Salz auf meiner Haut

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Marisa Müller, redaktion

Seit Jahrtausenden sucht die Menschheit das Salz in der Suppe: Die Würze muss stimmen – dann herrscht Harmonie im Kochtopf des Lebens. Auch in der ältesten Pfannensaline Europas funktioniert das Ying und Yang, ob nun bei der Arbeit an der Siedepfanne oder im Solebecken des Badehauses.

In einem alten Jauchesilo nahm das Solebad seinen Anfang. Fünf Jahre lang experimentierte Bethmann herum. Auslöser für dieses Interesse waren gemeine Rückenschmerzen, die den heute 60-Jährigen plagten. Der hohe Salzgehalt, die Dichte des Wassers tragen den Körper und entlasten so das Skelett – das entspannt.„Freunde und Bekannte haben im Silo gebadet, da wollte ich es irgendwie richtig machen“, erklärte Bethmann. Tiefe, Weite und Entspannung – das gehört für ihn zur Saline Luisenhall.

Unter Wasser knistert es. Als würde das Salz rascheln. Die Decke ist gewölbt, erinnert an den Himmel. Das Blau, die Tiefe der Gestaltung, Entspannung macht sich breit. Alle Eindrücke wirken gleichzeitig. Vorsichtig versuche ich zu paddeln. Keine Chance. Sofort kentere ich von meiner Schwimmnudel, trudele herum wie eine leere Plastikflasche im Wasser. Das Salz brennt in den Augen. Schlimmer als Meerwasser. Blöder Versuch. Irgendwo am Beckenrand muss ein Wasserhahn sein. Ich taste danach, spüle – halb blind – Salz aus meinem Gesicht. Jetzt will ich es wissen. Versuche zu tauchen. Gleich neben den Wasserhahn, denn nun weiß ich ja, was passieren wird. Luft holen, tief einatmen und mit aller Kraft nach unten – hilflos plansche ich kopfüber an der Oberfläche. Tatsächlich ist der Effekt, als seien an allen Gliedmaßen Schwimmflügel befestigt. Faszinierend dieses Salz!

Als die Zeit um ist – länger als 30 Minuten sollte man nicht im oder besser auf dem Wasser schwimmen –, stehe ich vor einem Kneippschen Wasser-Tretbecken, das zur Prozedur gehört. Kann ja nicht so schlimm sein, denke ich und mache einen beherzten Schritt. Drei Runden immer im Kreis. Meine Beine werden immer kälter. Ich ziehe das durch! Voller Wehmut erinnere ich mich an die wohlige Wärme von eben. Direkt im Anschluss wartet die Sonnendusche, eine aufrecht begehbare Solariumkabine, auf mich.

An der Decke sind zwei Griffe befestigt. Damit auch die Arm-Innenseiten gebräunt werden. So stehe ich da – und komme mir schon ein wenig komisch vor. Arme in der Luft, Schutzbrille auf der Nase. Um mich herum die hellen UV-Röhren und Wind aus einem Gebläse. Es ist laut und rauscht. Schön warm, das Salz auf meiner Haut trocknet. Und dann ist es vorbei. Dunkelheit. Irritiert zerre ich mir die Brille vom Kopf. Das kam überraschend. Und jetzt geht die Tür nicht auf. Klemmt die? Oder gibt es einen geheimen Mechanismus? Zu dunkel, um etwas zu sehen. Vielleicht kommt ja irgendwann jemand und sucht mich? Ich möchte nichts kaputt machen. Noch einmal drücke ich, jetzt etwas kräftiger, gegen die Kabinenwand – und taumele ins Freie. Endlich!

© Alciro Theodoro Da Silva

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Im Ruheraum, der durch hohe Fensterfronten offen und einladend wirkt, wickle ich mich in eine cremefarbene Decke ein, lasse mich auf einem der ergonomischen Liegestühle nieder und nippe am frischen, für mich bereitgestellten Multivitaminsaft.

Zu Beginn unseres Gespräches hatte Bethmann über die Gaumenfreuden seines Salzes gesprochen. Es sei wie bei allen Genussmitteln, das Maß sei entscheidend. Aber das reguliere der Körper von selbst. Er selbst liebe Soleier und Rinderrouladen, zubereitet mit Luisenhaller Tiefensalz. „Richtig ist es, wenn es schmeckt“ – dann sei es weder zu viel noch zu wenig des einst sehr kostbaren Gewürzes. Im Mittelalter wurde Salz mit Gold aufgewogen. Kostbar war das Gewürz vor allem, weil die Transportwege extrem lang und die Verfügbarkeit gering waren. Dass Salz unterschiedlich schmecken kann, hat mittlerweile auch die Spitzengastronomie wahrgenommen. Renommierte Köche haben das Göttinger Produkt für sich entdeckt.

© Alciro Theodoro Da Silva

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So verwenden u.a. Sternekoch Daniel Raub vom Landgasthof Biewald in Friedland und Sarah Wiener, bekannt aus Funk und Fernsehen, das Tiefensalz für ihre erlesenen Speisen.  Auch viele große Betriebe werden mit Salinesalz beliefert. Die Firma Kneipp stellt seine Badesalze mit Luisenhaller Tiefensalz her. Ohne weitere Zusätze verwenden die Therme auf Norderney und die Göttinger Eiswiese die gesunde Sole. Im Zoo Hannover und der Zoo am Meer in Bremerhaven baden Eisbären und Seehunde darin.

