Seit 100 Jahren eine feine Adresse

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Heidi Niemann

Mit Köstlichkeiten aus aller Welt behauptet sich Alfred Ewert erfolgreich gegen die Konkurrenz der Supermärkte. Das Tee-, Wein-, Gewürz- und Feinkostfachgeschäft ist eine kulinarische Institution und kann es sich sogar leisten, das Internet zu ignorieren.

Das Geschäft ist nicht besonders groß, die drei Verkaufsräume von ‚Alfred Ewert‘ umfassen gerade mal 70 Quadratmeter. Doch wer den kleinen Laden in der Weender Straße 84 in Göttingen betritt, schnuppert sofort den Duft der großen weiten Welt. Als Erstes riecht es nach Kaffee, gleich vorne neben dem Eingang befindet sich das Regal mit den Espressopackungen. Rechts geht es in den Tee-Raum mit mehr als 100 unterschiedlichen Sorten und Mischungen. Im hinteren Bereich kommt man zu der vermutlich bestsortierten Gewürzabteilung Deutschlands, allein ein Dutzend Currymischungen und Pfeffersorten sind hier zu finden. Daneben gibt es ausgesuchte Feinkostartikel wie Honig vom Mont Ventoux oder Nudelspezialitäten aus der Toskana. Im letzten Raum finden die Kunden dann Algen aus Japan und andere Zutaten für die asiatische Küche, außerdem eine Abteilung mit ausgewählten Weinen und Spirituosen.

Seit mehr als einem Jahrhundert bietet ‚Alfred Ewert‘ Aromen und Köstlichkeiten aus aller Welt an. Am 1. April feierte das Tee-, Wein-, Gewürz- und Feinkostgeschäft sein 100-jähriges Bestehen. Damit ist es eines der wenigen Einzelhandelsgeschäfte, das sich erfolgreich gegen die Konkurrenz sowohl der großen Handelsunternehmen als auch der Internetanbieter behauptet hat.

Wie hat es dieser Laden, der einst als Kolonialwarengeschäft Ewert in Göttingens heutiger Partnerstadt Torun (Thorn) gegründet und nach dem Ersten Weltkrieg auf Güterwaggons nach Göttingen transferiert wurde, bis ins 21. Jahrhundert geschafft? „Es gibt einfach bundesweit nichts Vergleichbares, selbst in Berlin und Hamburg nicht“, sagt Geschäftsinhaber Jochen Henric- Petri. „Diese Sortierung und diese Auswahl hat niemand sonst zu bieten.“

Henric-Petri ist 1995 in das Traditionsgeschäft, das weit über die Grenzen Göttingen hinaus bekannt ist, eingestiegen. 1997 hat er es dann übernommen, obwohl die Perspektiven für Einzelhändler in der Lebensmittelbranche nicht gerade vielversprechend waren. „1999 hatten die acht größten Unternehmen einen Marktanteil von 70 Prozent“, erzählt er. Seitdem ist die Nische für andere Anbieter weiter geschrumpft: „Heute gibt es nur noch vier große Unternehmen, die bereits einen Marktanteil von 85 Prozent besitzen.“

Ewert, wie Kunden den Laden nennen, hat der Vorherrschaft der Branchenriesen vor allem zwei Pluspunkte entgegenzusetzen: Individualität und Qualität. „Bei den Großen läuft das Geschäft nur über Masse und Preis“, meint Henric-Petri. „Es gibt aber auch Menschen, die sich nicht nur von industrieller Massenware ernähren wollen, sondern auf gepflegtes Essen und gute Produkte Wert legen und auch gerne selber kochen. Die Zutaten dafür kaufen sie nicht im Supermarkt, sondern auf Wochenmärkten und in Fachgeschäften – und so kommen wir ins Spiel.“

Bei Ewert erhalten Kunden nicht nur ausschließlich hochwertige Produkte, sondern auch eine fundierte Beratung. Henric-Petri kann beispielsweise erklären, welche Klebeeigenschaften die einzelnen Risotto-Sorten haben, warum ein Balsamico-Essig für 50 Euro sein Geld wert ist und worin sich die Hartweizennudeln eines italienischen Familienbetriebes von industriellen Herstellern wie Barilla & Co. unterscheiden. „Dieser Nudelteig hier ist offenporiger, fast wie Schmirgelpapier, dadurch kann er die Sauce viel besser aufnehmen als glatte Fabriknudeln.“

Und warum ist das so? „Der Hartweizenteig darf bei der Herstellung nicht zu heiß werden, das schadet der Porigkeit“, erläutert der Geschäftsinhaber. Bei der industriellen Fertigung entstehe bereits durch die hohe Geschwindigkeit des Herstellungsprozesses erhebliche Wärme, auch bei der Trocknung werde der Teig großer Hitze ausgesetzt. Die Nudelmanufaktur dagegen verwende ausschließlich spezielle regionale Zutaten, sowohl das Getreide als auch das Wasser stammen aus den Abruzzen. Der Teig werde in kühler Bergluft verarbeitet und bei Raumtemperatur getrocknet. Dies erklärt den höheren Preis, schließlich ist die Herstellung aufwändiger und dauert sehr viel länger. Der Unterschied macht sich aber nicht nur im Preis, sondern auch auf dem Teller und der Zunge bemerkbar. Die Nudeln haben eine andere Konsistenz und heben sich auch geschmacklich von der Massenware ab.

