Salz auf meiner Haut

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Marisa Müller, redaktion

Seit Jahrtausenden sucht die Menschheit das Salz in der Suppe: Die Würze muss stimmen – dann herrscht Harmonie im Kochtopf des Lebens. Auch in der ältesten Pfannensaline Europas funktioniert das Ying und Yang, ob nun bei der Arbeit an der Siedepfanne oder im Solebecken des Badehauses.

Oft habe ich mich gefragt, was sich hinter den alten Backsteinmauern im Greitweg verbirgt. Die Göttinger Saline Luisenhall, soviel war klar. Doch was hinter diesem Namen steckt, war für mich bis vor Kurzem ein Rätsel. Roter Backstein – von außen wie eine kleine Festung. Vereinzelt fahren Autos vorbei. Es nieselt, die Steine der holperigen Einfahrt sind nass und rutschig. Alles liegt in einem feinen Nebel, Luftfeuchtigkeit, aber auch aus den Gebäuden zu meiner Linken dampft es. Ein hoher Turm mit Holzverkleidung. Schon von weitem war die gehisste gelbblaue Fahne zu sehen. Ich setze meinen Weg über den Hof fort. Noch immer Backstein, aber es gibt auch Gebäude, die architektonisch aus anderen Epochen zu stammen scheinen. Villengebäude, vermutlich um die Jahrhundertwende errichtet – in einem wartet Jörg Bethmann.

© Alciro Theodoro Da Silva

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Bethmann ist der Betreiber der Saline. 1995 übernahm er das verloren geglaubte Unternehmen. In Göttingen und Umgebung wusste kaum jemand von der einzig noch in Betrieb befindlichen Pfannensaline Europas vor der eigenen Haustür. Und schon gar nicht, was das eigentlich bedeutete. „Das Unternehmen war bereits für tot erklärt worden. Städteplaner hatten schon eine Straße durch das Salinengelände geplant, von der Industriestraße bis zur Kassler Landstraße sollte die führen.“ Bethmann runzelt die Stirn. Er kann es selbst kaum glauben. Aber es gab keine Straße, stattdessen Auftrieb für den Betrieb, der seit Generationen in Familienbesitz ist.

In 460 Metern Tiefe lagert das Salz, das durch natürliches Wasservorkommen gelöst und ans Tageslicht befördert wird. Ungefähr 250 Millionen Jahre alt sind die Salzvorkommen. „3.500 Tonnen sieden wir im Jahr, da reicht die Sole noch für die nächsten Generationen“, berichtet Bethmann. Zum Vergleich: Die Industrie liegt bei 8.000 bis 10.000 Tonnen am Tag. „Aber alles nicht vergleichbar, denn wir raffinieren nicht. Wichtige und ursprüngliche Spurenelemente bleiben in unserem Salz erhalten.“

© Alciro Theodoro Da Silva

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Für Bethmann ist Salz allerdings mehr als nur ein Gewürz. „Salz ist Leben“, sagte er und erklärt: „Salz ist Genuss auf mehreren Ebenen. Unser Salz ist weich, leicht süßlich, schmeckt angenehm auf der Zunge. Dass wir Salz in Lebensmitteln konsumieren, ist die eine Seite, die andere ist die Wellnessanwendung mit der Tiefensole.“

Deutsch-Drahthaar-Rüde Ulex drückt seine Nase von unten gegen den Glastisch und wedelt vorsichtig. Im Büro stehen wuchtige dunkle Holzmöbel, Kaffee dampft in den Tassen. Das Feuerzeug klickt. Bethmann zündet sich eine Zigarette an und erinnert sich: „Als ich ein kleiner Junge war, waren wir sicher mehr als 30 Kinder, hier auf der Saline. Wir haben zusammen Ostereier auf dem Gelände und im großen Garten gesucht. Am Ende wurden die Eier gerecht unter allen Kindern aufgeteilt.“

Fairness, der Mensch, die Ruhe – all das steht auch noch heute im Fokus. Bethmanns Aufmerksamkeit erhält nicht, wer lauter schreit und schneller läuft. Er hat ein Auge für das Besondere und die Details – sein Weg ist nicht klassisch, dennoch aber erfolgreich. „Ich mache alles mit Herzblut. Mitarbeiter sind mir wichtig“, gesteht er. Und das zeigt sich im Verborgenen: Das 160-jährige Jubiläum der Saline und seinen 60. Geburtstag im November hat in der Öffentlichkeit kaum jemand wahrgenommen. „Viel Pomp und Wichtigtuerei – ich brauche das nicht“, sagt Bethmann bedächtig. Seine Mitarbeiter stünden im Vordergrund, und allein mit ihnen habe er gefeiert: Hafenrundfahrt in Hamburg mit rund 40 Aktuellen und Ehemaligen, ein vergnüglicher Tag mit abendlichem Grünkohlessen. Luisenhall wurde nie groß beworben oder vermarktet. Er hätte wohl eine große Werbeaktion starten können, wollte aber nicht, erzählt Bethmann.

Das Badehaus Luisenhall wurde 2002 eröffnet. Solebecken, Dampfsauna, Massagen – besonders nach Feierabend haben die Mitarbeiter viel zu tun, denn dann strömen zahlreiche Gäste, hauptsächlich gestresste Büroangestellte, in die heiligen Hallen; 18.000 Besucher pro Jahr.

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„Hier präsentieren wir den Wohlfühlfaktor Salz. Das Badehaus ist eine dauerhafte Investition, wesentlich besser als eine große Marketingkampagne“, erklärt Bethmann den Gedanken zu dem Bereich im Betrieb, in dem Erholung groß geschrieben wird.

Mit vielen Informationen und schwer bepackt möchte ich nun wissen, wovon Bethmann geredet hat – auf ins Badehaus, die graue Tasche gefüllt mit Flip-Flops, Bademantel und Bikini. Das Licht im Eingangsbereich ist gedämpft. Alles riecht nach Salz. Wärme schlägt mir entgegen. Rechts die gesamte Produktpalette, Badesalz in bunten Verpackungen, Kochsalz im Plastiktütchen, Sole in der Flasche für zu Hause – hinter dem Tresen zwei Mitarbeiterinnen. „Dort hinten sind die Kabinen, danach einfach durch den Gang in den Badebereich“, begrüßt mich eine von ihnen freundlich und deutet in meine Blickrichtung.

„Das Salz entspannt, es trägt einen“, hatte Bethmann zuvor erklärt. Tatsächlich hat die Sole im Becken einen Salzgehalt von 18 Prozent. Der Effekt: wie im Toten Meer. Der Körper schwimmt automatisch an der Wasseroberfläche. Langsam tauche ich einen Zeh ins Wasser. Badewannenwarm. Mit der gelben Schwimmnudel unterm Arm wate ich weiter. Sanfte Beleuchtung, Backsteinwände, quadratischer Raum, außer mir sind noch zwei Personen im Becken. Sie treiben auf dem Rücken. Toter Mann – keiner bewegt sich. Leise Entspannungsmusik im Hintergrund. Ich habe die Maximaltiefe erreicht – und nichts hält mich mehr. Meine Füße verlieren den Boden und werden nach oben gezogen. Ein ‚Toter Mann‘ mehr im Becken.

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