Sehr gemütlich, kuschelig – eigentlich möchte ich gerade nicht mehr aufstehen. Draußen fallen die letzten Blätter von den Birken und geben den Blick auf ein herrschaftliches Gebäude frei. Auch hier im Ruhebereich wieder Tiefe und Weite. Das Salz trocknet langsam, Wärme breitet sich aus. Der Aufenthalt im Solebad hat viele positive Effekte auf den menschlichen Körper. Der Stoffwechsel wird angekurbelt „wie nach einem Dauerlauf“, so Bethmann. Außerdem wirkt das Salz positiv auf die Haut. Ekzeme werden gelindert, Wunden heilen besser, und für Atemwegserkrankungen ist die Inhalation der Sole ratsam. Letzteres ist in der Dampfsauna oder im Inhalationsraum möglich.

Der gekachelte Sauna-Raum ist auf 45 Grad aufgeheizt. Leichter Wasserdampf schlägt mir entgegen, als ich die Tür öffne. Die gekachelten Bänke sind rechts und links des Raumes angeordnet. Frontal befindet sich das Becken, in dem die Sole verdampft.Das Badehaus ist direkt mit der Salzproduktion der Saline vernetzt. Die frisch geförderte Sole läuft über Leitungen direkt dorthin, muss aber noch verdünnt werden. Die ursprünglichen 27 Prozent Salzgehalt seien zu aggressiv für die Haut, erklärte Bethmann. Auch so brennt das Salz leicht auf der Haut. Die 20 Minuten sind rum. Tür auf und raus.Leicht benebelt und tiefenentspannt stehe ich erneut vor dem Kneippschen Wasser-Tretbecken. Brrr. Noch ein wenig ausruhen …

Auch wenn Bethmann noch lange nicht an seinen Ruhestand denkt, wie er sagt, seine zwei Söhne werden Luisenhall einst weiterführen.

„Wichtig ist mir nur, dass der Mensch im Fokus steht und nicht der Porsche„, aber da ist sich der Salzexperte sicher, dass seine Nachfahren diesen Leitgedanken verstanden haben. Die Gebäudesubstanz der Saline möchte er in den kommenden Jahren weiter sichern und erhalten. Es gäbe noch eine Menge zu tun, erzählte er.

Grobes Peelingsalz befindet sich in kleinen Holzeimern vor den Duschkabinen. „Bloß nicht mit Duschgel und Shampoo duschen“, lautet die Anweisung für die letzte Station des Wellnessprogramms. Also nur Wasser und Salz. Komisches Gefühl, aber irgendwie okay. Keine Haarspülung ist für mich allerdings eine Herausforderung. Aber ich halte mich daran. Chemie auf der Haut wäre kontraproduktiv für den gesundheitlichen Effekt. Ich lasse es bleiben. Es nieselt noch immer, als ich das Gelände der Saline verlasse. Meine Haare fühlen sich an wie nach einem Tag am Meer. Ein bisschen Ruhe nehme ich als Andenken mit. Aus den Gebäuden dringt noch immer der Wasserdampf der Siedepfannen.[/vc_column_text]

Weiteres zur Saline

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© Alciro Theodoro Da Silva

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Die geförderte Sole wird in einem großen Holzreservoir gelagert, bis sich das Wasser-Salz-Gemisch beruhigt hat, durch das Salz wird das Holz konserviert. Die gesamte Konstruktion besteht ausschließlich aus Holz, keine Schrauben, keine Metallteile. Vom Reservoir aus werden die Siedepfannen mit der Sole befüllt. Von unten mit Steinkohle befeuert, dauert es ungefähr zwei Tage, bis die riesigen Pfannen die nötige Temperatur von ungefähr 70 Grad Celsius erreichen. Die Salzblüten werden jeden Morgen abgeerntet, anschließend setzt sich der riesige mechanische Rechen in Bewegung und zieht das gesunkene Salz in eine Ecke des Beckens. Dort wird es herausgepumpt, anschließend zentrifugiert, getrocknet und verpackt. Die Pfannen werden kontinuierlich nachgefüllt, ständig läuft frische Sole nach. Hin und wieder müssen die Pfannen gereinigt werden. Hierfür werden sie trockengelegt und mit Presslufthammer und Hochdruckreiniger von Rückständen bereit. Eine Siedepfanne hält circa 15 Jahre, dann beginnt das Salz die Stahlkonstruktion massiv anzugreifen.

Gut zu wissen

Das Luisenhaller Tiefensalz ist frei von Umwelteinflüssen. Das Wasser zur Förderung wird nicht künstlich zugeführt, denn es handelt sich um Natursole. Weitere Bearbeitungsschritte, die die Eigenschaften des Salzes verändern, finden nicht statt. In Meersalz sind alle Verunreinigungen in Spuren zu finden, die im Meer schwimmen, denn Salz speichert diese Eigenschaften. Industriellem Speisesalz werden alle natürlichen Spurenelemente bei der Produktion künstlich entzogen. In der Saline werden unterschiedliche Salzkörnungen produziert. Je nach Temperaturentwicklung beim Sieden des Salzes in den Pfannen werden die Salzkörner größer oder kleiner. Das Fleur de Sel, die so genannte Salzblüte, wird von der Wasseroberfläche abgeerntet. Der Rest setzt sich am Pfannenboden ab und wird abgepumpt, getrocknet und verpackt.

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