Raus aus der Krise

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Als angestellte Geschäftsführer sammelten Jürgen Zinecker und Rainer Bilgeri viele wertvolle Erfahrungen – vor allem auch die, dass ihnen trotz ihrer Position häufig die Hände gebunden waren. Selbstbestimmt entscheiden zu können, motivierte sie und brachte sie zum Schritt, ein eigenes Unternehmen zu führen.

Kennengelernt haben sich die beiden Manager 1996 als Beschäftigte desselben Unternehmens. Den Kontakt haben sie seither stets gehalten. Als die Unternehmensleitung der Göttinger Firma Tech aus Altersgründen Nachfolger suchte, wagten die beiden den Schritt in die Selbständigkeit. Gut gefüllte Auftragsbücher und eine qualifizierte Belegschaft mit 600 Mitarbeitern an vier Standorten sollten die Grundlage für eine weiterhin erfolgreiche Zukunft des Betriebes sein. Das Kerngeschäft von Tech bilden Industriedienstleistungen, wie etwa die Instandhaltung und der Transport von Maschinen oder auch die Übernahme von Lohnarbeiten für andere Unternehmen sowie elektrische Prüfverfahren.

Nach erfolgreichen Verhandlungen wurde der Verkauf im Jahr 2007 abgewickelt. „Wir sind zu einem für beide Seiten guten Ergebnis gekommen und konnten ein gesundes Unternehmen übernehmen“, blickt Zinecker zurück. Die nötigen Finanzierungsverträge mit der Bank waren zum damals „marktüblichen Zinssatz unter Dach und Fach“. Einer reibungslosen Fortführung des 1994 gegründeten Unternehmens stand also nichts mehr im Wege. „Aber dann kam die Finanzkrise“, erinnert sich Bilgeri. „In einem Jahr verloren wir 50 Prozent unseres Umsatzes.“ Viele Kunden, insbesondere der Automobilindustrie und des Maschinenbaus, stellten auf Kurzarbeit um, hatten kaum genug Arbeit für die eigenen Mitarbeiter und erst recht keinen Bedarf, um Aufträge an Unternehmen wie Tech weiterzugeben. Die Krisenjahre 2008 und 2009 führten zu einer Halbierung der Mitarbeiterzahl des Göttinger Unternehmens. „Hätte unsere Bank die Forderungen aus dem Kapitaldienst zu dieser Zeit nicht teilweise gestundet, hätten wir sofort dicht machen können. Doch man glaubte an unser Geschäftsmodell und verstand, dass wir nur durch die äußeren Umstände in diese Notsituation geraten waren“, sagt Zinecker dankbar für das Verständnis der Geldgeber.

Doch diese Teilstundung vertagte das Problem lediglich. Sie löste es aber nicht. Die Krise wollte nicht vorübergehen. Tech gelang es ab dem Jahr 2010, die Umsätze zu steigern, vormals entlassene Mitarbeiter wieder einzustellen und den Wachstumskurs zu verstetigen. Operativ war damit das Unternehmen bereits sehr früh nach der Krise zur Stabilität zurückgekehrt. Ungelöst blieb die finanzielle Restrukturierung, die angesichts des durch die Krise hervorgerufenen hohen Verschuldungsgrades dringend erforderlich war. „Hierüber wurde mit der Bank jährlich neu verhandelt, leider ohne das gewünschte Ergebnis einer dauerhaften finanziellen Sanierung. Wir konnten uns leider nicht auf ein neues langfristiges Finanzierungskonzept mit neuen, dem veränderten Markt angepassten Kreditkonditionen einigen“, so Bilgeri. Als sich bei Gesprächen mit Wirtschaftsprüfern herausstellte, dass die nicht zum 1. Januar des neuen Jahres vorliegende Stundungserklärung und eine mögliche folgende Wertstellung der Kreditverträge durch die Bank zum Tatverdacht der verschleppten Insolvenz führen kann, läuteten die Alarmglocken in der Tech-Führungsetage.

