Sanierung des Deutschen Theaters

©Stadt Göttingen/Christoph Mischke
Text von: redaktion

Das Deutsche Theater Göttingen als Kultureinrichtung unterhält, regt an, berührt, macht nachdenklich. Es darf und soll zuspitzen, übertreiben und polarisieren. Theater liefert den Raum für kreative Entfaltung und legt immer wieder den Finger in die gesellschaftliche Wunde.

Teilhabe und Selbstverwirklichung werden ermöglicht, der Zeitgeist wird bedient und reflektiert. Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten werden konfrontiert mit Fantasie und Wirklichkeit, mit Politik, Gesellschaft und Zukunft. Träume und Utopien können hier Realität werden. Zuhause ist das Deutsche Theater Göttingen im historischen Gebäudeensemble am Wall. Dieses Ensemble gehört seit 1890 zur Identität der Göttinger Bürgerinnen und Bürger und ist zudem ein bedeutendes Baudenkmal der Stadt. Am und im Gebäudekomplex indes ist im Verlauf der letzten Jahrzehnte ein Sanierungsstau entstanden. Das hat dramatische Folgen: Das kommunale Gebäude verfällt zusehends und der Theaterbetrieb ist unter den Gegebenheiten nur mit Einschränkungen möglich.

„Ein Oberzentrum wie Göttingen ohne ein städtisches Theater ist undenkbar“, stellt Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler fest. „Das Theater bietet Schauspiel, Theaterpädagogik, Handwerkskunst und vieles mehr. Es leistet einen wertvollen und wichtigen Beitrag für unsere Stadt.“

„Der Gebäudekomplex ist übernutzt und in die Jahre gekommen“ – das ist das Fazit von Baudezernentin Claudia Baumgartner. „An Dach, Leitungen und Gebäude wurde seit fast 40 Jahren nichts gemacht – es bröckelt zunehmend“. Das beginne beim Anpassungsbedarf von Brand- und Arbeitsschutz für die rund 170 Beschäftigten, und gehe beispielhaft weiter über bauliche Mängel wie undichte Dächer, einer veralteten Theatertechnik und einer mangelnden Wärmedämmung. „Ob Elektro- und Rohrleitungen, Fassade oder technische Anlagen – der Sanierungsbedarf ist überall massiv“, macht Baumgartner deutlich.

Das historische, denkmalgeschützte Gebäudeensemble zu erhalten, stellt die Stadt vor große Herausforderungen. Dabei ist zu prüfen, welche Optionen für das Deutsche Theater Göttingen möglich sind, um dessen sozialgesellschaftlicher Funktion eine solide, zeitgemäße Zukunft zu bieten. Mehrere Varianten hat die Stadt erarbeitet, die verschiedene Szenarien der Sanierung und Erweiterungsoptionen darstellen.

Allen Szenarien gleich ist ihr hoher Finanzbedarf. „Eine solche Investitionssumme aufzubringen stellt die Stadt vor eine große Herausforderung“, betont Christian Schmetz, Erster Stadtrat und Finanzdezernent der Stadt. „Wichtig ist, Klarheit über die erforderlichen Investitionsbedarfe zu haben und diese transparent darzustellen. Dafür ist das Zukunftsinvestitionsprogramm das richtige Instrument.“ In dem Programm sind erkennbare Investitionsbedarfe beispielsweise für Straßen und Gebäude für einen Zeitraum bis 2033 aufgelistet. „In der aktuellen wirtschaftlichen Situation müssen Bedarfe sensibel abgewogen und finanzielle Möglichkeiten gefunden werden, um für die Stadt eine solide zukunftsfähige Basis sicherzustellen“, so Schmetz.

„Göttingen ohne das Deutsche Theater – das ist schlicht nicht vorstellbar. Mehr als 100.000 Besucherinnen und Besucher im Jahr, ein Viertel davon Kinder, Jugendliche und Studierende – das zeigt, wie gut das DT in der Bevölkerung verwurzelt ist“, unterstreicht Petra Broistedt, Göttingens Kulturdezernentin. Das Theater erfülle wichtige soziale und gesellschaftliche Funktionen. „Hier darf alles gedacht werden, nichts muss sein wie es ist. Wer hat nicht schon mal im Theater gesessen und geweint, gelacht, begeistert geklatscht? Es bietet Denkanstöße, erweitert Horizonte. Dafür müssen wir dem Deutschen Theater Göttingen den notwendigen Raum geben.“ Die Sanierung des Gebäudekomplexes solle daher auch dafür genutzt werden, das Theater zukunftsfest zu machen und veränderten Bedürfnissen der Gäste Rechnung zu tragen, so die Dezernentin.

