“Raus aus dem Zwergensyndrom“

Text von: redaktion

Der Göttinger Entrepreneur-Professor und Venture-Capital-Pionier Klaus Nathusius fordert statt Beamtenmentalität deutlich mehr Geld in der Wissenschaft.

Herr Professor Nathusius, Sie sind Lehrbeauftragter für „Entrepreneurship und Entrepreneurial Finance” (EEF) an der Georgia Augusta und selbst erfolgreicher Unternehmer. Woran scheitern die meisten Gründer?

Ein Problem ist, dass hierzulande alles negativ besetzt ist, was mit Kommerz zu tun hat. Aber ich kann in einer Gesellschaft nicht die ganzen Wohltaten genießen und dann kein Geld verdienen wollen. Irgendwoher muss das Geld dafür ja kommen. Bei Ausgründungen aus der Wissenschaft treffe ich häufig auf Professoren, die etwas Tolles entwickelt haben, und ihren Assistenten, der seine Promotion mit summa cum laude bestanden hat, überschwänglich loben und ihn mit der Ausgründung betrauen wollen. Ich bezweifele, ob der überhaupt drei Menschen über eine belebte Straße führen kann. Die Frage ist, ob so jemand in Märkten erfolgreich agieren kann. Als Entrepreneur darf man keine Angst haben, jemandem lästig zu sein, um sein Produkt anzupreisen. Diese Aspekte unterschätzen viele, die eine gute Idee haben.

Zahlreiche Gründer beklagen sich über die Banken, die die Entwicklung behinderten oder Projekte sogar zum Scheitern brächten.

Was können Sie denen empfehlen?

„Die Banken haben uns das Geld nicht gegeben“ – diesen Satz als Grund fürs eigene Scheitern zu nennen, ist Unsinn. Wenn man das Geld nicht bekommt, ändert man sein Konzept oder fährt seine Ansprüche herunter, oder man geht zu einer anderen Bank oder zu einer Venture- Capital-Gesellschaft. Die Einstellung, „Das Umfeld ist schlecht zu mir“, ist Selbstbetrug. Und wenn es mal floppt, ist das auch nicht schlimm. Man hat wieder was gelernt, und das kann der Ausgangspunkt für etwas Neues sein. Von den fast 50 Invests, die ich in den letzten 30 Jahren getätigt habe, ist rund ein Drittel gescheitert. Das nimmt einen als Investor schon mit, wenn man das hautnah erlebt. Das Problem in Deutschland ist, dass man als Unternehmer nach einer Insolvenz einen Makel hat, den man so schnell nicht wieder los wird. Das muss aber irgendwann überwunden sein; jeder hat eine zweite und eine dritte Chance verdient. Wenn jemand aus meinem Bekanntenkreis insolvent wird, dann rufe ich ihn an und biete ihm praktische Hilfe wie zum Beispiel Coaching und Büroräume an. So eine Insolvenz ist für den Betroffenen eine ungeheure psychische Belastung – viele zweifeln sogar am Sinn des Lebens. Wir müssen in Deutschland lernen, anders mit unternehmerischen Misserfolgen umzugehen.

Was müssen die Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen der Region tun, um Ausgründungen noch weiter zu fördern?

Hier gibt es keinen Königsweg. Gerade vollzieht sich die Metamorphose der deutschen Hochschulen, die bisher nur Forschung und Lehre betreiben mussten und durften. Jetzt kommt noch der Transfer in die Wirtschaft hinzu, was nicht selbstverständlich ist. Als ich neu in Göttingen war, sagte ein Kollege: „Komisch, dass wir Unternehmen gründen sollen – noch vor 15 Jahren war das eine Straftat.“ Damals durften Professoren die universitäre Infrastruktur wie Laborräume nicht einfach für unternehmerische Zwecke nutzen. Das geht nicht von heute auf morgen. Wir müssen in die Köpfe der Menschen kommen und ihre Einstellungen verändern.

Wir haben hier an der Uni eine Abendveranstaltung, den Start Faculty Club, in den wir 25 bis 30 Professoren einladen und ihnen eine erfolgreiche Gründung aus der Wissenschaft vorstellen. Da gibt es anschließend lebhafte Diskussionen. Beim letzten Treffen entstand bei einer Forscherin eines Max- Planck-Instituts die Idee, ein Produkt zu franchisen. Das ist zwar noch nicht am Markt, aber der Weg ist richtig. Ein ganz anderes Beispiel: Ich habe gerade aus Skandinavien gehört, dass es im Kindergarten Rollenspiele gibt, Unternehmer zu sein. Meine Frau ist Lehrerin, und sie geht einmal im Schuljahr mit Ihrer Klasse ein Unternehmen besuchen. Diesen Kontakt braucht unser System.

Müssen die Strukturen in der Wissenschaft verändert werden?

Das Problem hier ist, dass es staatliche Programme zur Verbesserung des Technologietransfers gibt, in denen öffentliche Diener beauftragt werden, die noch nie in einer Firma waren oder etwas verkaufen mussten. Wir brauchen andere personelle Strukturen. Diese Beamtenmentalität verändert die Welt nicht! Wir brauchen da nur auf die hoch erfolgreichen amerikanischen Universitäten zu schauen. Beim MIT zum Beispiel wird die Grenze zwischen akademischer Arbeit und wirtschaftlicher Praxis aufgeweicht. So machen ein Professor und ein Manager gemeinsam Lehrveranstaltungen. Wissenschaftler werden finanziell beteiligt, wenn ihre Idee an die Wirtschaft verkauft wird. Dass sie damit Geld verdienen, muss man ihnen dann aber auch gönnen. Zugleich müssen die Hochschulen selbstbewusster werden, erfolgreiche Transfer zu machen: Sie haben nichts zu verschenken, sondern sie müssen auch daran verdienen können.

Überall in Deutschland werden Cluster gebildet, auch in Südniedersachsen gibt es zahlreiche Verbünde u.a. in Messtechnik und Mobilität. Ist dieser Weg richtig?

Man muss mit seinen Pfunden wuchern – es gibt hier nicht so viele. Göttingen hat eine sehr gute wissenschaftliche Kompetenz und international einen sehr guten Ruf. Wir müssen daher die Stärken ausweiten. Es nutzt nichts, über die Schwächen zu dozieren.

Was Niedersachsen leider noch nicht begriffen hat: Dafür muss man richtig Geld in die Hand nehmen. Gerade diskutiert das Land, ca. 20 Millionen Euro vom Verkauf des Flughafens Hannover an die Hochschulen zu verteilen. Das bringt nichts. Man müsste 200 Millionen in die Hand nehmen; Bayern würde zwei Milliarden investieren. Die haben es vorgemacht: Das Land hat sein Tafelsilber

verscherbelt und das Geld in die Hochschulen gesteckt. Wir müssen aus dem Zwergensyndrom raus! Die Engländer haben ein Sprichwort: „Put the money where the mouth is.“ Wir müssten richtig in die Infrastruktur investieren. In Göttingen sind GöTec und Science Park zwar niedlich, aber der Effekt ist gering. Es gibt in der Politik leider eine Denkweise, alles nachzumachen, was andere

auch schon machen. Das hilft hier nicht!

Vielen Dank für das Gespräch.