Religion in 90 Sekunden

Wolfgang Reinbold ist so etwas wie ein Social-Media-Star. Der Theologe der Uni Göttingen bespielt in verschiedenen modernen und klassischen Kanälen ein Format, das insbesondere jungen Menschen religiöse Fragestellungen näherbringt – und auch Antworten liefert. Und das auf eine Weise, die bei verschiedenen Zielgruppen offensichtlich gut ankommt.

Zur Person
Wolfgang Reinbold (63) ist Professor für das Neue Testament an der Universität Göttingen und Beauftragter für interreligiösen Dialog der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Er ist unter anderem Gründungsvorsitzender des Hauses der Religionen und Mitglied des Rates der Religionen in Hannover sowie der Konferenz für Kirche und Islam der Evange­lischen Kirche in Deutschland. In der Radio-, YouTube-, TikTok- und TV-Reihe „Religion in 90 Sekunden“ beantwortet er häufig gestellte Fragen aus der Welt der Religionen.

»Ich versuche immer, die Sache in ihrer DNA zu erfassen und möglichst einfach zu formulieren.«

TikTok, Instagram, Radio, Fernsehen: Der Göttinger Universitäts-Professor Wolfgang Reinbold ist multimedial unterwegs und seit Jahren das, was auf Neudeutsch wohl Influencer genannt würde. Der Hochschullehrer, der auch für die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover tätig ist, will seinen Followern allerdings nichts verkaufen. Die Beiträge sind werbefrei. Er will auch nicht missionieren. Reinbolds Ziel: „Mein Team und ich wollen möglichst neutral und objektiv Fragen zu Religionen und religiösen Hintergründen beantworten.“ Damit hat er offenbar Erfolg: Die Zahl der User geht inzwischen in die Hunderttausende.
Ein Medienstar – ich?“ Wolfgang Reinbold lächelt, kneift die Lippen etwas zusammen, wiegt den Kopf leicht hin und her, atmet hörbar ein und aus. „Naja, vielleicht“, sagt der Theologieprofessor. Aber darauf komme es ihm nicht an. Es gehe um die Sache. Und schon ist Reinbold beim Thema – seinem Thema, dem interreligiösen Dialog. Vor allem mit den Muslimen.
Den Auftakt dazu gab es im Jahr 2010, erinnert sich Reinbold. Damals rückte das Thema „Islam“ nicht zuletzt durch das umstrittene Buch „Deutschland schafft sich ab“ des SPD-Politikers Thilo Sarrazin in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. „Es wurde sehr kontro­vers diskutiert“, erinnert sich Reinbold. Ein Problem dabei: „In den Talkshows saßen als vermeintliche Repräsentanten des Islam häufig Personen mit sehr radikalen Ansichten, die in der muslimischen Community aber kaum Ansehen hatten.“

Als Beauftragter der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers für Fragen zum Islam habe er sich gefragt: „Wie können wir mehr Menschen mit seriösen und relevanten Informationen zu Fragen der Religionen erreichen?“ Dabei sei die Idee entstanden, kurze Medien­beiträge zum Thema zu produzieren und selbst zu verbreiten. Schrittweise seien dann die Formate entwickelt worden, die heute mit Erfolg im Radio bei Antenne Niedersachsen und bei ffn laufen. Als die Beiträge, die von Beginn an auch gefilmt wurden, mit zunehmendem Erfolg auch auf YouTube liefen, seien sie dann bald regelmäßig auch auf Instagram und TikTok veröffentlicht worden, berichtet Reinbold. „Irgendwann haben wir dann selbst ein wenig verwundert registriert, dass manche Videos mehr als eine halbe Million Klicks allein bei TikTok bekommen haben.“

Reinbolds Erklärung für die hohen Klickzahlen: „Elementare interreligiöse Fragen beschäftigen viele Menschen.“ Das liege auch am gesellschaftlichen Wandel. „Wir kommen aus einer Zeit, in der die Menschen hierzulande jahrhundertelang evangelisch oder katholisch waren“, sagt der Wissenschaftler. „Die Gespräche über das Religiöse liefen immer entlang der Trennlinie evangelisch | katholisch.“ Das habe sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. „Wir sind durch Migration, Demografie, Internationalisierung und Globalisierung in eine neue Lage hineingekommen“, sagt der Theologe: „Wir waren aber leider schlecht darauf vorbereitet.“ Hierzulande seien die Menschen entweder evangelisch oder katholisch gewesen. „Und dann haben wir festgestellt: Bei uns leben Muslime, wieder sichtbar Juden, Jesiden, Aleviten, Buddhisten, Hindus – um nur einige zu nennen.“ Und zudem gebe es „immer mehr Leute, die keine Religion haben“.

