Respekt vor dem “lenkenden Geist“

Text von: Stefan Liebig

Mit Herz und Verstand zum Weltmarktführer – wie Alexander Tutsek Refratechnik lebte.

„Unser Spiritus Rector ist von uns gegangen“, beschreibt Rainer Gaebel den schweren Verlust der Refratechnik-Gruppe im September vorigen Jahres.

Nach 55 Jahren an der Firmenspitze verstarb Alexander Tutsek im Alter von 84 Jahren. Der lenkende Geist – so kann man „Spiritus Rector“ übersetzen – feilte über ein halbes Jahrhundert an seinem Lebenswerk Refratechnik.

Tutseks Führungsstil war für Gaebel, den heutigen Geschäftsführer der Refratechnik-Holding in München, von einem stets respektvollen Umgang mit den Mitarbeitern geprägt.

Auf dem langen Weg von einem mit den Schwierigkeiten der Nachkriegszeit kämpfenden Jungunternehmen zum Weltmarktführer
für feuerfeste Auskleidungen von Ofenanlagen in der Zementindustrie ließ der gelernte Journalist seine Belegschaft jederzeit spüren, dass dieser ernorme Erfolg ohne sie nicht möglich wäre.

Belege für diese Worte gibt es viele: Die Fluktuation im Unternehmen ,geht gegen Null‘, auf Weisung von Tutsek glich Refratechnik
den Mitarbeitern finanzielle Ausfälle durch Kurzarbeit im Krisenjahr 2009 aus, und seit dem Jahr 2010 bekommen alle Mitarbeiter der Refratechnik Cement – abhängig vom Unternehmensergebnis – eine freiwillige jährliche Bonuszahlung.

„Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Aber sie zeigt bereits, dass Alexander Tutsek ein Patriarch im klassischen und positiven Sinne war“, sagt auch Thomas Reimer, Geschäftsführer der Refratechnik Cement, respektvoll.

Er erinnert an die obligatorischen Rundgänge durch die Werke, bei denen sich der langjährige Chef über die Arbeitsbedingungen und -abläufe informierte und stets das Gespräch mit allen Mitarbeitern suchte. Als „Motor der Entwicklung“ habe er Richtung und Geschwindigkeit vorgegeben und das Unternehmen vorangebracht.

Sein Weitblick sei es gewesen, der aus dem 1950 als ,Steinwerke Feuerfest Karl Albert‘ in Vogelbeck gegründeten Nachkriegsunternehmen einen Weltkonzern geformt hat. 1959 übernahm er als Schwiegersohn des Gründers Karl Albert die Leitung. Managementkenntnisse eignete er sich in Hochschulkursen an. Das Fachwissen über die Produktion der feuerfesten Materialien erlernte er im täglichen Geschäft.

So gerüstet gelang in den folgenden Jahrzehnten der beeindruckende Aufstieg des auf dem ehemaligen Göttinger Militärflughafen umgesiedelten und seit 1964 unter Refratechnik (refra = feuerfest ist ein in vielen Sprachen gebräuchlicher Wortstamm) firmierenden Unternehmens zum heutigen Konzern.

Durch gezielte Zukäufe habe Alexander Tutsek für ein organisches und gesundes Wachstum gesorgt, so Reimer. Beachtlich, dass der Charakter eines Familienbetriebs nie verloren ging. 1.500 Mitarbeiter beschäftigt Refratechnik heute weltweit, 340 davon in Göttingen – Tendenz steigend.

Feuerfeste Steine und feuerfeste Betone zur Auskleidung von Anlagen zur Zementproduktion umfasst die moderne Produktpalette. Die Materialien müssen höchste Ansprüche erfüllen, denn die Drehrohröfen für die Zementproduktion benötigen eine Betriebstemperatur von ca. 1.500 Grad Celsius. Dadurch unterliegt das eingesetzte Feuerfestmaterial extremem Verschleiß durch thermische, mechanische und chemische Einflüsse.

Neben den technischen Anforderungen fordern der sich schnell entwickelnde, anspruchsvolle Markt sowie die wachsende Größe des Unternehmens eine effektive Organisation. Daher entschloss sich die Firmenspitze 1995 zur Gründung einer Holding. Heute ist Refratechnik das einzige weltweit operierende Feuerfestunternehmen in Familienbesitz.

Mit der Jahreskapazität von circa 400.000 Tonnen gebrannten Steinen, 50.000 Tonnen ungeformten Produkten und 100.000 Tonnen Magnesit generiert die Unternehmensgruppe einen Jahresumsatz von 400 Millionen Euro. Zahlen, die beeindrucken und die gleichzeitig eine Verpflichtung für die Zukunft darstellen.

„Know-how ist unser Zukunftskonzept“, sagt Gaebel und betont das Wissensmanagement des Unternehmens, welches das größte Schulungszentrum der Gruppe in Göttingen beinhaltet zur Weiterbildung von in- und ausländischen Mitarbeitern sowie Schulung der Kunden für den Einsatz von Refratechnik-Produkten.

Zudem nehmen das Forschungs- und Entwicklungszentrum sowie die Konstruktionsabteilung in Göttingen eine herausragende Stellung ein. Die für die Entwicklung und Konstruktion nötigen Spezialisten anzuwerben, ist für Refratechnik nicht ganz einfach, da das Unternehmen in einem wenig bekannten Marktsegment agiert. Doch über Kooperationen mit Hochschulen und vor allem dem in der Branche hervorragenden Ruf gelingt es, Fachkräfte zu rekrutieren und dann intern weiterzubilden.

Auch im Hinblick auf Fertigungstechnologie und Umweltschutz ist Refratechnik Cement Weltmarktführer in der Feuerfestindustrie.

Bereits vor zwei Jahrzehnten bewegten sich die Thermischen Nachverbrennungsanlagen im Rahmen der strengen Umweltvorschriften. „Die in den letzten Jahren mit siebenstelligen Investitionen installierten Regenerativen Nachverbrennungsanlagenerfüllen nicht nur die inzwischen noch niedrigeren Grenzwerte, sondern tragen mit einem zehn Prozent geringeren Energiebedarf erheblich zu Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit bei“, beschreibt Reimer das Umweltengagement der Refratechnik.

Einen weiteren Zukunftsbaustein formte Tutsek im Jahr 2000 mit der Gründung der gemeinnützigen Alexander-Tutsek-Stiftung. Stiftungsziel ist die Förderung von Kunst und Wissenschaft, insbesondere die Erforschung feuerfester Materialien.

Die Alexander-Tutsek-Stiftung und die neu gegründete Familienstiftung garantieren als Gesellschafter die Fortführung des Unternehmens im Stile von Alexander Tutsek. In seinem Sinne dürften auch die geplante Expansion auf dem Göttinger Betriebsgelände und das damit verbundene Bekenntnis zum hiesigen Standort sein.

Verhandlungen über den Zukauf eines Nachbargrundstückes sind erfolgreich abgeschlossen.

Die Refratechnik wächst weiter und folgt auch nach seinem Tode den Pfaden des einstigen Spiritus Rectors.