Die Stadt will das Gebäudeensemble sanieren und dadurch den Wert des Baudenkmals erhalten. Dabei muss der erhebliche Sanierungsbedarf an den Gebäuden sowie an der Haus- und Theatertechnik behoben werden. Es geht auch um Anpassungen des Brand- und Arbeitsschutzes an die aktuellen Anforderungen für die rund 170 Beschäftigten, unter anderem auch im DT-2, das erhebliche Mängel aufweist und auf Dauer nicht bespielbar ist. Hier soll eine neue Spielstätte an anderer Stelle geschaffen werden. Der Theaterbetrieb muss sichergestellt sein und zukunftssicher ausgerichtet werden.

Dafür wurden folgende Varianten erarbeitet:

  • Variante 0 – Sanierung des Gebäudebestands
    • Vorteile: geringste Investitionskosten
    • Nachteile: es gibt kaum Möglichkeiten zur Umstrukturierung der Räumlichkeiten, der Theaterbetrieb muss deutlich reduziert werden
    • Kostenschätzung: 55 Millionen Euro (reine Sanierungskosten)
  • Variante 1 – Aufteilung des Theaters
    Sanierung des Gebäudekomplexes, zusätzlicher ergänzender Neubau für den Flächenfehlbedarf an einem abweichenden Standort („Grüne Wiese“)

    • Vorteile: Alles kann neu errichtet, moderne Theater-Konzepte können umgesetzt werden.
    • Nachteile: Standorte müssen aufgeteilt werden, Variante birgt hohe Investitions- und Folgekosten
    • Kostenschätzung: 99 Millionen Euro (davon 55 Millionen Euro reine Sanierungskosten, 44 Millionen Euro für Neubau auf der „grünen Wiese“)
  • Variante 2- Neubau an der Wallseite
    Sanierung des Gebäudekomplexes, Neubau eines ergänzenden Mehrzweckgebäudes an der Wallseite

    • Vorteile: Direkte Erweiterung des Hauptgebäudes, bestehende Abläufe können integriert werden, Standort bleibt erhalten und wird angereichert
    • Nachteile: Starker Eingriff in bestehendes Ensemble und in den denkmalgeschützten Wall-Bereich
    • Kostenschätzung: 95 Millionen Euro (davon 55 Millionen Euro reine Sanierungskosten, 40 Millionen Euro für Neubau Mehrzweckgebäude auf der Wallseite)
  • Variante 3- Neubau auf der Tiefgarage
    Sanierung des Gebäudekomplexes; Neubau eines ergänzenden Mehrzweckgebäudes auf der Tiefgarage

    • Vorteile: Direkte Erweiterung an das Hauptgebäude; Standort bleibt erhalten, bestehende Abläufe können integriert werden
    • Nachteile: Tiefgaragenüberbau nicht wirtschaftlich; starker Eingriff in bestehendes Ensemble
    • Kostenschätzung: 94 Millionen Euro (davon 55 Millionen Euro reine Sanierungskosten, 39 Millionen Euro für Neubau Mehrzweckgebäude auf Tiefgarage)
  • Variante 4- Umwidmung des Werkstattgebäudes
    Sanierung des Gebäudekomplexes; zusätzlich wird das Werkstattgebäude zur neuen Spielstätte

    • Vorteile: Vorhandene Flächen werden nicht überbaut; beste Lösung für den Standort
    • Nachteile: Werkstätten müssen ausgelagert werden; Neubau / Anmietung von Flächen an anderer Stelle nötig
    • Kostenschätzung: 63 Millionen Euro (davon 55 Millionen Euro reine Sanierungskosten, 8 Millionen Euro für Umwidmung und Neubau Werkstätten)
  • Variante 5- Kompletter Neubau
    Sanierung des Gebäudekomplexes; das Theater wird vollständig an einem anderen Ort neu gebaut

    • Vorteile: alles kann neu errichtet werden, moderne Theaterkonzepte können umgesetzt werden
    • Nachteile: höchste Kosten, neuer, unklarer und ungewohnter Standort, Nachnutzung des historischen Gebäudekomplexes ungeklärt
    • Kostenschätzung: 185 Millionen Euro (davon 55 Millionen Euro reine Sanierungskosten des historischen Gebäudekomplexes, 130 Millionen Euro für einen Theaterneubau)

Die Verwaltung präferiert Variante 4, da sie die vollständige Sanierung berücksichtigt, den Bedarf an Flächen für den Theaterbetrieb deckt und keine weiteren Flächen überbaut werden müssen. Es ist die ökologischste Lösung. Sie erfordert weder Eingriffe in das Naturdenkmal Wall noch in das Gartendenkmal im Wallvorfeld. Im Verhältnis zu den Varianten 1 bis 3 und 5 ist sie deutlich günstiger und erhält das Deutsche Theater Göttingen als Institution am Standort und stellt es zukunftsfähig auf.