Revolutionäres Lernen für Mediziner

Text von: Tobias Kintzel

Von der ersten Idee einer E-Learning-Lösung für das medizinische Staatsexamen schaffen es drei ehemalige Göttinger Studenten als Gründer in 18 Monaten zu 50 Prozent Marktanteil.

„ES IST SCHWER VORSTELLBAR, DASS HEUTE JEDER ZWEITE ANGEHENDE ARZT IN DEUTSCHLAND MIT UNSERER IDEE FÜR DAS EXAMEN LERNT“, sagt Kenan Hasan begeistert. Er ist einer der drei Gründer der miamed GmbH, die gemeinsam die Online- Lernsoftware AMBOSS entwickelt haben – ein Kreuzprogramm zur Abarbeitung von Multiple-Choice-Fragen aus früheren, kommentierten Examensarbeiten mit einem umfangreichen Nachschlagewerk.

„Im April 2013, bei der ersten Prüfung nach der Markteinführung im Dezember 2012, lagen wir bereits bei etwa 20 Prozent Marktanteil.“ Besonders freuen sich Kenan Hasan (30) und seine Mitgründer Madjid Salimi (34) und Jan Sievert Weiss (30) aber über die positiven Rückmeldungen der angehenden Mediziner, die AMBOSS zum Lernen nutzen. Sowohl per E-Mail als auch über die Rezensionsfunktion bei Amazon erreichen das Team beinahe täglich begeisterte Kommentare.

ERSTE GEDANKEN, WIE EIN OPTIMALES PROGRAMM ZUR EXAMENSVORBEREITUNG AUSSEHEN MÜSSTE, KAMEN HASAN, SALIMI UND WEISS BEIM GEMEINSAMEN LERNEN FÜR DAS MEDIZINISCHE STAATSEXAMEN IM HERBST 2010. „Wir haben damals in Göttingen studiert und uns zusammen vorbereitet – oft recht unkonventionell, mit Hilfe des Internets und vor allem mit viel gegenseitiger Unterstützung“, erzählt Madjid Salimi, der heute Geschäftsführer der miamed GmbH ist.

Das zur Verfügung stehende Lernmaterial erschien den dreien veraltet, unpraktisch und durch Redundanzen im Inhalt nicht immer zielführend. Dennoch schlossen alle ihre Prüfungen sehr gut ab. Als Salimi dann im Frühjahr 2011 Hasan und Weiss denVorschlag machte, ihre Idee einer innovativen Lern-Plattform tatsächlich umzusetzen, waren beide sofort mit an Bord. Sie gründeten ein Start-up-Unternehmen und begannen, AMBOSS zu verwirklichen.

„Im Nachhinein hatten wir aus meiner Sicht zwei Vorteile, die entscheidend zu unserem Erfolg beigetragen haben“, sagt Kenan Hasan. „Wir waren wenige Monate zuvor praktisch Teil unserer eigenen Zielgruppe, hatten detaillierte Kenntnisse über den Markt und die Anforderungen der Studenten. Das hat uns umfangreiche und langwierige Marktforschungsaktivitäten erspart. Und Madjid hat aus einer anderen Gründung bereits Know-how und sehr viel technisches Verständnis mitgebracht.“ Vor allem das unternehmerische Herangehen sei unerlässlich, so Hasan weiter. Aus seiner Sicht wäre die Gründung und letztlich deren Erfolg ohne die Vorerfahrung seines Freundes und Kollegen Salimi kaum denkbar gewesen. Im Vordergrund stünde dabei das Wissen, wie man von einer Idee zu einem konkreten Produkt oder einer Dienstleistung kommt, welche Schritte man dabei wann gehen muss. „Ohne die tatsächliche Umsetzung ist jede noch so gute Idee zunächst einmal 0 Euro wert“, stellt er nüchtern fest. Wer mit einem Konzept keine Investoren überzeugen könne und keine Vorstellung vom Markteintritt und dessen Hürden habe, könne keinen Erfolg erwarten. „Am Ende funktioniert eine Idee, ein Produkt oder eine Dienstleistung nur, wenn es dafür zahlende Kunden gibt.“

Außerdem brauche es für eine erfolgreiche Gründung, so Madjid Salimi, eine gewisse Hartnäckigkeit, ein dickes Fell und vollen Einsatz. „Wir haben am Anfang beinahe nur Gegenwind bekommen. Alle haben uns gesagt, der Markt sei zu klein, der Aufwand lohne sich nicht. Unsere Idee sei nicht umsetzbar“, erinnert er sich. Die Bewerbung für ein eXist-Gründerstipendium – ein bundesweites Förderprogramm, das innovative Unternehmensgründungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen unterstützt – scheitert in einer frühen Phase. „Wir sind dann einfach noch enger zusammengerückt und waren ab der ersten Stunde bis heute mit Herzblut dabei. Wir haben in der Konzept- und dann in der Produktentwicklung auf eigenen Lohn verzichtet.“

AUFTRIEB BEKOMMEN DIE DREI GRÜNDER, ALS SIE IM FRÜHJAHR 2012 ALS AUSSICHTSREICHES START-UP-UNTERNEHMEN MIT DEM GO-E-AWARD bei der 2. Entrepreneurship Spring School der PFH Private Hochschule in Göttingen ausgezeichnet werden. „Vor allem Prof. Dr. Manfred P. Zilling hat uns bestärkt, er fand unsere Idee und unsere Arbeit überzeugend. Das hat uns neben dem Gewinn des Wettbewerbs unheimlich bestärkt“, beschreibt Kenan Hasan.

Kraft und Motivation ziehen die Gründer auch heute noch aus der Begeisterung für die Idee, die Ausbildung junger Mediziner zu verbessern und voll und ganz hinter dem eigenen Produkt stehen zu können. Madjid Salimi ergänzt: „Wir sind mittlerweile ,Cashflow positiv‘, das liegt bei so einem großen Team an Fachkräften auch daran, dass wir persönlich nach wie vor deutlich weniger verdienen als Assistenzärzte im Krankenhaus. Der Spaß an der Arbeit in einem hochmotivierten und produktiven Team und an unserer langfristigen Vision wiegt das aber locker auf.“

Derzeit hat die miamed GmbH 14 festangestellte und eine Vielzahl freier Mitarbeiter, die an den Standorten Köln und Berlin tätig sind und die Online-Lernsoftware AMBOSS kontinuierlich weiterentwickeln und Inhalte aktualisieren.

Einen weiteren Tipp für Gründer hat Kenan Hasan noch parat: „Jeder sollte gründlich überlegen, ob er Fördergelder beantragen will. Das ist eine schwierige Angelegenheit mit offenem Ausgang und nimmt viel Zeit in Anspruch, die man für andere Dinge verwenden kann. Ich denke, mit einer wirklich guten Idee funktioniert eine Gründung auch ohne Fördergelder!“