Retter der Stadt

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Heidi Niemann

Neue Nutzung für alte Häuser zur Rettung der Innenstädte – Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt mit der Urkunde ‚Gute Gründe(r)‘ ausgezeichnet

Wie kann man es schaffen, mehr Leben in die Innenstadt zu bringen und gleichzeitig historisch wertvolle Gebäude zu erhalten? Diese Frage treibt bereits viele Kommunen in Südniedersachsen um. Auch Hann. Münden hat mit dem Problem zu kämpfen, dass die Altstadt zusehends an Attraktivität verliert. Viele der pittoresken Fachwerkhäuser werden den heutigen Wohnbedürfnissen nicht mehr gerecht und müssten eigentlich saniert und umgebaut werden. Hierfür fehlt privaten Investoren aber oft das Geld.

Engagierte Bürger in Hann. Münden suchten ebenfalls nach einem Ausweg aus diesem Dilemma und hatten eine zündende Idee: Sie gründeten eine Bürgergenossenschaft, um dieses Problem gemeinschaftlich anzugehen. Motor des Projekts war zunächst der Betreiber des Mündener Fahrradhotels, Bernd Demandt, der bereits mehrere Fachwerkhäuser in Eigenregie saniert hat und entsprechend seine Erfahrungen mit einbringen konnte (siehe faktor-Winterausgabe 2013).

Sehr schnell kamen viele Mitstreiter hinzu. Bei der Gründungsversammlung im Februar 2013 traten bereits 173 Menschen der neuen Bürgergenossenschaft Mündener Altstadt e.G. bei. Jedes dieses Mitglieder hält seitdem einen oder mehrere Anteile von jeweils 100 Euro. Das ausgeschriebene und ambitionierte Ziel der Genossenschaft ist es, Perspektiven zur Rettung und Reaktivierung leerstehender Gebäude in der Altstadt von Hann. Münden aufzuzeigen und auch in konkrete Projekte umzusetzen.

Der Genossenschaftsgedanke zur Umsetzung von bürgerschaftlichen Gemeinschaftsprojekten ist nicht neu, wohl aber die besonders öffentlichkeitswirksame Projektgestaltung. Weil sie die Mündener Initiative für ein Leuchtturmprojekt halten, haben die Wirtschaftsregion Göttingen (WRG) und die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen (GWG) die Bürgergenossenschaft jetzt mit der Urkunde ‚Gute Gründe(r)‘ geehrt. „Gerade unter Berücksichtigung des demografischen Wandels braucht es kreative und wirtschaftliche Lösungen für die Wiederbelebung schützenswerter, mittelalterlicher Stadtkerne“, sagt WRG-Geschäftsführer Detlev Barth. Auch Göttingens Landrat Bernhard Reuter sieht darin ein nachahmenswertes Modell: „Das Vorhaben, neues Leben in die Stadt zu holen, historisch wertvolle Gebäude zu erhalten und den Genossenschaftsmitgliedern eine sichere Geldanlage zu bieten, kann auch ein kreativer Anstoß für ähnliche Vorhaben in anderen Kommunen sein.“

Das erste Projekt der Genossenschaft war ein spektakulärer Sanierungsmarathon in einem durch einen Brand schwer beschädigten Fachwerkhaus in der Mündener Innenstadt. Neun Tage lang arbeiteten im Rahmen des Festivals ‚Denkmal! Kunst – Kunstdenkmal‘ rund um die Uhr Dutzende von Freiwilligen auf der Baustelle. „Inzwischen ist der Rohbau fertig, die Innenarbeiten sind weit fortgeschritten“, sagt die Architektin Sabine Momm. Sie ist als Planerin bei dem Sanierungsprojekt engagiert und gehört außerdem dem Vorstand der Genossenschaft an. Diese hat in der Zwischenzeit weiteren Zulauf erhalten. „Wir haben mittlerweile knapp 240 Mitglieder“, berichtet sie.

Die künftige Nutzung des Gebäudes steht auch schon fest. Der Verein Mündener Kunst- Netz e.V. will dort Ateliers und Werkstätten einrichten, die übrigen Gebäudeteile werden als Wohnungen vermietet. Damit bekommt das Haus auch eine wirtschaftliche Nachnutzung, die lange Zeit undenkbar erschien und potentielle Interessenten vom Kauf und einer Renovierung abschreckte. Ermöglicht haben dies die vielen freiwilligen Helfer und die Genossenschaftsmitglieder, die durch den Kauf ihrer Anteile auch Mitbesitzer des Hauses sind. Sabine Momm hat sogar einige Genossenschaftsanteile zu Weihnachten verschenkt. „Alle waren begeistert und fanden das eine tolle Idee.“