Die beiden Unternehmer gingen den schwierigen Weg couragiert und zielstrebig weiter. „Wir haben von Anfang an auf Ehrlichkeit und Transparenz gesetzt. Wir waren überzeugt, nur so unsere Kunden und unser gutes Verhältnis zur Bank halten zu können“, erklärt Zinecker. Als sich Ende des Jahres 2013 keine rechtzeitige Einigung mit der Bank für das Folgejahr und darüber hinaus abzeichnete, stellten die beiden das Unternehmen Tech unter einen Schutzschirm (siehe Kasten auf Seite 55). „Wir konnten Tech nicht unter der ständigen Unsicherheit und einer fehlenden Zukunftsperspektive mit dringend erforderlichen Investitionsmöglichkeiten verharren lassen“, erklärt Zinecker die Inanspruchnahme des neuen Hilfsinstruments.

Das Schutzschirmverfahren ist die Alternative zum klassischen Insolvenzverfahren. Voraussetzung ist, dass der geschützte Betrieb seine laufenden Kosten begleichen kann. Der Schutzschirm greift insbesondere für die langfristigen Finanzverpflichtungen. „Für uns war dies die einzig ehrliche Lösung. Wenngleich wir uns auch damit in eine Blackbox begeben haben. Wir wussten nicht, wie Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten reagieren“, erklärt Zinecker und Bilgeri ergänzt: „Wir mussten mutig vorangehen, um eine dauerhafte Lösung zu schaffen.“ Als „sensationell“ bezeichnen beide die Reaktionen aller Geschäftspartner nach Bekanntwerden des Tech-Schutzschirmverfahrens: Kein Kunde sprang ab, kein Mitarbeiter kündigte, die Lieferanten blieben bei der Stange.

Doch die Zeit des Schutzschirms reichte nicht aus. Die Wochen um den Jahreswechsel verstrichen. Die zu vereinbarenden Termine mit Gericht, Sachwalter und vorläufigem Gläubigerausschuss zogen sich hin. Die dreimonatige Frist war somit schnell vorbei. Wichtige Effekte löste der Schritt unter den Schutzschirm dennoch aus. Denn die Verhandlungsposition gegenüber der Bank hatte sich durch das aktivierte Verfahren wesentlich verbessert: So durften die beiden Geschäftsführer in dem im Frühjahr 2014 eingeleiteten Insolvenzverfahren ihr Unternehmen in Eigenverwaltung selbstbestimmt fortführen. Auch eigene Sachwalter und Rechtsbeistände durften selbst ausgewählt werden. „Hätten wir diesen Entscheidungsspielraum nicht erhalten, gäbe es Tech heute nicht mehr“, erklärt Bilgeri die damalige Situation.

Das Insolvenzplanverfahren lief vom Frühjahr bis zum 24. September. Und entgegen vieler anderer Beispiele endete es nicht mit der Zerschlagung des Unternehmens, sondern mit der Rückkehr zum ordentlichen Geschäftsbetrieb und mit einer finanziellen Sanierung. Das Besondere ist, dass alle Beteiligten, Bank, Sachwalter, Gericht sowie Tech den Prozess konstruktiv begleitet und ein Ergebnis zur Zufriedenheit aller erreicht haben. „Der Richter bedankte sich sogar ausdrücklich für das vorbildliche Verfahren. Er möchte es als Musterbeispiel in der Fachpresse veröffentlichen“, erklärt Zinecker zufrieden und mit nachvollziehbarem Stolz.

Das Tech-Geschäft läuft weiterhin erfolgreich. Die Mitarbeiterzahl übertrifft inzwischen den Vorkrisenstand. Die beiden Inhaber haben viel gelernt in dieser langen und schwierigen Zeit. „Wir sind froh, die Kraft gehabt zu haben, diesen schweren, selbst gewählten Weg mit Mut und einer aktiven Informationspolitik überstehen zu können“, sagt Bilgeri erleichtert zurückblickend. Dankbar sind die beiden Unternehmer den vielen sachkundigen Unterstützern in der schwierigen Zeit und den Mitarbeitern, die gerade im administrativen Bereich viel organisatorische Mehrarbeit leisten mussten. Zinecker schließt mit einem seines Erachtens essentiellen Ratschlag: „Unerlässlich sind absolut vertrauenswürdige Berater, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann. Hier zu sparen, wäre das Falscheste, was man tun könnte.“ Mit dem Weg in die Öffentlichkeit möchten die beiden Krisenmanager allen Betroffenen Mut machen, ebenfalls schnell und beherzt zu handeln.