Damit die Gesellschaft mit dieser veränderten Lage vernünftig umgehen könne, seien Informationen erforderlich, sagt Reinbold. Durch die von ihm präsentierten Beiträge in den unterschiedlichen Medien wolle die evangelische Landeskirche dazu beitragen. Ein paar Beispiele: Warum dürfen katholische Priester nicht heiraten? 
Dürfen sich Muslime schminken? Warum ist der Buddha so dick? Oder: Verschwörungstheorien – warum sind eigentlich immer die Juden schuld?
Weil die selbst produzierten Videos zu diesen und vielen anderen religiösen Fragen so gut liefen, habe sein Team sich irgendwann gesagt: „Das geht auch in Print“. Die Folge: zwei Taschenbücher mit den Titeln „Warum ist der Buddha so dick?“ und „Warum ist Weihnachten am 7. Januar?“, in denen jeweils 101 Fragen aus der Welt der Religionen gestellt und beantwortet werden. Erschienen sind die Werke beim Göttinger Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.
Im Februar vergangenen Jahres kam dann noch das Medium Fernsehen hinzu: Bei ProSieben läuft ­seither immer samstags in den geraden Monaten um 11.24 Uhr die Infotainment-Serie „Religion in 90 Sekunden“. Auch dabei werden Fragen beantwortet wie „Warum gibt’s freitags Fisch?“ oder „Duldet der Islam wirklich keine anderen Glaubensrichtungen?“

Produziert werden die Beiträge beim Evangelischen Kirchenfunk in Hannover. Viele Fragen kämen mittlerweile aus den Kommentaren der Social-Media-­Kanäle, sagt Reinbold, der mittlerweile rund 50-mal pro Jahr vor der Kamera steht. Das gehe zwar noch immer mit einer gewissen Anspannung einher, räumt der Theologe ein. Das ursprünglich vorhandene Lampenfieber habe er inzwischen aber ganz gut unter Kontrolle.
Mit dem Erfolg der unterschiedlichen Formate sind Reinbold und sein Team „super zufrieden“. Denn mit Präsenzveranstaltungen, und seien sie noch so gut vorbereitet und beworben, „könnten wir niemals eine solche Resonanz erzeugen“.
Das übergeordnete Ziel des interreligiösen Dialogs sei es, zu einem guten Umgang miteinander etwas beizutragen, in diesem Land und darüber hinaus, sagt Reinbold. Denn zum Selbstverständnis der Evangelisch-lutherischen Kirche Hannovers gehöre es, das Gemeinwesen und die demokratischen Strukturen zu stärken. Dazu gehöre es heutzutage auch, sich mit religiöser Vielfalt seriös zu befassen, sowohl in größeren Publikationen als auch in kurzer Form. Die Kunst der „90 Sekunden“ bestehe in der Elementarisierung, so Reinbold: „Ich versuche immer, die Sache in ihrer DNA zu erfassen und möglichst einfach zu formulieren.“
Dass sein Engagement nicht vergebens ist, kann man an den Klick-Zahlen im Internet erkennen. Zudem gebe es auch auf die Formate in den klassischen Medien viele Reaktionen, sagt Reinbold. „Wir merken: Es gibt einen großen Bedarf an seriöser Information über Themen im Zusammenhang mit Religion und Weltanschauung.“
Unabhängig davon sei er angenehm überrascht und froh, dass es in den sozialen Medien so gut wie keine Hass-Kommentare gebe. „Wir bekommen dagegen viel positive Resonanz. Die Menschen schreiben, dass sie unsere Informationen gerne nutzen, weil sie merken, es geht uns nicht darum, andere Religionen schlecht zu machen.“ Ziel sei es vielmehr, „aus unserer evangelischen Perspektive etwas zu einem besseren religiösen Miteinander beizutragen.“ In den Beiträgen trete er deshalb auch nicht als evangelischer Geistlicher auf. „Die Rolle ist eher die des Professors“, sagt Reinbold. Unabhängig davon sei es sein Ziel, „so zu schreiben und zu sprechen, dass die Menschen es verstehen.“
Die nächste große Chance, öffentlich ganz verständlich über religiöse Fragen zu reden, wird Wolfgang Reinbold voraussichtlich am 31. März bekommen. Dann soll er im NDR-Fernsehen in der Sendung „DAS! Rote Sofa“ zu Gast sein. ƒ

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