Sicher ist sicher

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Text von: Marisa Müller

Der Tag ist eng getaktet. Meetings, Mitarbeitergespräche, Geschäftsessen, Telefonate und einen ganze Flut von E-Mails. Viel Zeit bleibt da nicht. Kein Wunder, dass sich die meisten Menschen um Vorsorgemaßnahmen oft erst Gedanken machen, wenn es eigentlich zu spät ist.

Und das geht schneller, als man denkt. Das gesundheitliche Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt ab einem Alter von 35 Jahren rapide an. Herzinfarkt oder Schlaganfall können folgen. Ebenso heimtückisch sind Krebserkrankungen. Multiresistente Keime, neurodegenerative Erkrankungen, fortschreitende Demenz – die Anzahl an Gefahrenquellen ist kaum zu benennen. Und ob kalkulierbar oder nicht, die betroffene Person wird in den meisten Fällen urplötzlich oder nach und nach handlungsunfähig.

Business as usual – das geht vielleicht noch, wenn ein Mitarbeiter plötzlich nicht mehr ins Büro kommen kann. Fällt jedoch der Unternehmer für längere Zeit aus, stellt dieses Ereignis nicht nur die betroffene Familie, sondern auch das Unternehmen, dessen Mitarbeiter und deren Familien vor existenzielle Probleme. Das Szenario: Der Betrieb ist führungslos, wichtige Informationen sind nicht auffindbar, Verantwortlichkeiten sind unklar, Fristen laufen unbemerkt ab – und dazu kommt die menschliche Tragödie. Ein höchst unangenehmer Gedanke für alle Beteiligten.

Doch was tun, wenn der Chef plötzlich ausfällt? Es sollten also Maßnahmen ergriffen werden, sodass der ‚Notfall‘ den Fortbestand des Unternehmens nicht unmittelbar aufs Spiel setzt. Generell gilt: Die Absicherung als Privatperson ist hier ebenso wichtig, wie es unabdingbar ist, Vorkehrungen für die eigene Firma und seine Mitarbeiter zu treffen.

„Unternehmer tragen für beide Bereiche Verantwortung. Die Themen sind vielschichtig, ob Produkthaftung, Finanz- und Liquiditätssicherung, betriebliche Altersvorsorge oder die Unternehmensnachfolge“, erklärt Peter Mühlhaus, Abteilungsleiter Marketing der Volksbank Göttingen eG, und ergänzt: „Zur Absicherung bei einer Radtour ist eine Schwimmweste genauso schlecht geeignet wie ein Fallschirm bei einer Bootsfahrt. Die passende Lösung muss eben vorhanden sein.“ Rat finden Suchende bei Ärzten, Rechtsanwälten, Notaren und auch Finanzberatern. Sie alle beschäftigen sich mit dem Thema Vorsorge, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

So regeln zum Beispiel Banken zwar in erster Linie die Vorkehrungen in finanziellen Fragen. Darüber hinaus weisen sie aber bei ihren Jahresgesprächen auch auf andere Vorsorgeversäumnisse hin und unterstützen bei der Erstellung der erforderlichen Dokumente. Axel Rümenap, Direktor Vertriebsmanagement und Kompetenzcenter bei der Sparkasse Göttingen, hat häufig mit Kunden zu tun, die noch keine Vorsorge getroffen haben. Hierfür bieten die Kreditinstitute in der Regel sogenannte ‚Notfallkoffer‘ oder ,Notfallordner‘ an. Dieser verbleibt an einem Ort, der im Notfall zugänglich ist – zum Beispiel im Büro oder beim Steuerberater. „Damit strukturieren wir alles Wesentliche und schaffen so die notwendige Basis, dass Angehörige im Ernstfall genauso entscheiden, wie es im Sinne unserer privaten und gewerblichen Kunden angemessen ist“, erklärt Rümenap den Sinn der Datensammlung.

Im Ordner der Volksbank finden sich ebenfalls alle wichtigen Dokumente, die im Fall einer Handlungsunfähigkeit der Geschäftsführung helfen können. „Dazu gehören Vollmachten, wichtige Vordrucke, Adressen, Ansprechpartner, Handlungspläne, Checklisten, Rechtsdokumente, Verlegungspläne und Verfügungen – ganz individuell auf die Kundenwünsche abgestimmt“, erklärt Peter Mühlhaus.

Auch Markus Schreier berät in Sachen Vorsorge. Der Firmenberater der UFC Unternehmens- und Finanzconsulting hat nach einer brenzligen Situation in der eigenen Familie begonnen, sich mit der Thematik näher zu beschäftigen. „Wichtig sind Listen über Passwörter, Bankverbindungen, Schlüssel des Unternehmens, Kunden- und Lieferantenverzeichnisse – es nützt nichts, wenn nur einer das alles im Kopf hat und sonst keiner“, sagt Schreier. Er versteht sich als Impulsgeber, spricht die Notwendigkeit der Vorsorge an und vermittelt an kompetente Notare und Rechtsanwälte weiter. Beratung müsse ganzheitlich sein, findet Schreier. Risikolebensversicherungen seien schön und gut, aber auch an die immaterielle Vorsorge müsse gedacht werden. Er achtet darauf, dass regelmäßig Dokumente aktualisiert und alle notwendigen Schritte getroffen werden und es nicht bei einem ‚Vorsorge? Ach ja, das müsste man mal angehen‘ bleibt. Positiver Nebeneffekt: Das Rating bei der Bank verbessert sich, wenn der Kunde über Vorsorgevorkehrungen verfügt.

