Smart gezählt

© Foveo
Text von: Marisa Müller

Drei junge Gründer von der HAWK revolutionieren mit einer Holz-App den weltweiten Forstbetrieb.

Jeder hat sie schon einmal gesehen: Diese aufgeschichteten Holzhaufen im Wald. Gefällte Bäume, die für den Abtransport zur Weiterverarbeitung zu Tischen, Stühlen oder Brennholz am Wegesrand bereitliegen. Meist verziert mit auffälligen bunten Markierungen – doch eben diese farbenfrohen Tupfer und Zahlen wird es vielleicht schon bald nicht mehr geben. Sie gehören zur traditionellen Berechnung der sogenannten Holzpolter.

Die Ermittlung dieser Datenmenge ist entscheidend, um den Weg der Baumstämme bis zum Verarbeitungsort lückenlos zu verfolgen. Das Holz wird auf dem Weg zum endgültigen Bestimmungsort öfters berechnet, damit nichts abhanden kommt. Denn erst am Ziel der Reise wird die Lieferung bezahlt – logisch, dass da auch alles stimmen muss. Jede dieser Messungen dauerte bislang circa 20 Minuten, und ein gewaltiges Equipment war vonnöten: Digital-Kamera, Handy, Rechner und GPS-Gerät gehörten bisher neben Stift und Zettel unbedingt dazu.

Das Jungunternehmen FOVEA rund um das Gründer-Team Nadine Weiberg, Manfred Ide und Christopher Herbon hat nun eine Foto-App entwickelt, die innerhalb von fünf Sekunden die Raum- und Festmeter eines Holzpolters ermitteln kann. „Damit können wir eine Zeitersparnis von 95 Prozent garantieren“, sagt Geschäftsleiter Manfred Ide stolz. Mit der iFOVEAZähl- und Vermessungsapp wird das Holz mit Hilfe eines Smartphones fotooptisch vermessen. Anhand eines Panoramafotos des Holzpolters ermittelt die Software die Anzahl der Stämme und schlüsselt sie nach Stärkeklassen auf; zudem errechnen sich Fest- und Raummeter automatisch, die die Basis für die Preiskalkulation liefern. Abgerechnet wird die App nach vermessenem Volumen oder gezählten Stämmen und somit pro Festmeter oder Stück.

„Weltweit können so Abläufe verkürzt und Prozesse optimiert werden – das spart neben Zeit auch eine Menge Geld“, betont Ide. Eine einfache wie geniale Idee, für deren Entwicklung er relativ eigennützige Gründe hatte. Er kannte den herkömmlichen Weg zur Datenerhebung schon vom elterlichen Hof für Land- und Forstwirtschaft. „Bevor ich später mal in dem Bereich arbeite, muss eine vernünftige Software her“, dachte er sich damals und begann, seine Idee noch während der Studienzeit an der HAWK Göttingen in die Tat umzusetzen.

Ide blieb nicht lange alleine: Seine zwei Kollegen und Mitgründer von FOVEA, Nadine Weiberg und Christopher Herbon, fand er über die Professoren der entsprechenden Fakultäten der HAWK. „Wir haben alle unterschiedliche Kompetenzen. Manfred hat Forstwirtschaft studiert, ich bin als Gestalterin für die Abteilung Kreation und PR zuständig, und Christopher ist Informationstechnik- Ingenieur – so ergänzen wir uns optimal“, erklärt Nadine Weiberg.

Als das Projekt Gestalt annahm, unterstützte die Gründerinitiative der HAWK das Göttinger Start-up-Unternehmen. Die Initiative vernetzt Firmen und Gründer, berät bei finanziellen Fragen und steht jungen Unternehmern in sämtlichen Belangen zur Seite. „Sie waren vor allem in der Anfangszeit immer für uns da, wenn es Probleme gab“, sagt Ide rückblickend. Und auch heute noch nehmen die drei Gründer die Hilfe und Unterstützung von externen Beratern gerne wahr. „Wir gründen derzeit einen Firmen-Beirat“, verrät Weiberg. „Neben zwei Coaches von der Gründerinitiative werden auch erfahrene Personen aus der Wirtschaft, aus großen und kleinen Unternehmen, mit unterschiedlichen Wissensschwerpunkten dabei sein.“ Der Beirat dient als Gesprächs- und Diskussionspartner und kann überwachend tätig werden, denn das Unternehmen FOVEA wächst und wird immer komplexer.

