Internethändler lehnt er ab: „Das widerspricht unserer Verkaufsphilosophie. Unsere Produkte sind zu beratungsintensiv für den Onlinehandel.“

Das Wohl des Kindes stets im Blick

Das Wohl des Kindes stets im Blick, legt Alvi von je her auch besonderen Wert auf die gesundheitliche Unbedenklichkeit der verwendeten Materialien. So liegen für die meisten Artikel des Sortiments Prüfsiegel von renommierten deutschen Prüfinstituten vor.

Lieferanten müssen diese strengen Kriterien ebenfalls erfüllen. Dies gilt natürlich in hohem Maße im Bereich der Neuentwicklungen, insbesondere wenn neue, bisher nicht verarbeitete Rohstoffe zum Einsatz kommen sollen.

Neben den einzelnen Bestandteilen der Produkte bestimmt die kindgerechte Verarbeitung die Produktpalette. Matratzen und Schlafsäcke bieten den höchstmöglichen Komfort.

Durch Luftkanäle in den Matratzen und besonders geformte Schlafsäcke minimiert Alvi das Risiko des plötzlichen Kindstodes, dessen Ursache auch in einer durch Bauchlage verursachten Atemnot während des Schlafens zu finden ist.

Zudem erfährt der noch nicht ausgeformte Babyrücken durch die Produkte die nötige Abstützung. Neben diesen selbst entwickelten und gefertigten Produkten vertreibt Alvi auch Betten oder Babykörbe zum Beispiel für Kindertagesstätten.

Ausgestattet mit den hauseigenen Erzeugnissen garantieren sie eine Rundumversorgung für die Kleinen. Die Wickelauflagen aus der Alvi-Produktion sind aufgrund der besonders hohen Beanspruchung spezialbeschichtet und somit wasserabweisend und noch strapazierfähiger.

Der Standort Höxter

Bei der Herstellung der Produkte gibt es eine klare Arbeitsteilung: Die Matratzen und Wickelauflagen kommen aus Höxter, ein weiterer Teil wird von 20 Mitarbeitern der Justizvollzugsanstalt Meppen verschweißt, und die Massenware wird kostengünstig im Ausland angefertigt.

In Höxter werden die großen 58 Kilogramm schweren Schaumblöcke, die die Lagerhallen füllen, an den CNC-Maschinen in die richtige Größe konfektioniert.

Maschinenunterstützt werden diese dann von den wenigen noch vor Ort tätigen Näherinnen mit den Bezugsstoffen überzogen und schließlich zugeschweißt oder zugenäht. Sehr zum Bedauern von Geschäftsführerin Stephanie Viehhofer werden die meisten dieser Arbeiten inzwischen in Polen erledigt.

„Es gibt heute kaum noch professionelle Näherinnen in Deutschland, und so mussten wir diesen Arbeitsteil leider auslagern“, sagt die Inhaberin.

Der Standort Höxter und die hiesigen Arbeitsplätze seien für sie aber unantastbar. Vielmehr strebt die 53-Jährige perspektivisch eine Verjüngung der Belegschaft an, „denn viele unserer Angestellten sind mit mir älter geworden und sollten ihre Erfahrung noch an Jüngere weitergeben“.

Leiharbeiter kommen für sie nach einigen schlechten Erfahrungen aber nicht in Frage, denn die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen und den hergestellten Produkten sei für sie ein wichtiges Kriterium.

Mit Stolz erwähnt sie die geringe Fluktuationsrate. Dementsprechend werde die Familientradition auf jeden Fall am westfälischen Standort fortgeführt.

Und auch in diesem Bereich ist Alvi vielen anderen Unternehmen einen Schritt voraus. Denn die 27-jährige Tochter Sina Viehhofer studiert Betriebswirtschaft und kennt das Unternehmen seit frühester Kindheit.

Ihre Mutter erinnert sich, dass die Tochter gerade in den schweren Zeiten nach dem Tod ihres damaligen Ehemannes Klaus – der 2003 überraschend verstarb – immer da war, wenn sie gebraucht wurde und so den damaligen Geschäftsführerwechsel mitgetragen hat.

Eine aussichtsreiche Perspektive.

Denn der Wechsel an der Unternehmensspitze zerriss bereits zuvor schon einmal den Alltag der Familie sehr plötzlich und unvorbereitet: Auch Klaus Viehhofer musste nach dem Tod des Vaters und Firmengründers im Jahre 1981 von heute auf morgen in die Führungsrolle schlüpfen.

Gerade als das Unternehmen die 100-Mitarbeiter-Marke überschritt, ereilte Alfred Viehhofer sein plötzliches Schickgesal, und der erst 25-jährige Sohn stand in der Pflicht. In den folgenden 22 Jahren schaffte er es, die gute Marktposition weiter zu verbessern und Alvi zu einem der Hauptakteure auf dem Markt zu entwickeln.

Um auch für die Zukunft gerüstet zu sein, entwickelt Stephanie Viehhofer gemeinsam mit Klaus Blümel stets neue Produkte, die das große Portfolio des Unternehmens noch weiter ergänzen.

„Die Kunden dürfen sich bereits auf neue, energiereflektierende Bezugsstoffe für Matratzen freuen“, verrät Viehhofer und ergänzt: „Das Material heißt Celliant und wird schon im Sport- und Outdoorbereich erfolgreich eingesetzt. Es ist das erste Mal, dass wir uns auf diesem Gebiet bewegen.“

Doch es wäre nicht das erste Mal, dass Alvi mit einem neuen Produkt große Erfolge feiert. Die Celliant-Matratzen sollen den Sauerstoffgehalt des Gewebes erhöhen und so einen schnelleren Eintritt in die Tiefschlafphase ermöglichen.

Aber auch auf Äußerlichkeiten legen die Produzenten aus Höxter großen Wert.

Liebevoll werden jährlich die neuen Kollektionen gestaltet. In der kommenden Saison geht wohl für Eltern, die auf dem modisch neuesten Stand sein möchten, kaum etwas ohne eine Eulenapplikation.

Traditionalisten setzen weiterhin auf die typischen Elefanten und Bären. Und für Fans vom FC Schalke 04 lohnt sich eine Reise in den Schalke-Fanshop. Dort gibt es Alvi-Wickelauflagen in Königsblauweiß. Eine weitere erfolgreiche Kooperation gibt es seit zwei Jahren mit dem Hamburger Label bellybutton rund um Dana Schweiger und Schauspielerin Ursula Karven.

Die trendige Kollektion kommt sehr gut bei jungen Müttern an.

Wer sich aber lieber vor Ort einen Überblick über die Produkte verschaffen möchte, sollte sich den Werksverkauf anschauen. Mit etwas Glück kann man hier nämlich besondere Ausstellungsstücke und Unikate ergattern. Denn auch für den Kunden – wie für den Produzenten – gilt es, zum richtigen Zeitpunkt da zu sein.

 

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