Henric-Petri beschäftigt acht Mitarbeiter, überwiegend in Teilzeit. Alle sind gelernte Einzelhandelsverkäufer, die schon 20 Jahre und länger in dem Betrieb arbeiten – auch das ein Qualitätsmerkmal, das heutzutage kaum ein Geschäft mehr vorzuweisen hat. „Der wichtigste Vorteil unserer langen Firmentradition ist, dass wir aus einem großen Fundus an Erfahrung schöpfen können“, sagt Henric-Petri. Und dieses Fundament, davon ist er überzeugt, werde auch in Zukunft tragfähig sein.

Ausruhen kann und will er sich auf dem in 100 Jahren angesammelten Erfahrungsschatz allerdings nicht: „Ich lerne immer noch jeden Tag dazu.“ Lernen tut er vor allem über die Nase, die Augen, den Tastsinn und die Geschmacksknospen: „Man muss mit offenen Sinnen an die Ware herangehen.“ Zum Beispiel beim Tee-Einkauf: Der Geschäftsinhaber lässt sich zunächst Teemuster kommen, um nach deren Verkostung über den Einkauf zu entscheiden. Die ausgewählten Tees werden in großen Säcken oder Kisten angeliefert. Bevor der Tee in kleinere Verkaufsverpackungen umgefüllt wird, werden die Blätter im Probenraum nochmals getestet, um zu prüfen, ob Qualität und Geschmack mit dem Kaufmuster übereinstimmen. Auch jede andere Lieferung wird begutachtet, bevor sie ihren Platz im Laden findet, sei es die Vanillestange aus Madagaskar oder die Ingwerknolle aus China.

Das Verkaufsteam bemüht sich, auch individuelle Wünsche zu erfüllen, z.B. wenn Kunden bei einer Urlaubsreise auf einem orientalischen Basar ein exotisches Gewürz kennengelernt haben, das sie nun auch in ihrer Küche zuhause verwenden möchten. Da es eine schier unendliche Vielfalt an Gewürzmischungen gibt, kann es dann zwar schon mal passieren, dass sie trotz der großen Auswahl bei Ewert nicht fündig werden. „Wenn aber der dritte Kunde danach fragt, habe ich es vorrätig“, sagt Henric-Petri scherzhaft. Manchmal wirkt sich auch die große Weltpolitik auf das kleine Geschäft aus: „Während des arabischen Frühlings waren plötzlich viele orientalische Gewürze gefragt, die in den großen Läden nicht zu finden sind.“

Auch auf andere kulinarische Trends stellt man sich schnell bei Ewert ein. So bekommen Kunden, die Zutaten für die vegane oder vegetarische Küche suchen, auch gleich einige Tipps, welche Produkte sie gut miteinander kombinieren können und welche Vielfalt Hülsenfrüchte und Reis bieten. Der Geschäftsinhaber weiß auch deshalb gut Bescheid, weil er selbst viel kocht und gerne isst: „Ich bin ein guter Kunde im eigenen Laden“, sagt er schmunzelnd.

2005 übernahm der Geschäftsmann den Teegroßhandel eines sich zur Ruhe setzenden Hamburger Teehändlers, dessen Kunden auch heute noch bundesweit mit den traditionellen, handwerklich produzierten Teemischungen beliefert werden. Seit vier Jahren verkauft Henric-Petri auch Spirituosen wie Madeira und Sherry. Außerdem hat er eine Weinabteilung aufgebaut, um den Kunden auch das passende Getränk zum Essen anbieten zu können. Die meisten sind Stammkunden, die ihre Bestellungen auch schon mal telefonisch übermitteln. Bestellungen per Internet sind dagegen nicht möglich. Henric-Petri hat diese Vertriebsmöglichkeit zwar geprüft, sich aber dagegen entschieden: „Ich finde das zu unpersönlich.“ Außerdem will er auch weiterhin die Prozesshoheit behalten. „Bei uns ist vom Einkauf und Wareneingang über die Qualitätskontrolle und Lagerhaltung bis zum Verkauf alles in einer Hand, und das soll auch so bleiben.“

Dass Ewert sich so gut auf dem Markt behaupten konnte, hat auch mit der Internationalität des Standorts Göttingen zu tun. Für viele ausländische Professoren, Doktoranden und Studenten ist der Laden eine wichtige Adresse. Hier finden sie Gewürze und Zutaten, mit denen sie auch in Deutschland ihre heimische Esskultur pflegen können. Häufig kommen auch Kunden, die 20 Jahre und länger nicht mehr da waren: Eltern von Studierenden, die Ewert noch aus ihrer eigenen Studentenzeit kennen, nun ihre Kinder in Göttingen besuchen und begeistert feststellen, dass es dieses Spezialitätengeschäft immer noch gibt. Für sie und viele andere Kunden ist Ewert eben nicht nur einfach ein Laden, sondern ein Stück Göttingen.