Inzwischen beschäftigt FOVEA bereits acht Mitarbeiter zwischen 22 und 62 Jahren und sieht sich auch für die Zukunft gut aufgestellt. „Wir haben noch eine Menge anderer Ideen für weitere Innovationen, über die wir momentan aber noch nicht sprechen können und wollen“, sagt Ide. Aktuell wird an der Markteinführung der Holz-App gearbeitet, die ab diesem Jahr auch für Kleinkunden verfügbar sein soll. Testkunden wurde eine Probeversion zur Verfügung gestellt, die sie schließlich überzeugen soll. Zu den potenziellen Käufern zählen derzeit der ‚Bundesforst‘, die ‚Landwirtschaftskammer Niedersachsen‘ und ‚Nuhn Forstmaschinen‘ aus Nordhessen. Interesse an der Software gibt es allerdings auch schon weltweit: Unternehmen aus Brasilien, Südafrika, Spanien und Russland sind auf FOVEA aufmerksam geworden. Schon der gelungene Start gab ihnen allerhand Gründe für einen gesunden Optimismus. Gleich zu Beginn ihrer Arbeit erhielten sie das EXIST-Gründerstipendium der Universität Göttingen und finanzierten sich so die Anfangsphase. Und auch der weitere Weg war erfolgreich: FOVEA gewann u.a. 2013 den ‚Durchstarter-Gründerpreis‘ für herausragendes Unternehmertum, wurde mit dem ‚Innovationspreis des Landkreises Göttingen‘ für Gründer und Jungunternehmer ausgezeichnet und bekam auf der diesjährigen Cebit den mit 30.000 Euro dotierten Gründerpreis ,IKT Innovativ‘ des Bundeswirtschaftsministeriums.

„Man nimmt es gar nicht so wahr“, sagt Weiberg. Erfolg – ja schon, aber immerhin sei sie ja auch noch Studentin. „Ich sehe das nicht so sehr als Job, eher als Abenteuer“, sagt sie schmunzelnd. Ihr Kollege Christopher Herbon promoviert aktuell. „Sich weiter zu qualifizieren ist für uns alle unerlässlich“, ergänzt Weiberg. Die spürbare Doppelbelastung werde durch den Erfolg im Unternehmen und die positive Resonanz genug entschädigt. „Unsere Familien sind stolz, sehen das aber auch kritisch, weil es ein Risiko darstellt“, so Weiberg. „Entweder man ist irgendwann pleite, oder man verdient viel Geld“, sagt Manfred Ide, wobei ihm Letzteres verständlicherweise lieber sei.

Ein Jahr Entwicklungszeit hat die Holz- App zur Marktreife gebracht, Interessenten stehen Schlange, und die Jungunternehmer haben alle Hände voll zu tun: Formalien, Preisverleihungen und Kundentermine füllen ihre Kalender. Jetzt wird sich zeigen, ob das Ergebnis sich auf dem Markt etabliert. Ein vielversprechender Anfang ist in jedem Fall gemacht, auch wenn der Weg nicht immer einfach war und ist. „Auf die Selbständigkeit kann man sich nicht vorbereiten. Einfach machen! Es einfach wagen!“, gibt Weiberg als Tipp an alle Gründungs-Interessierten noch mit auf den Weg und ermuntert alle Unentschlossenen: „Wenn man sich richtig informiert und Gas gibt, gibt es auch Finanzierungsmöglichkeiten und Unterstützung an jeder Ecke. Man muss sie nur nutzen.“