Restauranttest: Der Zinke in Heiligenstadt

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

Das Auge isst diesmal nicht mit: Gemeinsam mit einem Optiker wagte faktor das Experiment eines Blind Dinners im Restaurant Der Zinke in Heiligenstadt.

Wir sitzen im absolut Dunkeln. Selbst die Augen gewöhnen sich nicht an die Umgebung, können für die Stunden des Abendessens nichts erkennen, weder im Raum noch auf dem Teller. Dieses Erlebnis ist so in der Region einmalig: das Blind Dinner im Restaurant Der Zinke in Heilbad Heiligenstadt. Eigentlich hat der Inhaber Guido Zinke es das „Restaurant mit Einblick“ genannt, doch bietet er im abgeschirmten Nebenzimmer ein völliges Kontrastprogramm.

Sehen und nicht sehen – wir lassen uns auf das Experiment ein, und was liegt da näher, als einen Optiker dazu einzuladen. Und so treffen wir Marcus Rambach, Inhaber von Blickpunkt Augenoptik in Heiligenstadt, zunächst im vorderen Teil des Restaurants. Große Fensterflächen geben den Blick zur Lindenallee frei, und an einer länglichen Kochtheke im Raum werden im Blickfeld der Gäste die Speisen direkt auf Bestellung zubereitet. Keine Fertigzutaten, kein eingefrorenes Fleisch, kein konserviertes Gemüse – nur frische Lebensmittel werden verarbeitet. So auch die Hummer, die noch im Aquarium neben der Theke leben.

Guido Zinke bekennt: „Wir lieben die direkte Kommunikation mit unseren Gästen“, die natürlich hautnah das Treiben der Köche miterleben, das sonst oft hinter einer Küchentür verborgen bleibt. Und so sind die Mitarbeiter nicht nur ein eingespieltes Team, sondern sorgen auch für eine freundliche und offene Atmosphäre. Freundlich und offen nimmt uns auch Gui do Zinke die Aufregung vor der absoluten Dunkelheit. Noch im Hellen erklärt er uns, was uns erwarten wird, und seine lockere Art nimmt etwas von der Anspannung, die manchen beschleicht.

Marcus Rambach nimmt es eher gelassen, obwohl es auch für ihn das erste Mal ist. Wir bekommen ein großes Papierlätzchen umgebunden, und dann führt uns der Kellner, der ein Nachtsichtgerät trägt, im dunklen Raum zu unseren Plätzen. So ist das also. Links neben mir spüre ich eine Wand, bin aber überrascht, als ich die Stimme des Optikers, den ich gegenüber wähnte, zu meiner Rechten vernehme. Die Ohren sind gespitzt und versuchen, den Raum wenigstens akustisch zu erfassen. Das Besteck ist gut zu ertasten, und die Getränke werden in standsicheren Gläsern serviert.

Perfekte Verdunklungstechnik

„Zwei Blindenlehrerinnen haben uns bei dem Konzept geholfen“, erklärt uns Zinke, „und es gibt erstaunlich viele Dinge, die man als Sehender so nicht beachtet hätte.“ Vor allem die Entwicklung einer perfekten Verdunklungstechnik sei aufregend gewesen, und auch das Finden guter Nachtsichtgeräte war schwierig. Sie sind nicht für den „Privatgebrauch“ konzipiert, sind unter anderem schwer und bieten nur ein eingeschränktes Sichtfeld.

Und wie fühlt sich Rambach so ganz ohne Sehvermögen? Der Optiker, der für sein Geschäft mit „für schöne Augenblicke“ wirbt, wird erst aufgeregt, als die Vorspeise serviert wird und es darum geht, etwas auf die Gabel zu bekommen. Da man vorher nur eine Umschreibung der Speisen bekommt, ist die Geschmacksprobe umso aufregender. Plötzlich der Ausruf: „Ah, Fisch!“ Was bei einem Fischmenü eigentlich zu erwarten war, kommt einer Überraschung gleich. Interessant auch, wenn sich das große Stück im Mund als milde Paprika entpuppt. Bei der dann gereichten Suppe ist die Trefferquote schon besser, denn etwas auf den Löffel zu bekommen, gestaltet sich einfacher.
Rambach ist fasziniert von der Konzentration auf die Feinmotorik. Mal nichts sehen zu können, ist reizvoll, wenn es nur für einen gewissen Zeitraum ist. Und noch genießt er es.

Probleme beim Sehen faszinieren den 44-Jährigen, der selbst Brillenträger ist, schon seit seiner Jugend. Daher gab es für ihn nur den Berufswunsch Optiker. An die Ausbildung in seiner Heimatstadt Essen schloss er ein Studium der Augenoptik in Aalen (Baden-Württemberg) an und begann 1991 seine Berufskarriere in Meiningen (Thüringen). „Es war eine spannende Zeit“, erinnert sich Rambach.
Die D-Mark war gerade eingeführt worden, und die unternehmerische Herangehensweise war eine andere. Schließlich wechselte er nach Witzenhausen, wo er immer noch wohnt, und gründete 1995 sein eigenes Fachgeschäft am Kasseler Tor in Heiligenstadt.
Das Nachtsichtgerät funkt zwei kleine grüne Punkte – der Kellner serviert uns das Hauptgericht. Und das Abenteuer geht weiter. Bekomme ich etwas auf die Gabel, und wenn ja, was ist es? Vielleicht nehme ich doch die Finger, es sieht mich ja keiner …

Man kann eigentlich nicht wirklich ernst bleiben bei der Entdeckungsreise im Dunkeln. Guido Zinke ist natürlich routinierter und erklärt uns die Schwierigkeit, die Speisen so zu präsentieren, dass sie gut und unproblematisch essbar sind.

Bereits seit vier Jahren führt der 42-Jährige sein Restaurant. Geboren in Heiligenstadt, zog es ihn nach der Kochausbildung in die weite Welt. Doch nach mehreren Auslandsaufenthalten kam er wieder zurück, und seitdem „kommt die Welt zu ihm“. Manche Gäste fahren mehrere hun dert Kilometer, um bei ihm zu essen. „In Heiligenstadt kann ich Beruf und Familie bestens vereinen“, sagt Zinke. Die Stadt biete alles auf gut erreichbaren Wegen. „Außer richtige Berge und viel Wasser haben wir hier doch alles“, meint auch Rambach. Sie fühlen sich wohl in dieser Region und mögen die ehrliche Umgangsart. Drei Stunden, die viel kürzer empfun den wurden, beendet der Kellner mit dem Anzünden von Teelichtern. Der spannende Ausflug ins Unbekannte ist beendet, und der Raum wird sichtbar. Gutes Sehen ist wieder wichtig – bei Problemen empfiehlt sich Marcus Rambach, der vom Blind Dinner begeistert ist.

Und Guido Zinke empfiehlt eine frühe Vorbestellung, denn sein außergewöhnliches Angebot hat viele Fans. Gäste, die vom Essen (im Dunkeln) müde geworden sind, können selbstverständlich auch ein Zimmer im Haus buchen.

Der Zinke – Restaurant mit Einblick
Lindenallee 34, 37308 Heiligenstadt
www.derzinke.de
03606 / 509333