Oberste Priorität sollte es sein, sich privat und auch in unternehmerischer Hinsicht auf den Tag X vorzubereiten. Wenn alles geregelt ist, kann auch ohne Chef erst mal alles seinen gewohnten Gang gehen. Vorsorgevollmachten, Betreuungs- und Patientenverfügungen stehen an erster Stelle – daran kommen verantwortungsbewusste Menschen nicht vorbei. Wichtig ist, dass überhaupt etwas getan werde, sagen die Experten.

„Die Vorsorge ermöglicht klare Handlungslinien, vermeidet Streit und Gerangel um Kompetenzen sowie Kosten für die Inanspruchnahme von Rechtsanwälten im Streitfall“, fasst Hasso Werk, Rechtanwalt bei der Göttinger Kanzlei SBZW, die wichtigsten Punkte zusammen. Am besten funktioniere Vorsorge mit Hilfe einer Vorsorgevollmacht. Mit dieser wird eine Vertrauensperson ermächtigt, im Falle geistiger und körperlicher Schwäche wichtige Entscheidungen zu treffen. Es dürfen auch mehrere Bevollmächtigte für verschiedene Bereiche bestimmt werden oder eine Rangfolge festgelegt werden, solle einer der Bevollmächtigten verhindert sein. Vermögensrechtliche Angelegenheiten, also Bankgeschäfte, Rechnungszahlungen, Vertragsabschlüsse, Verkäufe oder auch die Vertretung vor Gericht gehören so zu den übertragbaren Aufgaben.

Im privaten Bereich sind es besonders gesundheitliche Belange: Unterbringung in einem Heim, Versorgung mit Medikamenten, Auskünfte der Ärzte, Entbindung der Schweigepflicht etc. Eine Vollmacht sollte nach außen hin bedingungslos sein, um sofortiges Handeln zu garantieren. Ein Missbrauch kann bei einer entsprechenden Regelung schadenersatzpflichtig werden; die Vollmacht ist jederzeit widerrufbar.

Wer niemandem so sehr vertraut, dass er eine Vollmacht auszustellen bereit wäre, der kann sich für eine Betreuungsverfügung entscheiden. Diese legt die Person fest, die die eigenen Interessen im Falle einer Handlungsunfähigkeit vertreten soll. Gibt es eine solche Person nicht, muss vom Gericht ein Betreuer bestellt werden. Das kann jemand aus der Familie sein oder auch ein Fremder – auf diesen Prozess haben Angehörige kaum Einfluss. Und während die Mühlen der Büro kratie gewohnt langsam mahlen, können keine Entscheidungen getroffen werden. Ein Trugschluss übrigens, dass Ehepartner automatisch füreinander entscheiden dürfen. Das gilt nur, wenn eine entsprechende Betreuungsverfügung existiert. Eine der häufigsten Intentionen für eine Patientenverfügung ist der Wunsch, die Angehörigen in medizinischen Fragen nicht völlig hilflos allein zu lassen.

Ein schwerer Autounfall, Notfallversorgung und Transport in eine Klinik – doch was dann? Wurde vorher festgelegt, was beispielsweise im Falle eines komatösen Zustandes zu beachten ist, können Familie, Ärzte und Pflegekräfte dem Willen des Patienten entsprechen. Hausärzte stehen für all diese Fragen beratend zur Seite. Am sichersten ist es tatsächlich, jedes nur mögliche Szenario schriftlich festzuhalten, denn generalisierte Verfügungen oder Vordrucke aus dem Internet taugen nicht viel. Möchte eine Person zum Beispiel auf jeden Fall gepflegt werden, aber nicht zwangsläufig mit Hilfe aller zur Verfügung stehenden Mittel am Leben gehalten werden, kann dies verfügt werden. Jeder Schritt, der in einer Patientenverfügung festgehalten ist, wird ausgeführt. Magensonde, künstliche Beatmung – alles möglich, aber jeder Mensch kann das selbst entscheiden.

Trotz der zahlreichen Hilfen sind viele Unternehmen schlecht auf den Notfall vorbereitet. Rund vier Millionen Unternehmer sind jährlich betroffen, und nur 15 Prozent aller Firmen verfügen über einen ,Notfallkoffer‘. Bei etwa der Hälfte ist immerhin eine Vertretungsregelung zu finden. Und für den schlimmsten Fall sind nur 40 Prozent gerüstet. Dabei kann ein Testament unabhängig vom Alter angefertigt werden.

Auch die Unternehmensnachfolge ist ein Thema mit wachsender Bedeutung, denn die wenigsten bleiben im Laufe der Zeit in Familienhand. Oftmals gibt es schlichtweg keine Nachfolgegeneration mehr.

Es ist nie zu früh, um sich über das Thema Vorsorge Gedanken zu machen. Denn Vorsorge heißt Verantwortung übernehmen. Das beginnt bei den notwendigsten Versicherungen, umfasst Fragen wie Organspende und endet bei Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Testament und Co. Im Internet kursieren dazu diverse Formulare. Diese bieten sicher eine gewisse Inspiration, sollten aber nicht als definitiv betrachtet werden. Außerdem sollte eines nie vergessen werden: Beglaubigte oder beurkundete Dokumente haben immer mehr Gewicht.

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